Gegen die Dunkelheit

Kinder des Lichts

30. Juli 2010 17:38

Stefan Brändle beleuchtet in seinem Reiseführer der besonderen Art sechs Künstler der Provence

Wer den Süden Frankreichs bisher nur von Bildern oder vom Hörensagen kennt, der ist nach kurzer Lektüre vom Licht der Provence eingenommen. Und wenn einen auch sogleich die Reiselust packt, so ist es gar nicht unbedingt notwendig, ins Land der blühenden Zitronen, der verwunschenen Felsdörfer oder der sagenhaften Küsten zu reisen.

Der Schweizer Stefan Brändle, Frankreich-Korrespondent des Standard und anderer deutschsprachiger Zeitungen, nimmt den Leser mit auf eine Reise in ein mediterranes Reich der Farben, das viele Künstler fasziniert und schöpferisch beeinflusst hat.

Das gut 200 Seiten starke Taschenbuch ist ein Reiseführer der besonderen Art und zum kurzen informativen Nachlesen ebenso geeignet wie auch für längere Lesestunden, wenn der Sommer in Österreich auf sich warten lässt und man sich das Licht der hochstehenden Sonne herbeisehnt. Das Besondere sind nun sechs Essays, in denen Brändle Maler und Dichter des Midi porträtiert und zu den Orten hinführt, die ihr Leben und Werk geprägt haben. Die teilweise weltberühmten künstlerischen Arbeiten dieser Kinder des Lichts lassen sich allesamt in irgendeiner Form mit Licht- und Farberfahrungen in Verbindung bringen.

Da ist zum einen Paul Cézanne, der Eigenbrötler aus Aix-en-Provence, der sich dem Licht mehr öffnete als den Menschen und immer wieder aufs Neue den Mont Sainte-Victoire in lebendigen Farben festhielt. Oder Vincent van Gogh, der aus dem Norden kam, um die Farbgewalt des Midi einzufangen und schlussendlich in der Camargue das weltberühmte Gelb fand. Auch der nordfranzösische Maler Henri Matisse, der Meister des Lichts, fand im Midi das Gleichgewicht der Farben und bannte sie in seine Kapelle von Vence unweit von Nizza.

Die schillernde, unerschöpfliche Sonnenenergie spiegelt sich auch in den Werken einzelner Schriftsteller. Bei Jean Giono aus Manosque, der sich gegen die glühende Sonne wandte und das labende Himmelsblau in allen Facetten rühmte. Für den Dichter und Rugbyspieler René Char, der zu den prägendsten Figuren der französischen Nachkriegsliteratur zählt, existiert das Licht nur, weil rundherum Dunkelheit herrscht. Sein steiniger Lebensweg begann in L'Isle-sur-la-Sorgue im Rhone-Delta, wo er sich die Nacht zur Komplizin machte und Gedichte fern von Provence-Romantik verfasste. In die Reihe der provenzalischen Fabulierkunst gesellt sich auch Albert Camus, der lange im Herzen der Provence, dem Luberon, lebte.

Eingeheftete Farbabbildungen ausgewählter Gemälde bereichern die geschriebenen Porträts. Stefan Brändle leitet jeden Essay mit einer Beschreibung der jeweiligen Gegend ein, in denen den Künstlern ein Licht aufging. Persönliche Eindrücke und Informationen über kunstgeschichtliche Hintergründe sowie Leseproben der Dichter vervollständigen diese Reiselektüre ebenso wie ein umfangreicher Anhang. (Sebastian Gilli, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 31.07./01.08.2010)

Stefan Brändle, "Im Licht der Provence. Maler und Dichter im Midi" . € 13,40 / 180 Seiten. Reclam, Leipzig 2010

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