Das trojanische Rüsseltier

30. Juli 2010 17:38

Unnachahmlicher Ton: José Saramago begleitet in seinem vorletzten Roman einen Elefanten auf der Reise von Lissabon nach Wien

Vom Salomon zum Soliman sind es nur ein paar umgestellte Vokale, zugleich aber liegen zwischen diesen Namen Welten: eine ist biblisch, eine ist muslimisch, für Zeitgenossen klingen beide Namen ein wenig exotisch. Und darauf hatte es wohl auch der vor wenigen Wochen verstorbene portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago abgesehen, als er vor zwei Jahren in seinem vorletzten Roman Die Reise des Elefanten von einem Rüsseltier namens Salomon erzählte, das irgendwann in Soliman umbenannt wird. Darin steckt ein Maß an Beleidigung, denn Salomon ist ein Geschenk des portugiesischen Königs Johann des Dritten an seinen österreichischen Vetter, den Erzherzog Maximilian, und wenn die erste Reaktion auf ein Geschenk ist, ihm einen neuen Namen zu geben, hat die Geste ihren Sinn ein wenig verfehlt.

Saramago erzählt eine Geschichte aus dem 16. Jahrhundert, aber er erzählt sie aus der Perspektive eines Erzählers, der sich fünf Jahrhunderte später etwas zusammenreimt, von dem historisch nur wenig überliefert ist. Auf diese Weise gewinnt er die Freiheit für jene souveräne Ironie, die zu einem Markenzeichen seiner späteren Bücher geworden ist - ein Spiel mit den Versatzstücken des Erzählens, das bei Umberto Eco seine wohl populärste Ausprägung in den letzten Jahrzehnten erreicht hat, während Saramago dieses Prinzip mit mehr Hintersinn und mit höherem literarischen Anspruch verfolgt.

Die Reise des Elefanten ist zuerst exakt das, was der Titel verspricht: ein Bericht von der mühsamen Überstellung des Viertonners Salomon von Lissabon nach Wien, mit Zwischenstationen in Valladolid, Genua und Brixen, in Begleitung seines indischen Mahuts Subhro (der unterwegs auch umbenannt wird, er heißt danach Fritz, weil das die Menschen in Österreich besser verstehen) und eines Trosses von Edlen und Domestiken, von Kürassieren und Ochsen, und das alles unter den Bedingungen von Wind und Wetter, Staub und Eis. Dazu Unmengen von Elefantenkot und Elefantenurin, die zu einer Umstellung in der Abfolge des Trosses führen: Maximilian fährt mit seiner Gattin Maria, einer Tochter von Karl dem Fünften, in seiner Kutsche dann doch lieber vor als hinter dem rätselhaften Tier.

Rätselhaft ist Soliman deswegen, weil er nicht spricht, und weil er sich nur bis zu einem gewissen Maß beherrschen lässt. Sein Elefantenführer befindet sich zwar meistens in einem guten Einvernehmen mit ihm, aber so richtig berechenbar ist auch für ihn nicht, was das wundersame Wesen will. Das Unbehagen darüber wird in der Reise des Elefanten zur alles beherrschenden, man könnte fast sagen: epochalen Erfahrung letztendlich der Menschen miteinander und mit sich selbst.

In der frühen Neuzeit wurden in Europa alle möglichen Tiere und auch Menschen herumgereicht und zur Schau gestellt, auf diese Erfahrungen mit dem Fremden bezieht sich Saramago ganz offenbar. Aber er geht über das Staunen weit hinaus und lässt in seinem Erzählen die ganze Geschichte der modernen Natur- und damit auch Tierbeherrschung von vornherein in die Irre laufen.

Zwar kommt Salomon, damit verrät man nicht zu viel, am Ende in Wien an. Die Umstände dieser großen Fahrt sind aber eher solche, die vielfach an den Ritt von Don Quijote gegen die Windmühlen erinnern. Der große Roman von Cervantes zog die erzählerischen Konsequenzen aus den Eitelkeiten und Verblendungen des 16. Jahrhunderts, und Saramagos größte Ironie besteht vermutlich darin, dass er sich mit seinem Roman an die Stelle der Voraussetzungen eines überragenden Buchs setzt, auf das er sich sehr verschmitzt, aber doch deutlich bezieht. Salomon ist nicht Don Quijote, und Fritz ist nicht Sancho Pansa, aber der Geist der grundlegenden Verfehlung von Wirklichkeit ist bei Saramago allgegenwärtig.

Es ist letztendlich aber doch ein aufklärerischer Geist, denn sein Roman ist nicht darauf angelegt, alles bloß relativierend aufeinander zu beziehen: indische Mythologie vom Elefantengott Ganesh; biblische Gleichnisse von bösen Geistern, die in Schweine fahren; Theorien des "poetischen Akts" , wie sie am portugiesischen Hof improvisiert werden; und derlei Dinge mehr. Die Instanz, die das alles zusammenhält, ist schließlich doch ein klassischer Erzähler, der sich immer wieder reflektierend einschaltet: "Wenn jeder bleibt, wo er hingehört, sind die Chancen für einen universellen Frieden am günstigsten, doch manchmal verfügt die göttliche Weisheit anders."

Das klingt nach tiefer Einsicht und höherem Blödsinn zugleich, und genau diesen Ton, der häufig ja auch der Ton der Politik ist, trifft Saramago dann doch recht unnachahmlich. Als Soliman in Trient eintrifft, ist dort schon ein hölzernes Ebenbild des Elefanten aufgebaut, und für eine Sekunde ist dem Erzherzog ein wenig unwohl, denn er fühlt sich an das trojanische Pferd erinnert, das Urbild aller Täuschungen. José Saramago ist ein listenreicher Erzähler, ein höchst gebildeter Lügner, der selbst trojanische Rüsseltiere überzeugend zu schildern weiß. (Bert Rebhandl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 31.07./01.08.2010)

José Saramago "Die Reise des Elefanten" . Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. € 19,95 / 240 Seiten. Hoffmann und Campe, Hamburg 2010

Anna Kuchmann
31.07.2010 16:26
Dank

Ich bin leider erst durch seinen Tod auf sein Werk aufmerksam geworden, obwohl er schon vor mehr als einem Jahrzehnt den Nobelpreis erhalten hat *schäm - doch besser spät als nie. "O Amo da Morte de Ricardo Reis" (1984) hat mich in den Bann gezogen, da auch die Gedichte Pessoas unter dessen Heteronym "Ricardo Reis" sehr gut sind (billige dt. Ausgabe bei Ammann, sehr empfehlenswert). Den in der Buchempfehlung genannten erstübersetzten Roman mit Wienbezug werde ich mir sicher ansehen. Vielen Dank für die Empfehlung!

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