"Leistungsgruppen für schwache Schüler eine Katastrophe"

  • Schulnoten abschaffen - eine Idee, die auf politischer Ebene bisher nur die Grünen auszusprechen gewagt haben.
    foto: apa/hochmuth

    Schulnoten abschaffen - eine Idee, die auf politischer Ebene bisher nur die Grünen auszusprechen gewagt haben.

Pädagogikprofessor Vierlinger über Schulnoten, die Lebenswege einschränken und seinen "Liebesbrief" an Beatrix Karl

Schulnoten sind Unsinn. Davon ist Rupert Vierlinger, ehemaliger Direktor der Pädagogischen Akademie, überzeugt: Das derzeitige System der Leistungsbeurteilungen "stößt die Schüler in ein Wettbewerbsgerangel und lässt die Klasse zu einem Hunderennplatz verkommen." Im Interview mit derStandard.at erklärt er, warum Noten keine geeigneten Messinstrumente für Leistungen sind und wieso die Neue Mittelschule keine "echte" Gesamtschule ist.

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derStandard.at: Herr Vierlinger, sie haben sich ihr Leben lang für die Abschaffung von Ziffernnoten eingesetzt. Wo liegt das Problem?

Vierlinger: Jedes Messinstrument muss drei Gütekriterien erfüllen: Objektivität, Zuverlässigkeit und Gültigkeit. Objektiv ist das EKG, wenn es egal ist, ob es der Arzt A macht oder der Arzt B. Genauso müsste es egal sein, ob der Lehrer A oder der Lehrer B eine bestimmte Leistung benotet - Jeder weiß, dass es sich anders verhält. 

Gleiches trifft für die Zuverlässigkeit zu. Als Professor für Schulpädagogik habe ich an der Universität Passau pro Semester etwa 100 Klausuren zu verbessern gehabt. Angenommen, man hätte mir diese Arbeiten nach einiger Zeit - gereinigt von meinen Eintragungen - wieder vorgelegt, und zwar mit der Erwartung, dass ich zu den selben Ergebnissen käme... Diesen Test hätte ich - wie jeder Andere - mit Sicherheit nicht bestanden.

Auch das Kriterium der Gültigkeit kann nicht erfüllt werden. Ich habe meinen Studenten an der pädagogischen Akademie seinerzeit eine Aufgabe gestellt. 100 Leute mussten den Aufsatz eines Buben benoten, der kein schönes Schriftbild hatte. Die anderen 100 bekamen denselben Aufsatz mit einer schönen Schulschrift. Ich hab ausdrücklich zu beiden Gruppen gesagt: Schauen Sie nicht auf Schrift und Form. Geben Sie nur eine Note aufgrund des Inhalts. Die Unterschiede bei der Notenvergabe waren offensichtlich: bei der ersten Gruppe gab es für den Aufsatz im Durchschnitt einen Dreier, bei der zweiten hingegen einen Zweier. Allein der Schrifteindruck hat also das Urteil über den Inhalt merkbar verändert. Es werden Dinge hineininterpretiert, die mit dem Beurteilungsauftrag nichts zu tun haben. 

derStandard.at: Kann ein Mathematik-Professor die Noten-Vergabe transparenter durchführen als etwa ein Deutsch-Professor?

Vierlinger: Auch das ist keinesfalls sicher. Ein Mathematiklehrer aus einer großen Hauptschule hat zum Zwecke der Harmonisierung bei der Bildung von Leistungsgruppen die M-Schularbeit eines seiner Schüler an fünf Fachkollegen mit der Bitte um Beurteilung weiter gereicht. Einer gab ein Sehrgut; die als sehr streng bekannte Kollegin gab ein Nichtgenügend; zwei gaben ein Befriedigend und einer ein Genügend. Er selbst hatte sich für ein Gut entschieden. Groß angelegte Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Beim Betreiben der Mathematik herrscht die Logik vor, bei der Beurteilung der Schülerleistung aber die Psychologie.

derStandard.at: Welche Konsequenzen haben Noten für den Einzelnen?

Vierlinger: Schicksalsträchtige, obwohl sie nicht gerecht sind! Wann geben unsere Universitäten zu, dass es unsinnig ist, unter zwei Bewerbern aus verschiedenen Schulen, Städten oder gar Bundesländern einen nach den Maturanoten auszuwählen? Auch die Numerus-Clausus-Berechnungen in Deutschland sind sinnlos: Man berechnet den Mittelwert der Noten bis auf Zehntel- und Hundertstelstellen, obwohl schon die Einerstellen nicht stimmen. 

derStandard.at: Brauchen wir nicht doch Maßstäbe in Form von Noten und den Wettbewerb untereinander, um Leistungssteigerungen zu erreichen?

Vierlinger: Dazu wieder ein Beispiel: Ich bin einmal etwas verspätet in ein Klassenzimmer zum Praktikumslehrer gekommen und merke, dass etwas vorgefallen ist, weil große Aufregung geherrscht hat. Natürlich haben die Schüler eine Schularbeit zurückbekommen. Ich habe sie gebeten anonym die Frage "Was geht dir gerade durch den Kopf?" zu beantworten. Bei den Antworten gab es kein Wort über die Schularbeit selbst, die Mehrheit schrieb von Dingen wie Neid und Überheblichkeit. Beispielsweise: Ich freue mich, dass mein Sitznachbar eine schlechtere Note als ich hat. Oder: Ich beneide meinen Nachbar um die bessere Note. Die meisten hatten also bereits den geheimen Lehrplan des Systems verinnerlicht: "Übe keine Nächstenliebe, sie bringt dich nicht voran!" - Im Vorwort zu den offiziellen Lehrplänen und in den politischen Sonntagsreden zur Schule steht und klingt es zwar anders, aber der vom installierten System der Leistungsbeurteilung ausgehende Impuls ist stärker. Er stößt die Schüler in ein Wettbewerbsgerangel und lässt die Klasse zu einem "Hunderennplatz" verkommen. Die Devise lautet: "Übertriff den Anderen!", während sie eigentlich lauten sollte, "Übertriff dich selbst!"

derStandard.at: Was wäre der Ersatz für die herkömmliche Notengebung?

Vierlinger: Es gibt systemkonforme und systemsprengende Alternativen. Um die Direkte Leistungsvorlage (DLV), die von mir propagierte Alternative, zu erklären, muss ich den Unterschied zwischen systemkonform und systemsprengend verdeutlichen.
Systemkonforme Alternativen (verbale Beurteilung, Pensenbücher, Lern- und Entwicklungsberichte etc.) ändern grundsätzlich nichts an den Gegebenheiten, die bei der Ziffernnote bestehen: Die Schülerleistung sieht im Wesentlichen nur der Lehrer. Er schätzt sie ein und transformiert sie nach seinem Gutdünken in eine Note. Die Adressaten, die weiterführende Schule, der Betriebschef, bei denen sich die Absolventen bewerben, sehen nur die Note. Sie transformieren diese (wiederum) nach eigenem Gutdünken in eine Vorstellung von Eignung und treffen eine Entscheidung. 

Bei der systemsprengenden Alternative namens DLV wird der Lehrer dorthin "verschoben", wo er eigentlich immer hin gehört hat: an die Seite des Schülers. In ihrem gemeinsamen Bemühen kommt der Schüler zu seiner individuellen Leistung. Er legt eine exemplarische Auswahl in eine "Portfolio" genannte Mappe und zeigt sie den Adressaten... Wie ein guter Trainer entzieht sich der Lehrer nicht dem Urteil darüber, ob etwas bereits gut ist oder noch verbesserungsbedürftig. Das Neue in seiner Rolle aber ist, dass er immer Helfer und Trainer bleibt und nie die Rolle des Richters übernimmt. Diese kommt den Adressaten zu, die über Aufnahme oder Ablehnung entscheiden. Sie kennen das Anspruchsniveau ihrer Institution besser als er. - Aus den vielen Vorteilen der DLV sei nur einer herausgegriffen: Endlich kommt auch der Schwache zu seinem Erfolg, weil seine Leistung am individuellen Fortschritt gemessen wird und nicht am Mittelmaß des Kollektivs.

derStandard.at: Wie sehen Sie die Chancen, dass das Notensystem tatsächlich irgendwann abgeschafft wird?

Vierlinger: Ministerin Schmied hat neben der Gesamtschule auch die Ziffernnotenverurteilung als Ziel ihrer Ministerschaft genannt. Das heißt, es könnte tatsächlich etwas ins Rollen kommen. 

derStandard.at: Würden Sie der Aussage zustimmen, dass der Lehrer eine Autoritätsperson für die Schüler sein soll?

Vierlinger: Ja und nein. Um junge Menschen in die Kulturwelt einzuführen, muss der Lehrer etwas können und etwas sein. Er muss also fachliche und persönliche Autorität haben. Diejenigen Schulleute, die Amtsautorität beanspruchen und von den Schülern Gehorsam einfordern, weil sie Amtsträger sind, die mag ich nicht - und die Schüler mögen sie auch nicht.

derStandard.at: Stichwort Gesamtschule: Jeder versteht darunter etwas anderes. Ministerin Schmied nennt sie Neue Mittelschule (NMS), die ÖVP „gemeinsame Schule". Was verstehen sie darunter?

Vierlinger: Bei der ÖVP spricht sich leider bis dato nur Frau Karl für eine „gemeinsame Schule" aus. Ich habe ihr auch gleich geschrieben: "Sehr geehrte Frau Ministerin! Als alter Mann (78) schreibe ich ihnen etwas, das auch in einem Liebesbrief stehen könnte: Sie sind die Freude meines Alters." Weil ich ja seit 1973 immer für die echte Gesamtschule gekämpft habe. Das Markenzeichen der echten Gesamtschule ist der Verzicht auf das Sortieren der Zehnjährigen in Gymnasiasten und Hauptschüler. Sie kennt auch keine Sortierung in Leistungsgruppen. Demnach sind die "Integrierte Gesamtschule" (deutsche Gesamtschule und österreichisches Modell der Schulversuche in den Siebzigerjahren) wie auch die „Neue Mittelschule" keine Gesamtschulen!

derStandard.at: Warum ist das Projekt so schwer umzusetzen?

Vierlinger: Die ÖVP liebt die Tradition. Das ist zunächst weder positiv noch negativ, denn Tradition kann sowohl das Bewahren von Asche sein als auch das Hüten der Flamme. Für Verteilungsgerechtigkeit, Religionsfreiheit und Fremdenrecht einzustehen entspricht dem Hüten einer Flamme. Aber das Verteidigen des gegliederten Schulsystems gleicht dem Bewahren von Asche.

Eine moderne Demokratie darf das "ständische" Bewusstsein nicht zulassen, das manche Gesamtschulgegner sagen lässt: "Unser Kind soll nicht mit Krethi und Plethi beisammen sitzen!" Alle Eltern, die ihr tüchtiges Kind schon in der Pflichtschulzeit von den Anderen absondern wollen, müssen sich bewusst sein, dass sie diesen ein Vorbild rauben.

derStandard.at: Müssen bei einer gemeinsamen Schule die Privilegierten ihre Privilegien aufgeben, damit es zu einer Chancengleichheit kommt? 

Vierlinger: Wenn unter Privilegien die bestmögliche Ausbildung der Kinder verstanden wird, soll darauf niemand verzichten müssen. Dazu gehört selbstverständlich auch die soziale Erziehung. Kinder sollen nicht schon in der Pflichtschulzeit wie Rennpferde in Quarantäne "gezüchtet" werden.

Dass die Gesamtschule die Eliten nicht verkümmern lässt, ist doch schon seit Jahrzehnten international bewiesen; zuletzt durch PISA. In der Gesamtschule haben die Schwächeren immer die Vorbilder vor sich und können deshalb aufschließen. Das Lernen durch Vorbilder unter den Klassenkollegen ist ebenso wichtig, wie das Lernen über den Lehrer. Man kann den schwachen Schülern nichts Schlimmeres antun, als sie in eine Leistungsgruppe abzuschieben. Wenn man schwache Schüler zusammenpfercht, spiegelt sich der desinteressierte Blick des Einen im desinteressierten Blick des Anderen wider. Das Ergebnis ist:"Null Bock!" Gegenüber dem Lehrer schalten sie ab oder proben den Aufstand. (Teresa Eder/derStandard.at, 02.08.2010)

Zur Person

Rupert Vierlinger war Gründungsdirektor der Pädagogischen Akademie in Linz, bis 1997 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Passau. Seit seiner Emeritierung ist er Honorarprofessor an der Johannes-Kepler-Univerisität Linz.

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