Ausstieg aus Alltagsroutinen

1. August 2010, 18:32
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Verzicht, Reinigung, Läuterung: Fasten ist in vielen Kulturen eine fix verankerte Tradition

Menschen scheinen generell eher zur Maßlosigkeit als zu gemäßigtem Dasein zu neigen, vielleicht ist das auch der Grund, warum in den meisten Weltreligionen eine verminderte Nahrungsaufnahme oder Askese zum fixen Gestaltungselement im Wochen- bzw. Jahreszyklus gehört. Bereits die alten Ägypter fasteten, die Römer aßen traditionellerweise immer samstags nichts. Hippokrates, der Vater der Medizin, soll gesagt haben: "Sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe täglich Hautpflege und Körperübungen und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei."

Reduzierte Nahrungsaufnahme erfüllte mehrere Zwecke: Bis heute ist sie eine Vorbereitung auf religiöse Feste, etwa die 40 Tage von Aschermittwoch bis Ostern im Christentum. Die Juden fasten unter anderem zu Jom Kippur, dem höchsten Feiertag, und verzichten 24 Stunden auf jede Nahrungsaufnahme. Der Islam schreibt im neunten Monat des Mondjahres, dem Ramadan, Fasten von Sonnenaufgang bis -untergang vor. Den Hinduisten wiederum ist die Loslösung von körperlichen Bedürfnissen ganz allgemein ein zentrales Anliegen, weil sie als Vorbereitung für die Erlösung gesehen wird. Nur der Buddhismus lehnt extreme Askese ab, vielmehr sollte maßvolles Essen als Unterstützung von Meditation ganz generell ein Bestandteil des Alltags sein.

Heilfasten hat keine religiösen Hintergründe, sondern rein medizinische Ursprünge. In einer Zeit, als es noch keine Antibiotika gab, entdeckte der Marine-Arzt Otto Buchinger (1878-1966) am eigenen Leib, dass eine dreiwöchige Fastenkur große Erleichterung bei seinen Gelenkschmerzen brachte.

Aus Theorie wird Praxis

Er beschäftigte sich eingehend mit diesem Phänomen und begründete 1925 eine Fastenklinik namens Kurheim Otto Buchinger. 1935 veröffentlichte er sein Hauptwerk unter dem Titel "Heilfasten und seine Hilfsmethoden". Buchingers Nachfahren führen bis heute seine Klinik im deutschen Bad Pyrmont.

Die Genese der F.-X.-Mayr-Kur ist ähnlich. Der österreichische Militärarzt Franz Xaver Mayr (1875-1965) beobachtete im Ersten Weltkrieg, dass die Soldaten weniger unter Verdauungsproblemen litten, als es außer Brot, Milch und Haferschleim nichts gab. Daraus entwickelte er ein Fastenkonzept, in dessen Zentrum die Regeneration der Darmflora steht. Langes, ausgiebiges Kauen ist bei dieser Kur genauso wichtig wie regelmäßige Bauchmassagen. Eine Mayr-Kur sollte idealerweise drei bis fünf Wochen dauern. Das Gute an diesem relativ langen Zeitraum: Essensmuster können auf diese Weise überwunden und eine bewusstere Ernährung etabliert werden.

Fasten ist nicht zuletzt aber auch das Phänomen einer Überflussgesellschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es 30 Jahre, bis Fasten wieder ein aktuelles Thema wurde. Bahnbrechend war ein Buch von Hellmut Lützner den 70er-Jahren, das "Wie neugeboren durch Fasten" hieß und lange Jahre ein Bestseller blieb. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 2.8.2010)

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