Chronologie

Schwierige Beziehungen Syrien-Libanon

30. Juli 2010, 10:45

Jahrzehntelange Vormachtrolle und militärische Präsenz von 1976 bis 2005

Erstmals seit der Ermordung des libanesischen Spitzenpolitikers Rafik Hariri und der dadurch ausgelösten "Zedernrevolution" vor fünf Jahren kommt Syriens Präsident Bashar al-Assad am Freitag zusammen mit König Abdullah von Saudi-Arabien nach Beirut.

Die Massenproteste nach dem spektakulären Anschlag hatten zur Folge, dass Syrien im April 2005 seine Truppen nach 29 Jahren aus dem Nachbarland abziehen musste. Die Intervention der syrischen Armee war ein Jahr nach dem Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs auf Ersuchen der damaligen Staatsführung in Beirut erfolgt:

  • 1976

Die syrische Armee marschiert auf Ersuchen des libanesischen Staatspräsidenten Suleiman Frangié ein und verhindert die drohende Niederlage der christlichen Milizen im Bürgerkrieg gegen muslimische und linke Verbände sowie palästinensische Gruppierungen. Die Arabische Liga beschließt mit Zustimmung Beiruts, den syrischen Einheiten ein Mandat als panarabische Friedenstruppe zu erteilen. Syrien wird sein Kontingent auf rund 40.000 Mann aufstocken.

  • 1978

Israel besetzt zwischen März und Juni den Südlibanon bis zum Litani-Fluss und baut eine Söldnermiliz "Südlibanesische Armee" (SLA) auf.

  • 1981

Im April gehen syrische Truppen massiv gegen die rechtsgerichteten Christen-Milizen des Falange-Führers Bechir Gemayel vor, der Geheimkontakte zu Israel unterhält. Das christliche Lager zerfällt in anti- und pro-syrische Gruppen.

  • 1982

Im Juni startet die israelische Armee unter Ariel Sharon ihren Feldzug "Frieden für Galiläa" und nimmt Beirut ein. Syrien verliert bei den Kampfhandlungen 300 Panzer und 85 Flugzeuge. Die PLO unter Yasser Arafat muss Beirut verlassen. Unter israelischer Aufsicht wählt ein Rumpfparlament Bechir Gemayel zum libanesischen Präsidenten. Dieser kann sein Amt nicht antreten, er kommt im September bei einem verheerenden Bombenanschlag auf das Falange-Hauptquartier ums Leben.

  • 1983

Bechir Gemayels älterer Bruder und Nachfolger als Präsident, Amin Gemayel, unterzeichnet am 17. Mai einen von Israel diktierten Separatfrieden, der vom Parlament nicht ratifiziert wird. Iranische Revolutionswächter (Pasdaran) bauen in der östlichen Bekaa-Ebene die Schiiten-Miliz Hisbollah ("Partei Gottes") auf.

  • 1984

Bildung einer überkonfessionellen "Regierung der nationalen Einheit" unter syrischer Vormundschaft.

  • 1985

Monatelange Kämpfe zwischen Palästinensern und der von Syrien unterstützten schiitischen Amal-Miliz. Israel zieht seine Truppen zurück, behält aber den Süden als "Sicherheitszone".

  • 1989/90

Als Chef einer von Damaskus nicht anerkannten Militärregierung ruft der christliche Armeechef General Michel Aoun einen "Nationalen Befreiungskrieg" gegen die Syrer aus. Den vom Parlament gewählten pro-syrischen Staatspräsidenten Elias Hraoui erkennt Aoun nicht an. Niederlage der Aoun-Truppen nach einer Offensive der syrischen Armee und pro-syrischer Heereseinheiten unter General Émile Lahoud. (Aoun geht nach Frankreich ins Exil). Schwere innerschiitische Kämpfe: Die Hisbollah drängt die Amal zurück und übernimmt die Führung des schiitischen Lagers. In Taif (Saudi-Arabien) einigen sich die Bürgerkriegsparteien auf eine Nationale Versöhnungscharta, offizielle Beendigung des Bürgerkrieges, Änderung der Verfassung.

  • 1991

Syrisch-libanesischer Beistandspakt legt den Einfluss Syriens im Nachbarland fest.

  • 1992

Erste Parlamentswahlen nach dem Bürgerkrieg. Der von Saudi-Arabien unterstützte Großunternehmer Rafik Hariri wird mit syrischer Zustimmung Ministerpräsident.

  • 1998

Der pro-syrische Armeechef Emile Lahoud wird zum Staatspräsidenten gewählt.

  • 2000

Israel zieht unter Premier Ehud Barak seine Truppen aus dem Südlibanon ab. Die Hisbollah rückt in das geräumte Gebiet vor.

  • 2004

Hariri tritt als Regierungschef zurück.

  • 2005

14. Februar: Die Ermordung Hariris führt zu anti-syrischen Massendemonstrationen. Am 5. März kündigt Syriens Staatschef Bashar al-Assad den vollständigen Truppenrückzug an, der Ende April abgeschlossen ist. General Aoun kehrt im Mai triumphal nach Beirut zurück. Mai/Juni: Parlamentswahlen - Sieg eines von Hariris Sohn Saad angeführten multikonfessionellen Bündnisses. Bildung einer "Regierung der nationalen Verständigung" unter Premier Fouad Siniora unter Einschluss der schiitischen Hisbollah. Der UNO-Sicherheitsrat setzt eine Untersuchungskommission zum Hariri-Mord ein.

  • 2006

Mohammed-Karikaturenkonflikt löst Massenproteste in Beirut aus. Aoun und Hisbollah schließen überkonfessionelle Allianz zur Abwehr der Bürgerkriegsgefahr. Hisbollah provoziert im Juli/August 34-Tage-Krieg mit Israel.

  • 2007

Schwere Verfassungskrise nach Amtsende von Präsident Lahoud. An der Pattsituation scheitert die Wahl eines Nachfolgers. UNO-Sicherheitsrat setzt Hariri-Tribunal in den Niederlanden ein.

  • 2008

Kämpfe in Beirut: Hisbollah drängt Sunniten und Drusen zurück. Versöhnungsverhandlungen in Katar mit Einigung auf Allparteienregierung und Sperrminorität für Hisbollah und Verbündete. Konsenswahl von Armeechef General Michel Sleimane (Suleiman) zum Staatspräsidenten. Sleimane und Assad vereinbaren auf Gründungsgipfel der Mittelmeerunion in Paris Normalisierung der Beziehungen.

  • 2009

Parlamentswahlen bringen Sieg des pro-westlichen Hariri-Bündnisses, Bildung einer Allparteienregierung unter Saad Hariri. Reise Hariris nach Damaskus.

  • 2010

Neue Krise wegen erwarteter Anklageerhebung vor UNO-Tribunal gegen Hisbollah-Mitglieder.

(APA)

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.