GUADEC 2010

Verschlüsselung: Kein Luxus, eine Notwendigkeit

Andreas Proschofsky, 30. Juli 2010, 10:04
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    foto: archiv

In vielen Ländern essentiell zum Schutz vor repressiven Regierungen - Vorreiterrolle für Freie Software?

Seine Keynote bei der Linux-Desktop-Konferenz GUADEC hat der beim "Comittee to Protect Journalists" (CPJ) tätige Danny O'Brien für ein eindringliches Plädoyer in Richtung eines verstärkten Fokus auf Verschlüsselungstechnologien genutzt. Man müsse begreifen, dass Fragestellungen wie Freiheit und Sicherheit für viele Menschen auf der Welt keine bloß theoretischen Gedankenexperimente sind, sondern aus einer alltäglichen Repressionserfahrung resultieren.

JournalistInnen

Bereits rund 50 Prozent aller verfolgter JournalistInnen seien im Online-Bereich tätig, eine bedeutender Teil davon längst nicht mehr für die klassischen Medienkonzerne aktiv. Wie aktuelle Proteste gezeigt hätten, seien es gerade diese, die besonders nah an die Geschehnisse herankommen - und entsprechend gefährdet sind. Insofern müssen man diesen die nötigen Tools an die Hand geben, um sich selbst vor Repression schützen zu können.

Beispiele

Wie geschickt die staatlichen Repressionsorgane dabei bereits agieren, erläuterte Kuhn unter anderem anhand der sogenannten "Pam Bourdon"-Mails, einer Affäre, die vergangen Herbst für einige Aufregung gesorgt hatte. Dabei waren ein ein scheinbar harmloses Mail an eine äußerst gezielt ausgewählte Liste von Auslandskorrespondenten in China verschickt worden. Darin enthalten die Bitte einer vermeintlichen Kollegin, ihr bei der Organisation einiger Interviews zu helfen. Angehängt an das Mail ein PDF, in dem sich eigentlich die Liste der gewünschten Kontakte befinden sollte, das darüber hinaus aber noch ein spezielle Überraschung bereithielt: Einen Trojaner, der über einen Zero-Day-Exploit - also eine bis dahin unbekannte Lücke - im Adobe Reader auf dem betroffenen Rechner installiert wurde - und diesen in Folge ausspionierte.

VPSKeys

Ein weiteres aktuelles Beispiel ist die sogenannte VPSKeys-Attacke: Bei VPSKeys handelt es sich um ein Freeware-Programm für Windows, das vietnamesischen UserInnen die Texteingabe erleichtert - und sich entsprechend in dem Land hoher Popularität erfreut. Wie sich im Frühjahr dann zeigte, ist es offenbar Unbekannten gelungen die zugehörige Webseite zu knacken und eine modifizierte Variante der Software einzuschmuggeln. So wanderte mit der Installation des Tastatur-Treibers denn auch gleich ein Trojaner mit auf die Platte, der aus den infizierten Rechnern kurzerhand ein Botnet aufbaute, das Ziel: Distributed-Denial-of-Service-Attacken auf Gegner der vietnamesischen Regierung, um diese im Fall des Falles in die Knie zu zwingen.

Piraterie als Vorwand

Wie schnell sich ein Vorwand für die Beschlagnahme ganzer Rechner finden lässt, demonstrierte zudem vor einigen Monaten das Regime in Kirgistan: Das Redaktionsgeheimnis einiger Zeitungen und TV-Stationen umging man kurzerhand, in dem man unter dem Vorwand des angeblichen Einsatzes von nicht lizenzierten Microsoft-Programmen Hausdurchsuchungen durchführte, und zur Beweissicherung kurzerhand alle Rechner beschlagnahmte - samt all den Informationen über Quellen und Recherchen, um die es hier wohl wirklich ging. Überhaupt sieht es O'Brien als einen aktuellen Trend, dass Regierungen solche "Schmutzarbeit" von ihren Finanzbehörden durchführen lassen. Dies da sich hier meist recht schnell ein vermeintlich nachvollziehbarer Vorwand finden lässt.

Gegenmaßnahmen

Eine Bedrohungssituation, der man - unter anderem - mit besseren Tools begegnen solle, der freien Softwarebewegung mit ihrem traditionellen Fokus auf die Wahrung der Meinungsfreiheit, komme hier eine besondere Verantwortung zu. Bei den konkreten Lösungsvorschlägen beschränkte sich O'Brien im Rahmen seines Vortrags vor allem auf einen Bereich: Die Verschlüsselung von Daten.

Default

Wo irgend möglich sollten Datenströme immer verschlüsselt übertragen werden, dies würde es einer repressiven Staatlichkeit erheblich erschweren ihre Überwachungs- und Zensurmaßnahmen zu entfalten. Als ein Beispiel nannte er die "Great Firewall of China", wo im Auftrag der Regierung der gesamte Datenverkehr nach "verdächtigen" Stichwörtern untersucht wird - und im Fall des Falles die Verbindung einfach getrennt wird. So etwas wäre mit vollständiger Verschlüsselung nicht so einfach möglich. Auch das Beispiel aus Kirgistan zeige die Wichtigkeit dieser Thematik, mit verschlüsselten Festplatten blieben die Recherchen und Kontakte selbst im Falle der Beschlagnahme im Dunkeln.

Grundlegend

Um den Anwendungs-EntwicklerInnen die Nutzung von Verschlüsselung möglichst einfach zu machen, sollten entsprechende - und einfach zu nutzende - Sicherheits-APIs (Programmierschnittstellen) also Bestandteil der Plattform sein. Gerade der freie Desktop habe hier die Chance eine Vorreiterrolle einzunehmen, dann könnte man gefährdeten Gruppen auch schnell sagen - benutze diesen Desktop oder jenes Programm und dann bist du sicher.

Appell

Besondere Bedeutung kommt diesem Thema aber laut O'Brien auch noch aus einem weiteren Grund zu, und zwar wegen der Herausforderungen, die sich mit der verstärkten Web-Nutzung für die Wahrung der eigenen Privatsphäre stellen. "Der Desktop ist das Zentrum des Vertrauens" fasst der zuvor jahrelang bei der Bürgerrechts-Organisation EFF (Electronic Frontier Foundation) tätige Aktivist seine Herangehensweise in Worte. Es sei eben der eigene Desktop und nicht der von Mark Zuckerberg oder Steve Ballmer - ein Ort der Selbstbestimmung, der entsprechend Ausgangspunkt für ein sicheres System sein muss. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 30.07.10)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 91
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Markus Mitterer1
00
21.9.2010, 09:07
Verschlüsselung

Wer die ganze Festplatte verschlüsseln will nehme Truecrypt. Wer bestimmte sensible Daten verschlüsseln will nehme Protectorion oder Steganos Safe. Die haben alle starke Verschlüsselung (AES 256 bit), sind aber meines Wissens auf MS-Betriebssysteme (Win 7, Win XP, Win Vista) ausgelegt.

Nixglaubi
00
Der Trick mit den Verbindungsdaten ist perfiede!

Diese Daten mit den allerorts mitgeschnittenen Inhalten zu verknüpfen ist über den Timestamp denkbar eifach - wird aber von Regierungen verschwiegen.

Das Verschlüsseln über gute Algos ist ein Muß.

Überall dort wo das verboten wird ist ein Abwahl nötig - Diktatur ist die Folge.

Sonst landen wir im Gulag (sibierisches Gefangenenlager mit Todesfolgen).

badoli from Hell
02

Ich speicher alle meine geheime Daten auf einer CD mit der Aufschrift "Lady Gaga"... Da kommt nichtmal die US Army drauf!

Steganosaurus
00
Ich frage mich, warum sich End2End Verschlüsselung ...

...auf Telefonen nicht durchsetzt. Jedes moderne Telefon ist heute ein Smartphone und es wäre ein leichtes eine Software dazwischenzuschalten, die ab dem Mikro bzw. bis zum Lautsprecher alles dicht macht.

Da hat die Staatsvergewalt zwar dann die Verbindungsdaten aber keine Inhalte.

Nicht mal für das Eifone gibt es ein App, nur überzogen teure kommerzielle Lösungen für ein paar Symbian Handys ...

Noch besser wäre ein Onion-Routing für Mobiltelefone um auch die Verbindungsdaten sicher zu machen ...

Franz Josef Lolinger
00
Es

gibt länder, da wird man eingesperrt, wenn man das Passwort nicht rausgibt, und zwar so lange bis man es rausgibt.

LCD
10
Ja, eines davon ist Österreich.

In noch anderen Ländern wird man einfach so eingesperrt, weil man zu einer politischer Oppositionspartei gehört.

short cut
02
31.7.2010, 08:13
Nichts ist wirklich sicher,

aber es gibt einige Moeglichkeiten den Zugzng zu erschweren.
Ich verwende auf den Laptops/Desktops TrueCrypt (seit Jahren ohne Probleme). USB-Stick mit verschluesseltem TrueCrypt Container und virtuellem Keyboard. Wenn ich schon "sensible Daten" via Email verschicken muss, verstecke ich sie in einem Bild bzw. einer anderen "Gastdatei", wobei ich eine Bilddatei bevorzuge, ist unverfaenglicher. Der Empfaenger weiss, wenn er ein bestimmtes Bild als Attachment bekommt, das diese Datei verschluesselte Daten enthaelt und kennt sein Passwort und die Software (Camuflage, SuperStorm etc.), mit der er die Daten wieder auslesen kann. Der Vorteil liegt darin, dass nur der Empfaenger und ich das Passwort und die Bilddatei (Famielienfoto zB.) kennen.

R. Lexer
00
31.7.2010, 23:20

Und über welchen Kanal tauscht ihr das Passwort aus?

short cut
00
@R.Lexer

...persoenliches 4Augengespraech.

Roland Schweiger
01
30.7.2010, 20:52
AES und co.

lässt sich ab einer bestimmten Schlüssellänge nicht "knacken" - das ist nun mal geradeaus Mathematik.
Voraussetzung natürlich: der Schlüssel wird nicht irgendwo versteckt mit geschickt (zB keylogger) oder im benutzten Programm ist keine Hintertür.

Aber der AES (und andere Standards) ist relativ frei verfügbar und selbst altbekannte Programme wie WinRAR können damit umgehen --
wer etwas verschlüsseln WILL, der kann es eigentlich relativ problemlos tun.

Ich sehe das Problem eher bei Achtlosigkeit oder Unwissenheit.

@t-truismus
 
02
grunsaetzlich ist jede verschluesselung "knackbar"...

..es ist nur eine frage der zeit ;)
Das gilt fuer die klassischen mathematischen probleme die in der kryptographie (AES, DES, 3DES, PGP/GPG, etc.) zum einsatz kommen (z.B: Fakturierung von grossen Primzahlen).

Die einzigen verfahren die nicht einmal durch einen "quanten computer" geknackt werden koennen sind:
*) One-Time-Pad
*) Knapsack problem (Rucksack problem)

....soweit zumindest die theorie, in der praxis schauts meistens anders aus:
http://imgs.xkcd.com/comics/security.png

@t-truismus
 
01
grundsaetzlich ist "jede" verschluesselung knackbar...

..es ist nur eine frage der zeit ;)
Das gild fuer die klassischen mathematischen probleme die in der kryptographie (AES, DES, 3DES, PGP/GPG, etc.) zum einsatz kommen (z.B: Fakturierung von grossen Primzahlen).

Die einzigen verfahren die nicht einmal durch einen "quanten computer" geknackt werden koennen sind:
*) One-Time-Pad
*) Knapsack problem (Rucksack problem)

....soweit zumindest die theorie, in der praxis schauts meistens anders aus:
http://imgs.xkcd.com/comics/security.png

Tornos
00
31.7.2010, 13:07

man kann es sehr wohl "knacken"! nach wie vor mit brute-force.
deshalb man muß sich nur bei der passwortlänge entscheiden ob das entschlüsseln einige tausende milliarden jahre dauern soll, oder ob ein paar hundert millionen reichen :-)

Roland Schweiger
00
brutforce nutzt doch nix ab einer gewissen Länge

Beispiel: Großbuchstaben + Kleinbuchstaben + Ziffern = 62 Zeichen.
Bei einer Schlüssellänge von selbst nur 16,
sind das bereits

62 hoch 16 Kombinationsmöglichkeiten.

R. Lexer
00
31.7.2010, 23:24

Bestimmte Hashes, die besonders wahrscheinlich als Schlüssel vorkommen anzuwenden, würde ich nicht als "Knacken" von AES bezeichnen. Höchstens als Knacken von schlechten Passphrasen.

Roland Schweiger
00
das ist absolut richtig ausgedrückt

wenn ich eine schlechte Passphrase "knacke", so habe ich noch lange nicht das Verschlüsselungssystem "geknackt".
Und wie gesagt,
Grossbuchstaben + Kleinbuchstaben + Ziffern (+ Sonderzeichen evtl) sind rund 70 Zeichen (gehen wir mal von 8 bit ähnlich wie bei ASCII aus).
Also, 70 hoch 16 ist schon schön groß,
ein Schlüssel von 32 Zeichen ist schon 70 hoch 32, und wenn die passphrase aus quasi Zufallszeichen besteht, dann ist das "Knacken" schon nahezu unmöglich...

Ben Ohm
00
31.7.2010, 11:24

Wie lang sollte der Schlüssel sein?

Tornos
00
31.7.2010, 13:17

10 stellen sollten reichen für die aktbilder ihrer freundin, so daß ihre gattin das (bei vernünftiger zeichenwahl) mit handelsüblichen rechnern nicht entschlüsseln kann in ihrer restlichen lebenserwartung.

mit jeder weiteren stelle potenzieren sich die kombinationen.

ab 15 stellen sind es milliarden jahre, die gut ausreichen, selbst wenn sich alle paar jahre die rechenkraft der rechner verdoppelt.

cenare in animo habeo
13
30.7.2010, 19:35
Verschlüsselung gegen Staatsgewalt. Hm.

Der Mensch hat 20 Finger- und Zehennägel.

Spätestens nach dem 19. ausgerissenen fällt einem das Passwort wieder ein.

Tornos
00
31.7.2010, 13:04

Weswegen man ein sehr langes Passwort wählt, welches man sich nicht merken kann und dazu verschlüsselte Notizen verwahrt.
Z.B. sn+gv+gm+lz+le+ .... das wäre dann die Spzialversicherungsnummer, hintenan der Geburtstag der mutter, des vaters, die lieblingszeitung, lieblingsessen ... und noch so 20 weitere ...
So ist die Notiz für niemanden anderen verwendbar und kann auch im Notfall vernichtet werden, wodurch man auch selbst nicht mehr an das Passwort kommt.

LCD
00
30.7.2010, 23:57

Nach dem 19-ten wäre das durchhalten also völlig umsonst? Wenn schon, dann vor dem ersten. Nee, sicher nicht. Selbst die Eierquetsche würde da nicht mehr helfen an das Passwort ranzukommen, wenn 19 Nägel schon draussen sind.

BackfromHell
00
31.7.2010, 10:24

HHHHHHMMMMM!
>.<

José Atento
01
30.7.2010, 22:26

Ein Passwort schützt auch nicht gegen Zwangsmaßnahmen, klar.
Aber auch da gibt es Möglichkeiten den Angreifer zumindest in die Irre zu leiten, obwohl man ihm ein Passwort bekannt gibt.

Falls ein Angreifer weiß, dass du hast was er sucht, wird es natürlich sehr schwer.

R. Lexer
00
31.7.2010, 23:32

Gegen Zwangmaßnahmen hilft es, den Schlüssel selbst nicht zu kennen:

http://www.schneier.com/blog/arch... urity.html

FinalDestinati0n
00
30.7.2010, 16:13

Truecrypt und gut is', ne?

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