Europas Läufer haben keinen Auftrag. In technischen Disziplinen sieht es anders aus. Blöd nur, dass Österreich derzeit vor allem auf dem Laufenden ist.
Barcelona/Wien - Mit 10,11 Sekunden ist man in der Welt des Sprints praktisch nirgends. 10,11 Sekunden, damit hätte man im Vorjahr um sieben Hundertstel das WM-Finale verfehlt. Handgestoppte 10,0 Sekunden lief der Deutsche Armin Hary bereits 1960, elektronisch gestoppt kam der US-Amerikaner Robert Hayes 1964 auf 10,06 Sekunden. Die Weltbestenliste weist derzeit siebzig Sprinter aus, die schon unter zehn Sekunden blieben, allen voran den Jamaikaner Usain Bolt (9,58). 10,11? Dem Franzosen Christophe Lemaitre reichten sie am Mittwoch locker zum EM-Titel.
Den österreichischen Rekord hält übrigens Andreas Berger, und zwar seit 1988, da er auf der Linzer Gugl 10,15 Sekunden lief. Diese Marke hätte am Mittwoch in Barcelona zu Silber gereicht. So läuft es in Europa, und so läuft es auf der Welt, wobei der Kontinent tatsächlich in den Laufbewerben am ältesten aussieht. Bei der WM 2009 in Berlin gingen nur zwanzig Prozent der diesbezüglichen Medaillen an Europäer, die dafür zwei Drittel der Medaillen in den technischen Bewerben (Wurf, Sprung) abräumten. Beispielsweise war der Niederösterreicher Gerhard Mayer im Vorjahr als Achter im WM-Diskusfinale der siebentbeste Europäer.
Insgesamt hat Mayer, der bei der EM am Wochenende wirft, im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2012 in London momentan als hoffnungsvollster heimischer Leichtathlet zu gelten. Der neunte 100-m-Platz des Salzburgers Ryan Moseley, der in 10,27 um 0,04 Sekunden das Finale verpasste, und die Qualifikation des Niederösterreichers Andreas Vojta fürs heutige 1500-m-Finale sind durchaus erfreulich, aber nicht zwingend vielversprechend.
Österreichs Verband (ÖLV) hat vor der EM stolz auf das 15-köpfige Team verwiesen. Die EM 2006 versammelte nur elf Österreicher, größere Teams als heuer gab es allein 1986 in Stuttgart (17) und 2002 in München (16). 17 Teilnehmer wären auch diesmal möglich gewesen, doch Andrea Mayr will ob der erwarteten Hitze und Markus Hohenwarter kann ob einer Verletzung nicht Marathon laufen in Barcelona.
Der ÖLV ist angewiesen auf idealistische Trainer, die kleinere Gruppen weiterbringen. Da fällt es auf, dass Gregor Högler ebenso zwei EM-Athleten betreut, Mayer und die Speerwerferin Elisabeth Pauer, wie Edi Holzer, der die Läufer Clemens Zeller und Andreas Rapatz coacht. Auch die Hürdensprinterinnen Victoria Schreibeis und Beate Schrott trainieren ab und zu gemeinsam.
ÖLV-Ziel ist ein hauptamtlicher Trainer pro Bundesland. Derzeit sind beim ÖLV fünf Trainer angestellt, darunter zwei, die sich nur um den Nachwuchs kümmern. Junge Talente gibt es einige, etwa die Speerwerferin Elisabeth Eberl oder den Mehrkämpfer Dominik Distelberger. Insgesamt kann es nicht schaden, sich etwas weniger aufs Laufen zu konzentrieren. Bei der EM sind nicht weniger als zwölf der 15 Österreicher in Laufbewerben unterwegs - doch Europa ist nicht die Welt. (Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe 30.07.2010)