Kunst muss nicht schön sein. Echt nicht. Der jüngste Beleg dieser Behauptung kommt aus Hamburg. Das Kollektiv "HGich.T" veröffentlicht sein Debütalbum "Mein Hobby: Arschloch".
Wien - Die Videos geistern schon länger durch Youtube. Unter dem Zungenbrechernamen HGich.T (sprich: HaGehIchTeh) produzierte eine Hamburger Vereinigung Clips, in denen ruinierte junge Menschen mit offenem Hosenstall zu Musik abtanzen, die passend Häusl-House genannt wird. Also tendenziell Botox-sparende, weil nicht wirklich Denkerfurchen verursachende Klänge, deren Daseinszweck einst über puren Eskapismus definiert war: "Partey! Partey! Partey!"
Ein alter Hut, dessen kommerzielle Ausschlachtung letzte Woche in Duisburg in einer Tragödie namens Loveparade gipfelte. HGich.T, ein loses Kollektiv, von dem lediglich Vornamen wie Marc, Sascha, Anna-Laura, Paul oder Johannes halbwegs verlässlich bekannt sind, karikieren unter Zuhilfenahme dieser Musik den deutschen Alltag der unteren vier Millionen.
Es könnten zwar auch Trailerparkbewohner am Rande von - sagen wir - Denver in Colorado sein, aber die Texte albern deutlich in der deutschen Lebenswelt herum. Gebündelt finden sich diese am soeben erschienenen Debütalbum "Mein Hobby: Arschloch" (Vertrieb: Hoanzl). Darauf geht es um die des Lesens unkundige Nachbarn, die Freuden von Hartz IV., Künstlerschweine und Franz Kafka. Um derlei Themen lebensnah zu verhandeln, ist HGich.T kein Mittel zu schlecht. Merke: Kunst muss nicht schön sein! Sie darf aus der Unterhose stinken, sich am Sack kratzen und dort angesiedelt sein, wo die Instinkte niedrig sind. Sehr niedrig.
Grüße aus der Vorstadt
Zu simpel gestricktem Techno brabbeln weich gerauchte Stimmen im Sprechgesang über Drogen, Dirty Dancing und Happy Hour. Das erinnert an hörspielartige Einschübe auf Jan Delays Debütalbum "Searching for the Jan Soul Rebels" ebenso wie an die Diktion Helge Schneiders. Passend: Auch HGich.T haftet der Geruch der Off-Bühnen an, auf denen sie ihre Kunst bisher vermitteln. Blendet man diesbezügliche Vorurteile aus, kann Peaches, die Mutter des expliziten Electro-Clash, in Pension gehen.
Denn was die Kanadierin schafft, drehen HGich.T noch einmal durch den Fleischwolf, versehen es mit derber, aber nicht unorigineller Fäkalsprache, wie man sie auf jedem großstädtischen deutschen Innenhof zu hören bekommt. Dieserart gebiert man höheren Schwachsinn wie den Song "Hauptschuhle" (sic!), erwähntes "Künstlerschweine" ("wir brechen euch die Beine") oder den - nun ja - Hit des Albums "Harz For". Darin wird zu einem grob anschiebenden Techno-Groove das eigene und das Leben der anderen beschrieben: "Die Dummn gehn zur Arbeit, die Schlaun penn'n aus." Keine Musik für Guido Westerwelle.
Der Rest ist Kampfkiffen, Videospielen, "Pennerstyle und Unterhosenpower". Formal feingeistig streuen HGich.T Klavierballaden ein, an der Direktheit der Texte ändert das nichts. Wäre die Musik ausgefeilter, die Verantwortlichen nicht Chronisten, sondern Betroffene, besäße das die Qualität von Mike Skinner und seinem Projekt The Streets. Mit diesem hat der Brite das relativ visionslose Dasein Adoleszenter pointiert beschrieben. Aber auch ohne Authentizitätszertifikat reicht's für einen Brüller. Oder drei. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2010)