Impulstanz

Bitte nicht stören. Oder: Die Grenzen der Spontaneität

29. Juli 2010 18:45

Anne Teresa De Keersmaekers Arbeit "En Atendant"

Wien - Es hätte spannend werden können. Als das Publikum nach der Premiere von Anne Teresa De Keersmaekers neuem Stück "En Atendant" bei Impulstanz im Odeon fertig geklatscht und sich erhoben hatte, kamen zwei Männer auf die Bühne und baten um Gehör.

Die beiden waren keine Geringeren als Florin Flueras und Manuel Pelmus aus Rumänien, führende Mitglieder der aktionistischen und für ihre politisch-kritischen Arbeiten bekannten Bukarester Tanzszene. Nicht nur in Wien sind sie wiederholt als Gäste des Tanzquartiers aufgetreten, sondern auch bei renommierten Festivals in Europa - weil die rumänische Choreografie heute die Avantgarde des osteuropäischen zeitgenössischen Tanzes darstellt.

Flueras und Pelmus baten um drei Minuten Zeit für "die rumänische Tanzgeschichte". Es sollte eine offenbar mit dem Veranstalter nicht abgesprochene Intervention werden. Das durfte nicht sein, und die beiden wurden wie Störenfriede zum Verstummen gebracht. Schade, dass sich bekannte Künstler im Anschluss an eine Vorstellung - nicht mittendrin, sondern respektvoll nach deren Ende - keine Aufmerksamkeit verschaffen können.

Es ist unwahrscheinlich, dass De Keersmaeker, in deren Schule P.A.R.T.S. immerhin junge Künstler zu selbstständigen Köpfen und nicht nur zu gesellschaftsimmunen Bodenturnern ausgebildet werden, etwas gegen diese Aktion gehabt hätte. Und ein Teil des Publikums wäre sicherlich geblieben, um zuzuhören.

Die Verhinderung des keineswegs aggressiv vorgetragenen Ansinnens zeigt ein Phänomen, das es nicht nur im zeitgenössischen Tanz gibt. Glatt und kalkulierbar läuft heute das Produzieren und Präsentieren von künstlerischen Arbeiten am internationalen Markt ab, der kein Interesse an produktiven Störungen, am Widerborstigen und Unkalkulierbaren zu haben scheint. Dabei ist Impulstanz keineswegs bloß Gastgeber für leichte Kunst. Sein Publikum musste sich im Lauf der Festivalgeschichte immer wieder mit unbequemen Statements, von Celebritys wie Jan Fabre bis zu Underdogs wie Ann Liv Young, auseinandersetzen.

Diskursiver Bonustrack

Die Intervention der Rumänen wäre für das Publikum ein diskursiver Bonustrack gewesen. Sie hätte der perfektionistischen Subtilität der westeuropäischen Choreografin ein raueres osteuropäisches Statement hinzugefügt. Vielleicht ein nicht unpassendes. Denn De Keersmaeker hat sich in ihrer Arbeit ohnehin zu sehr von den Klangstrukturen der Ars Subtilior, einem überaus formalistischen, von 1377 bis 1420 währenden Musikphänomen, leiten lassen.

Allzu wohlgeformt und plastisch setzen sich die Tänzerkörper und ihre Bewegungsstrukturen in Szene, allzu pathetisch kommt der dreischiffige Raum der einstigen Getreidebörse als Sakralarchitektur zur Geltung. Und viel zu manieriert wird diese Zeit des Desasters im Hundertjährigen Krieg, die von Gewalt, Pest und Inquisition bestimmt war, als Zustand morbider Dämmerung dargestellt.

Noch dazu bilden eitle, sonderbar schnaubende Adonisse und athletische Grazien einen grotesken Gegensatz zu der planen Abstraktion des mittelalterlichen Körperbildes, wie es zum Beispiel aus der damaligen Buchmalerei deutlich wird. Bei diesem Stück, das mit einem atemberaubenden Querflötensolo beginnt, hat De Keersmaeker einfach eine inhaltliche Dramaturgie gefehlt. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2010)

 

Bis 31. Juli

Robert Waloch
31.07.2010 01:31
"En atendant" = wartend/unterdessen?

Das ist doch das Mittelwort der Gegenwart zum französischen ATTENDRE (warten) - oder nicht?
Schon bei Becket heißt es "En attendant Godot" - warum hier nun "a t endant" ???

Paul Delavos
 
30.07.2010 10:29
Faszinierend,

dass Herr Ploebst es schafft, erst im letzten Drittel seines Textes auf das Stück an sich einzugehen.
Egal, wie man jetzt zu der Intervention stehen möchte, es hatte mit dem Stück an sich nichts zu tun.
Die - vielleicht berechtigte - Kritik an der Verhinderung der Intervention hätte wohl eher in einen Kommentar gepasst.
Und das sogenannte "Schnauben" ist eine Möglichkeit die Bewegung aus dem Atem zu formen bzw. sich mit dem Atem zu bewegen. Im übertragenen Sinne auch der Hinweis darauf, dass der Mensch ohne Atem nicht (über)leben kann.
Vielleicht sollte Herr Ploebst einmal seine Einstellung zu Tanz an sich überdenken - nicht alles kann nur Performance sein (wobei hier auch nicht alles erwünscht ist - siehe Antony Rizzi).

IchbinIch5
30.07.2010 07:38

Auch wenn der Rezensent es anders sieht - es ist auch ein Akt der Höflichkeit einem Werk gegenüber, ihm danach die Möglichkeit zu geben, nachzuwirken. In Zeit, im (Aufführungs-)raum und im Kopf der Zuseher. Insofern war das "Verhindern" der Intervention nicht unrichtig. Ploebst spricht sich wohl eher für ein: "Und jetzt schnell noch was ganz anderes!" aus - wozu auch Zeit zum Reflektieren nach einem Werk? Natürlich: Wer nicht wollte, hätte ja gehen können. Es war dennoch ein Zeichen des Respekts vor dem werk und dem Raum, da nicht mit zu spielen. Für mich hatte das also weniger mit etwas "Widerborstigen" zu tun, sondern eher mit der Verhinderung einer gehetzten Supermarkt-Mentalität!

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