Thomas Muster spielt freiwillig Tennis im unfreiwillig geschrumpften Kitzbühel
Kitzbühel/Wien - Kitzbühel und Thomas Muster haben abgespeckt. Die Stadt um 3,5 Millionen Euro auf 600.000, der Mensch um 14 Kilo auf 78. Das ist weniger als das Kampfgewicht in den 90ern des vorigen Jahrtausends, damals war übrigens das Tennisturnier auch noch richtig fett.
Der 42-jährige Muster, dies ist das Trennende, hat sich freiwillig reduziert. Er spielt wieder Tennis, auf Challenger- und Future-Ebene, in der Bundesliga. Er sieht das nicht als Kampf gegen eine Altersdepression, nein. "Mir ist auch nicht fad im Kopf. Ich liebe das Spiel. Ich mache das freiwillig, muss niemandem etwas bewiesen, brauche auch kein Geld. Es geht darum, im Alter die Grenzen auszuloten. Der Vergleich mit den Jugendlichen reizt."
Die Senioren-Tour habe ihn, Muster, nicht mehr zufriedengestellt. "Da musst du den Ball brav in die Mitte spielen, damit ihn der andere alte Mann erwischt. Ich will die Bälle aber an die Linien setzen." Seit einigen Wochen trainiert er in Graz fünf Stunden pro Tag. "Es macht Spaß, die Tasche zu packen und mit dem Auto zum Training zu fahren." Vor einem Monat hat er beim Challenger in Braunschweig gegen den Iren Conor Niland 2:6, 1:6 verloren. "Ich wollte den medialen Rummel gar nicht, war noch nicht bereit."
Kitzbühel ist seit Jahren nicht mehr bereit. Das Turnier wurde von der ATP aus dem Kalender genommen, nach Nizza transferiert. Der Tennisklub stritt mit der Stadt, dem Tourismusverband und dem Land Tirol um Förderungen, Sponsoren sprangen ab, die Lizenz, die man nicht besessen hat, wurde von Ion Tiriac nach Schanghai verscherbelt. Zuschauer und Topspieler blieben aus, die Dotation (eine Million Dollar ) ist viel zu hoch gewesen.
Schlammschlacht
"Wir scheiterten an Misswirtschaft, Schlammschlachten, Interessenkonflikten und am Größenwahn" , sagt Herbert Günther, seit Sommer 2009 Präsident des Kitzbüheler Tennisklubs (KTC). Er hat um die Weihnachtszeit das Hauptquartier der ATP in Monaco aufgesucht, die Damen und Herren dort waren sehr freundlich zum Tiroler, und sie haben gemeint, dass es um das schöne Kitzbühel sehr schade wäre. "Wir bekamen die Erlaubnis für einen Challenger."
Der ist mit 64.000 Euro dotiert, immerhin kommen Andreas Seppi und Gaston Gaudio, vielleicht führt sich Daniel Köllerer ein bisserl auf. Und Muster hat eine Wild Card angenommen. Das Budget beträgt 600.000 Euro, das Risiko trägt der Klub, ein paar kleine Sponsoren gibt es. Dieses Gasthaus, jene Boutique, der Supermarkt um die Ecke. Und man darf sich Austrian Open nennen. Als Turnierdirektor wurde der Deutsche Carl-Uwe Steeb engagiert, Franz Beckenbauer, wer sonst, hat den Kontakt hergestellt. Günther: "Steeb kennt sich aus."
Der Klubchef möchte es "nicht mit der Brechstange" probieren. "Aber eine 65-jährige Tradition darf nicht sterben. Ziel muss sein, eine Lizenz zu bekommen. Wir müssen uns das Vertrauen erarbeiten. Es hat gerade in Kitz einen Charme, ganz unten anzufangen."
Muster, der 1993 gewann, sieht die Zukunft emotionslos. "Natürlich wäre dieser Standort wünschenswert. Aber die Leute unterscheiden nicht zwischen Challenger und richtigem Turnier."
Am Samstag wird übrigens mit einem Länderkampf zwischen Österreich und Deutschland eröffnet. Boris Becker (ein bisserl Glamour muss sein), Nikolas Kiefer und Steeb vergleichen sich mit Muster, Alex Antonitsch, Stefan Koubek und Markus Hipfl. Muster: "Der Länderkampf ist mir wurscht. Der Challenger zählt." (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 30.07.2010)