Das französische Kollektiv KompleXKapharnaüM erzählt Geschichten des Umbruchs im multikulturellen Annenviertel: "Figures Libres" gilt als ein Höhepunkt des Festivals La Strada
Graz - Fast jede mittlere bis größere Stadt kennt Straßen wie die Grazer Annenstraße. Straßen, auf denen einmal Menschen flanierten, wo sich Geschäftsleute glücklich schätzten, in Bestlage ihre Ware anbieten zu können. Heute prägen Handyshops, leerstehende Lokalitäten, Lebensmittelgeschäfte von Migranten und Konzernfilialen das Bild.
Das trotz seiner zentralen Lage - als direkte Verbindung zwischen Bahnhof und Innenstadt - durch schlechte Verkehrspolitik seit den 60er-Jahren ins Eck gedrängte Stadtviertel rückte vor wenigen Jahren wieder in den öffentlichen Blickpunkt. Die Stadt ist bemüht, die Lebensqualität und den Handel vor Ort zu steigern, und auch der im Viertel ansässige Kunstverein rotor machte zuletzt beim Steirischen Herbst - der Standard berichtete - das "Annenviertel" zum Thema.
In den letzten Monaten und Wochen nahm sich nun eine der aufregendsten europäischen Gruppen im Bereich multimedialer Straßenkunst, das französische Kollektiv KompleXKapharnaüM, des Viertels und seiner Geschichte an. Die Menschen rund um Regisseur Pierre Duforeau sind in Graz keine Fremden mehr. Vielbeachtete Projekte in einer Arbeitersiedlung 2003 und die dokumentarische Installation mit Musik und Film in den aufgelassenen Reininghausgründen im Jahr 2006, "Play Rec", wurden bereits im Rahmen von La Strada realisiert.
Erhellende Einblicke
Die Produktion "Figures Libres" ist heuer sicher einer der Höhepunkte von La Strada, dem Festival für Figuren- und Straßentheater, das am Freitag, 30.7., auf den Kasematten am Schlossberg mit einer Performance von Studio Percussion eröffnet wird. Nur am Samstag und am Sonntag kann man gemeinsam mit dem Team von KompleXKapharnaüM im Grazer Volksgarten den leuchtenden Parcours der Geschichten und Gesichter begehen. Für bis zu 2000 Zuseher ist die Arbeit konzipiert, für die man Anrainer, Historiker, Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und in verschiedensten Lebensphasen interviewte.
Doch anders als bei "Play Rec" werden die Interviews nicht gezeigt, sondern die minutenlang gefilmten, schweigenden Gesichter der Menschen aus dem Viertel. Einige Stationen des Rundgangs seien hier verraten: natürlich die Annenstraße selbst, die St.-Andrä-Kirche, die mit ihrem kunstaffinen und multikulturell aufgeschlossenen Priester Hermann Glettler zu einem Angelpunkt des Grätzls wurde, aber auch die Stadtbibliothek und das Bad zur Sonne.
Bilder, die mit der Entwicklung des Viertels zu tun haben, werden dabei auf Hauswände projiziert, sodass diese porös wirken und scheinbar das Leben in den Häusern durchscheinen lassen. Eine Projektion im doppelten Sinne, denn "wie einzelne Menschen in der Transformation ihrer Umgebung agieren, das ist ein Phänomen, das nicht an den Ort gebunden ist, das steht exemplarisch für das Menschliche überhaupt", sagt Duforeau. Daher wird "Figures Libres" auch als Beginn eines Projektes verstanden, das in anderen europäischen Städten seine Fortsetzung finden wird. Nur die Gesichter werden freilich andere sein. Dass man sich immer wieder Orte sucht, die gerade im Umbruch sind, ist Absicht. In Graz schlugen die La-Strada-Organisatoren Diana Brus und Werner Schrempf das Viertel vor.
Zuletzt präsentierte die Truppe übrigens in ihrer Heimat die Arbeit "Mémento", eine Bild- und Klanginstallation zum Begriff "résistance", also Widerstand, in seiner politischen und persönlichen Ausformung. "Das ist mein Lieblingsthema", erklärt Duforeau, "sich anzusehen, wo Widerstand zur Notwendigkeit wird." (Colette M. Schmidt / DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2010)