Jossi Wielers "Angst", nach Stefan Zweigs Novelle bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, ist ein problematisches Produkt
Die Dramenfassung hat Dynamik, doch bleibt die Uraufführung fahl. Wenn da nicht André Jung wäre ...
Salzburg - Die Salzburger Festspiele sind ein produzierendes, im Schauspielbereich in erster Linie aber koproduzierendes Festival, das sich als finanzstarker Partner in sämtlichen Fällen das Recht auf die erste Nacht ausbedingt. So übersiedelt Peter Steins "Ödipus" von der Pernerinsel in wenigen Wochen an das Berliner Ensemble, "Phädra" kehrt nach der Premiere am 17. August ans Burgtheater heim und Jossi Wielers "Angst", nach Stefan Zweigs gleichnamiger Novelle, an die Münchner Kammerspiele.
Das ist wertschöpferisch gesehen eine begrüßenswerte Gewohnheit, doch erweckt die Auswahl auch den Anschein von Einfallslosigkeit. Jossi Wieler, für sein feinsinniges Schauspielertheater gerühmter Regisseur, ist nun innerhalb von drei Jahren das dritte Mal zu Gast, und auch das Burgtheater ist ein obligater Fixstarter.
Aus dem Feld des immer recht Ähnlichen sticht allerdings die Idee heraus, ausgerechnet im Feierjahr der Festspiele Stefan Zweigs zu gedenken. Denn mit Zweig verschafft man just jenem Dichter Aufmerksamkeit, der in Salzburg stets im Schatten von Zampano Hugo von Hofmannsthal stand. Die unter anderem von Roberto Rossellini mit Ingrid Bergman verfilmte Novelle "Angst", in der Zweig 1912 die Seelenpein einer ehebrüchigen Frau offenlegt, verwandelte Dramaturg Koen Tachelet - er wechselt mit Johan Simons nach München - in eine ambitionierte Bühnenfassung. Der Clou: die Aufspaltung der Protagonistin in eine dramatische und eine erzählende Figur. Am Mittwoch war Uraufführung im Landestheater.
Der in einer "windstillen Existenz" gefangenen Anwaltsgattin Irene ist ein Liebhaber (Stefan Hunstein) zugeflogen. Das Abenteuer nimmt ein jähes Ende, als sie von einer unbekannten Frau (Katja Bürkle) erpresst wird. Irene (Elsie de Brauw) will ihr Gewissen ihrem Mann Fritz (André Jung) gegenüber erleichtern, findet aber keinen Mut zum Geständnis. Ist doch Fritz ein Jurist und im schlichten Verzeihen ungeübt.
Weiße Holzpaneele, die sich in der wahnhaften Vorstellung Irenes irgendwann als nicht mehr trittsicher erweisen und wie Klaviertasten kippen (Bühne: Anja Rabes), sind Austragungsort des Konflikts. Nur eine stürzende Blumenvase zeugt von einer Bürgerlichkeit, in der sich zwei Eheleute mit zwei Kindern gar nicht so unglücklich eingerichtet haben.
Innerer Widerstreit
Ein Wohnraum als Tabula rasa: Hier wachsen Irenes Ängste zu immer größerer, auswegloser Bedrückung. Sie spricht von sich abwechselnd in der ersten und dritten Person, als leidendes Subjekt, andererseits emotional distanziert. Und gerade dieser postdramatische Kunstgriff von Koen Tachelet, in bester Absicht vorgenommen und vor allem dazu angetan, möglichst viel Original-Prosatext Zweigs zu erhalten, erweist sich in der Umsetzung als schwierig: Die Figur rückt weg. Die gebrochene Dramatik hebt den Widerstreit zwischen Gestehen und Schweigen auf eine sachliche, diskursive Ebene, ohne ihm theatralisch etwas entgegenzuhalten.
Und genau das gelingt so fabelhaft, wie man es sich von einem Schauspieler nur erträumen kann, dem einzigartigen André Jung. Als langjähriger Weggefährte Jossi Wielers weiß Jung, was hier zu tun ist. Diesem gesetzten, von einem dunkelblauen V-Pullover in Schach gehaltenen Mann, der zur Beruhigung seines zerrütteten Heims allzeit Bücher liest und klassische Musik aufdreht, wenn seine Frau wieder einmal "spät, spät, spät" nach Hause kommt, diesem Herrn verleiht André Jung mit jeder Bewegung seines gesetzten Körpers die gefesselte Schönheit eines wissend Betrogenen.
Mit juridischem Augenmaß schleicht er den Spuren seiner Familienmitglieder hinterher und hält echte Plädoyers nach einem Kinderstreit. Die unausgesprochene Angespanntheit eines bedrohten Familienvaters bringt Jung mit wenigen, grandios ärmlichen Dehnungsübungen seines Körpers zum Ausdruck, während er mit der anderen Hand dabei den V-Pullover faltet - eine unheimliche Präzision. Dabei steckt in diesem Fritz ein noch größerer Stratege, als man anfänglich denkt ...
(Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2010)