"Wir kommen aus dem Sumpf nicht mehr heraus"

29. Juli 2010, 18:41

Kein Geld für Straßen, Kindergärten und die Blasmusik - Die Bürgermeister sollen sparen, sind mit ihrem Latein aber rasch am Ende

Wien - Grünau kann sich das schlechte Wetter nicht mehr leisten. Kaum war der Weg um den Almsee mühsam freigeschaufelt, da spülte bereits der nächste Wolkenbruch Schottermuren von den Berghängen herunter. Ehe Bürgermeister Alois Weidinger aber wieder das Räumkommando losschickt, studiert er intensiv die Prognosen der Meteorologen: "Wenn wir auch noch das nächste Unwetter abwarten, ersparen wir uns zwei Tage Baggereinsatz."

"Ich weiß, das klingt lächerlich", seufzt Weidinger, "aber wir müssen jeden Cent umdrehen". Seit sieben Jahren steht der Sozialdemokrat einer Gemeinde vor, auf die man unter normalen Umständen neidisch sein könnte. Das oberösterreichische Gebirgsdorf trägt seinen Namen mit gerechtem Stolz, es gibt ausgedehnte Wälder und Wiesen, märchenhaft grüne Seen vor kalkweißenFelswänden und einen Wildtierpark, wo einst Konrad Lorenz an seinen Graugänsen forschte. Doch nun droht sich ein bislang ortsfremder Vogel einzunisten: Der Pleitegeier.

Betteln um eine Lappalie

Grünau im Almtal zählt zu jenem guten Drittel der 2357 österreichischen Gemeinden, die heuer ein Defizit aufreißen werden (siehe Wissen). 300.000 Euro wird das Minus betragen, bei einem Budget von 2,4 Millionen Euro. Die Hälfte gleicht erst einmal das Land aus, stellt die Kommune dafür aber unter strenge Kuratel. Für nicht budgetierte Sonderausgaben etwa sind lediglich 5000 Euro im Jahr erlaubt, ein läppischer Betrag, der bereits im Winter aufgebraucht war. Nun muss sich der Bürgermeister "wegen jeder Kleinigkeit", und handelt es sich nur um die Reparatur des Dorflasters, bei der oberösterreichischen Aufsichtsbehörde um Geld anstellen.

Andere Auflage: Pro Kopf darf die 2100 Einwohner-Gemeinde maximal 15 Euro pro Kopf an Subventionen ausschütten, also hat Weidinger sämtlichen 39 Vereinen, vom Tennisclub bis zu den Bienenzüchtern, mit glattem Schnitt zwanzig Prozent weggekürzt. Das reicht freilich noch lange nicht, um - wie vorgeschrieben - die Hälfte des Defizits durch Sparen hereinzuholen. Die zweite Etappe der Sportplatzsanierung ist deshalb auf Eis gelegt, holprige Wanderwege werden auf ihre Erneuerung warten, und auch die Ortsbauern bekommen für die Landschaftspflege weniger Geld.

Lamento über höhere Kosten

Allmählich ist Weidinger aber mit dem Latein am Ende, denn Schule und Kindergarten könne er doch nicht die Heizung abdrehen. Vor 15 Jahren hat Grünau obendrein begonnen, das ganze Gemeindegebiet, mit 230 Quadratkilometern das größte Oberösterreichs, mit Abwässerkanälen zu erschließen. Nun stehen die kostspieligen, abgelegenen Zonen an, doch der Bund hat die Fördersätze gesenkt. Teurer kommt auch der Hochwasserschutz - früher musste die Gemeinde für zehn Prozent der Kosten gerade stehen, nun für das Doppelte.

Die Sorgen variieren von Ort zu Ort. Manche Misere ist, vom gefloppten Prestigeprojekt bis zum verzockten Gemeindevermögen, hausgemacht, doch ein roter Faden zieht sich durch alle bürgermeisterlichen Klagen: Die Kommunen bekämen zwar ständig neue Kosten aufgebrummt, aber keine zusätzlichen Mittel gewährt - in der Krise sind die vom Bund überwiesenen Steuereinnahmen vielmehr gesunken. Eine Studie des Forschungsinstituts KDZ prognostiziert eine Explosion der Ausgaben für Spitäler, Sozialhilfe und Pflege, an denen sich die Gemeinden laut Vertrag mit den Ländern beteiligen müssen, ohne diese beeinflussen zu können, von zehn Prozent pro Jahr. Bei den kommunalen Sommergesprächen in Bad Aussee diese Woche forderte Gemeindebund-Chef Helmut Mödlhammer deshalb vehement, den Pflegeaufwand per Fonds oder Versicherung zu finanzieren.

Weil die Steiermark die Praxis abgeschafft habe, Kosten für Pflegeheimbewohner bei Angehörigen einzutreiben, seien die Sozialausgaben um 100.000 Euro gestiegen, rechnet Johann Pirer vor. Gleichzeitig brachen die Steuereinnahmen weg, und so sitzt der Bürgermeister von St.Lambrecht im Murtal heute auf einem Defizit von knapp 300.000 Euro.

Pirer sieht sein Heimatdorf in einer "Todesspirale", die nicht nur von der Krise angetrieben werde. Einwohner siedeln aus der abgelegenen Region ebenso zahlreich ab wie Arbeitsplätze. Erst fielen 260 Jobs beim lokalen Holzwerk flach, dann forderte eine Explosion im Dynamitwerk nicht nur zwei Todesopfer, sondern auch 80 Posten, die bei der nötigen Modernisierung wegrationalisiert wurden. Wenn nun die Gemeinden kein Geld mehr für Investitionen hätten, werde sich der Niedergang beschleunigen, ahnt Pirer: "Wir kommen aus dem Sumpf nicht mehr heraus."

Sparen zum Kopfschütteln

Allerorts werden Projekte abgeblasen, Ideen verworfen. Wegen eines Minus von 250.000 Euro findet sich Altlengbach in Niederösterreich mit einer bröckelnden Kindergartenfassade, einem unfertigen Radweg und der fehlenden Anbindung des Amtshauses an die Fernwärme ab - "derzeit können wir uns nicht einmal die Anschlussgebühren leisten", sagt SPÖ-Ortschef Wolfgang Luftensteiner. Sein Grünauer Kollege Weidinger muss sich den Ausbau der Altenbetreuung abschminken - und schüttelt über manche Groschenzählerei nur den Kopf. Beim Tierpark asphaltiert das Land gerade eine Straße. Dem Spardiktat sollen die Ausweichbuchten für Busse zum Opfer fallen.

"In ein paar Jahren wird uns das alles auf den Kopf fallen", prophezeit der Steirer Pirer und sieht die Autofahrer bereits über Schlaglöcher rumpeln. Zum ersten Mal in 20 Jahren zweifelt er am Sinn seiner Berufung: "Wenn sich nichts mehr gestalten lässt, braucht man keinen Bürgermeister. Dann reicht ein Amtsverwalter."(Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2010)

Kommentar posten
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die dunkle seite der nacht
14
31.7.2010, 06:55
das mit der Vereinsförderung

ist ja die praktischte Form für die Bürgermeister sich Stimmen zu kaufen.
Ein neues Heim für die Musik: bitteschön
Ein Stadion für eine 2.Klasse Regionalpartie: gerne
Baukostenüberschreitung: was solls
Trachtenverein, Studentenverbindung, Landjugend, Volkstanzgruppe.....
Für alle hat der Bürgermeister ein offenes Tascherl.
"Zahlen sich ja eh die Depperten selber" denkt der sich, und freut sich weil er so beliebt ist.

ÖVP und Banken sind eine Seuche !
01
31.7.2010, 06:51
komischer weise

sind hier wenig schwarze kampfposter unterwegs.
anscheinend haben sie keine gegenargumente - denn an schlechtes gewissen glaub ich bei den schwarzen gaunern nicht

EN ISO 9000
 
12
30.7.2010, 22:30
Grünau im Almtal, wunderbar, ein Musterbeispiel für Geldverschwendung (siehe HP).

Grünau: Mini-Gemeinde mit 2100 EW,

- o. Haushalt 4 Mio., a.o. Haushalt 3,3 Mio. (!)

- dafür 25 (!) Gemeinderäte, die sicher weit über 100.000 EUR/a kosten. Macht in 5 Jahren über eine halbe Mio. (!)

- baut gerade neues Gemeindezentrum um 2 Mio. (!)

- baut neues Feuerwehrzeughaus > 1 Mio. (!)

- Vereinsförderung 2010: 35.000 (!)

- total zersiedelt – km lange Straßen für 5 Häuser.

Einfach unverschämt. Wie viele Mio. will der Bgm. noch? Der Größenwahn gehört abgestellt und alle Gemeinden bezirksweise zusammengelegt.

Für Straßen- und Schulbau, Einhebung von Wassergebühren, sprich einfache Gemeindeverwaltung, bedarf es ohnehin keiner politischen Entscheidungen bzw. Politiker.

Daher sind auch die Länder überflüssig.

Der Mann mit der Maske
00
19.10.2010, 13:00
neidhammel, bist wohl aus scharnstein!

magkeinelinken
02
30.7.2010, 17:19
Viele dieser Probleme sind aus der Gier verschuldet.

Ich weiß nich wie heute die Bezahlung des Gemeinderates abläuft aber vor 20 Jahren war es noch so, daß sich das Gehalt eines Bürgermeisters fast Verdoppelt hat wenn er in seiner Gemeinde ein Spital hatte, wenn es ein Freibad od. Hallenbad gab, gab es wieder was drauf und wenn eine Gemeinde als Tourismusgemeinde galt, dann nochmal was drauf. Und vom Bürgermeistergehalt sind die Saläre der Gf-Gemeinderäte u. die der Gemeinderäte abgeleitet. Deshalb hat jede Gemeinde geschaut, daß sie soviel wie möglich von den obgenannten Kostenbringern, in ihre Gemeinde gebracht haben.
Das fällt ihnen jetzt auf den Kopf.

Leo Laokoon
00
31.7.2010, 13:02

und voriges jahr haben sie sich noch einmal 30% erhöhung genehmigt!

trockenes brot
02
30.7.2010, 16:48

in wiener neudorf stiegen die gemeindegehälter um 50 % sonst im schnitt 22% (in 5 jahren) auch so geht man pleite

Helenos
11
30.7.2010, 15:46

Mittelgroße Gemeinden in Oberösterreich wenden mittlerweile bereits knapp 1 Mio. Euro alleine für Krankenanstaltenbeitrag und Sozialversicherung auf. Diese Beiträge werden jährlich um durchschnittlich 5% steigen, diese Summen können von den Gemeinden nicht mehr aufgewendet werden. Es ist lediglich eine Frage der Zeit bis es 2.357 Abgangsgemeinden gibt - da können wir alle Gemeinden abschaffen oder Zusammenlegen, das Grundproblem wird dadurch nicht gelöst.

navrat pospischil
 
04
30.7.2010, 15:20
Sport und Musikvereine brauchen keine Subventionen.

Solche Vereine haben sich selbst zu tragen.
Wenn nicht gewollt können die Vereine den Mitgliedern nicht sehr wichtig sein.

Vielleicht beginnt man auch nötige Strassenausbesserungsmasnahmen irgendwann mit Kanalarbeiten und Ähnlichem abzustimmen, um Strassen vielleicht nur einmal alle drei jahre neu zu asphaltieren.

Nein nicht jede Gemeinde braucht ein neues Gemeindezentrum.
Nein nicht jede Gemeinde braucht jeden "Angestellten" der mitdurchgefüttert wird.

ps.: Wozu braucht man die Gemeindeebene überhaupt?

Ist aufzulösen. Komplett. Und wenn nicht die dann die Bezirksämter oder gleich die Länder.

Aber eine derartige Dichte an Verwaltung ist schwachsinnige Geldverschwendung.

Ingrimm
00

Stimmt, da lassen sich einige ihr Hobby aus der Steuerkasse finanzieren. Dann wird jeder Verwandte und Kumpel genötigt, beizutreten um die Mitgliedszahlen hochzupuschen... das ganze gehörte abgeschafft, ...

Geistesblitz
010
30.7.2010, 14:06
Ja, das tut uns jetzt aber wirklich leid, liebe Gemeinden

Aber der Sparzwang wird noch drastischer werden, denn für Gemeinden haben wir jetzt leider keinen Cent mehr übrig.

Die ÖVP hat die Milliarden Österreichs nämlich den Bankern am Glücksparkett hinterher geworfen, damit diese ihre Spielschulden bezahlen können und natürlich wieder ordentlich Einsatz zum weiter zocken haben. Nicht zu vergessen die Golden Handshakes für alle anderen ÖVP-Günstlinge aus dem Finanzsektor.

Die ÖVP hat das übrigens mit Gott getan. Also liebe Landsleute. Gehet in Euch, folget dem Hirten Pröll und lebet nach Art des Messias in Armut. Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass die ÖVP den von der Bevölkerung geschaffenen Reichtum der arbeitenden Bevölkerung auch wirklich zugute kommen lässt.

Amen.

Entropix
00
30.7.2010, 15:07
die Paddei-Zentrale dankt ;-)

genial daneben
010
30.7.2010, 13:54
zuerst sinnlose Kreisverkehre bauen und in jedem Kaff eine Gewerbezone schaffen

und sich dann wundern, dass die Kohle ausgeht.
Hauptsache wir bauen eine Ausfahrt zu Lidl, Billa, Hofer, Merkur, Penny, Pagro, Kik und zerstören dafür unser Kleingewerbe, den Bäcker, den Fleischer, den Greisler. Die Dörfer veröden, die Kreisverkehre leben hoch.
Ob das wohl mit Geld in Zusammenhang steht?

Dreistein
 
00

Also an den Kreiverkehren sollte es nicht scheitern, die sind nämlich ein großer Beitrag zu mehr Sicherheit. Kaum einmal gibt es an einem Kreisverkehr einen schweren Unfall, an Kreuzungen schon.

Zu Ihren anderen angeführten Punkten gebe ich Ihnen allerdings recht.

ExBeamter
00
Kreisverkehr ist doch nee super Idee. Keine Ampeln, weniger Unfälle.

Leo Laokoon
00
31.7.2010, 13:04

bist du aus zwettl?

Genowo
00
31.7.2010, 18:34

Ach, das ist ein bundesweites Problem.

loer
31
30.7.2010, 14:44

und, wo kaufst du so ein, übers jahr gesehen ?

Quim Barreiros
01
30.7.2010, 16:03

Ich würde dieses Problem nicht auf die leichte Schulter nehmen. Vor allem die Erhaltungskosten luxuriös ausgebauter Gemeindestraßen werden noch ordentlich für Probleme sorgen.

Genowo
010
30.7.2010, 13:42
Eine Grundlegende Verwaltungsreform

könnte die neun Landesregierungen mit ihren Ämtern und die 2400 Gemeinderäte mitsamt ihren Verwaltungseinrichtungen auf 99 gewählte Bezirksräte konzentrieren.
Das schafft im Kleinen mehr Überblick - nicht jede kleine Gemeinde muss die gleichen Freizeiteinrichtungen wie die Nachbargemeinde haben und baut auf einen Schlag viele Tausend Politfunktionäre ab, was langfristig (Pensionen etc.) einen enormen Kosteneffekt hat.
Natürlich wird so eine Einsparung von den österreichischen Parteien, insbesondere von der Dorfkaiserpartei ÖVP niemals durchgeführt auch wenn sie noch so sehr im Sinne der BürgerInnen wäre.
Selbst eine Auflassung von Gemeinden unter 2500 Einwohner wird aus gleichen Gründen auf erhebliche Widerstände stoßen.

Menschen gegen Menschen
17
30.7.2010, 13:17

Es sind die Kosten fürs Personal und lächerliche Renommierprojekte, die die Gemeinden in den Konkurs treiben.

Warum sollen die Bürger diese Verschwendung und Unfähigkeit mit noch höheren Steuern finanzieren?

Helenos
03
30.7.2010, 15:56

Renommierprojekte wie Kanalbau, Straßenbau, Straßenbeleuchtung, Schulsanierung oder Kindergartenbau treiben die Gemeinden in den Ruin.
Die Personalkosten vorrangig für den Kindergarten oder Hort, Schülerbeaufsichtigung, Reinigung, Schülerausspeisung, Straßeninstandhaltung, Müllabfuhr, Winterdienst treiben die Gemeinden in den Ruin. Wie recht sie haben!

Leo Laokoon
01
31.7.2010, 13:07

wie wärs eigentlich damit: die straßen umpflügen, die kanäle zustopfen, brunnen zuschütten, schulen, kindergärten, gemeindeämter abreissen - und dann alles sich selbst überlassen!
hm?

Darwin1
03
30.7.2010, 13:16
39 Vereine!!

In einer 2100 EW Gemeinde gibt es 39!!! geförderte Vereine! Noch irgendwelche Fragen, warum es an Geld fehlt?

Leo Laokoon
00
31.7.2010, 13:08

und unser bürgermeister wird nicht müde das rege vereinsleben in unserer gemeinde zu loben! denn die gemeinde lebt von den vereinen - sagt er!

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