Griechenland

Athen rekrutiert Lkw-Fahrer

Robert Stadler aus Athen, 29. Juli 2010 18:06

Die sozialistische Regierung griff zu drastischen Maßnahmen, um den Streik der Lkw-Fahrer zu beenden

Die sozialistische Pasok-Regierung unter Giorgos Papandreou hat am Donnerstag zu drastischen Maßnahmen gegriffen, um den Streik der Lkw-Fahrer zu beenden. Auf Anordnung des Premiers wurde der zuständige Verkehrsminister Dimitris Reppas angewiesen, die Mobilmachung der streikenden Fahrer anzuordnen.

Die Präfekturen des Landes sollen den streikenden Fahrern und Lkw-Besitzern den "Marschbefehl" zustellen. Sollten sie ihre Arbeit nicht aufnehmen, drohen strafrechtliche Konsequenzen oder der Entzug der Lizenz.

Der Regierungschef beruft sich bei seinem "militärischen" Vorgehen auf ein Gesetz aus dem Jahre 1974. Wird das wirtschaftliche oder soziale Leben wegen natürlicher oder anderer Gründe erschüttert, heißt es dort, kann diese Zwangsrekrutierung zur Anwendung kommen.

Wegen des Fahrerstreiks stöhnt Griechenland unter Benzinknappheit, der Handel klagt über erhebliche Einbußen, und in Tourismusgebieten machen sich Versorgungsengpässe mit Gütern des täglichen Bedarfs bemerkbar. Auf den Ionischen Inseln musste eine Fährgesellschaft bereits ihr Routenangebot halbieren, weil sich der Treibstoff für die Schiffe zu Ende neigt.

Staat nicht wehrlos

Transportminister Reppas hatte diesen Schritt schon angedeutet. "Der Staat ist nicht wehrlos, die Gesellschaft ist nicht ungeschützt" , hatte Reppas in Richtung der Streikenden gesagt. Auf die Zwangsrekrutierung griffen griechische Regierungschefs in den letzten 35 Jahren sechsmal zurück.

Die Streikenden wollen gegen die Liberalisierung ihres Berufszweiges protestieren. Seit 1971 werden die Lizenzen für diese Berufsgruppe vom Staat vergeben. Seither hat sich ein regelrechter Handel entwickelt; der Preis für eine Lizenz beträgt derzeit 200.000 Euro und mehr. Das Transportministerium will mit der Liberalisierung die Kosten senken sowie den Wettbewerb stärken, und man erwartet auch positive Folgen für den Konsumenten. Nicht zuletzt hat sich Athen gegenüber seinen Geldgebern (der EU und dem Währungsfonds) dazu verpflichtet, das Transportwesen zu modernisieren. (Robert Stadler, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 29.7.2010)

 

Kommentar posten
18 Postings
Peter Triendl
03.10.2010 19:29
Viel Geld?

Wenn man bedenkt dass der Verkauf dieser Lizenzen die einzige Altersvorsorge für diese LKW-Fahrer bedeutet frage ich:
Wie lange kommt man für 200.000 Euro über die Runde? 10 Jahre, 20 Jahre?
Ich denke für eine angemessene Pension würden die meisten Fahrer den Streik sofort niederlegen.

the funk of 40.000 years
01.08.2010 11:03
Ich versteh die Aufregung ja ohnehin nur teilweise.

Viele LKW in GR sind eh in Deutschland registriert, wohl über Briefkastenfirmen, wundert mich nur, daß das nicht alle gemacht haben.

APM Projektmanagement
30.07.2010 22:42
Verständnis

Mit erstaunlicher Konsequenz setzt die Regierung Reformen durch, die auch anderenorts zu massivsten Protesten führen würden. Auf völliges Unverständnis darf die Reaktion deshalb nicht stoßen. Auch nicht bei EU und IWF, deren Auflagen nach der Schuldenkrise zur rigiden Sparpolitik führten. Abweichen dürfen sie davon nicht - wohl aber sollten sie honorieren, mit welchem eisernen Willen die Regierung vorgeht. Athen hat alle denkbare Hilfe verdient, um den Sparkurs durchhalten zu können.

Wirtueller
30.07.2010 08:34

Jetzt macht die EU das was die Griechen sexuell am liebsten haben. Vielleicht ist sie ja doch noch zu etwas zu gebrauchen.

.oOo. /|||||||\ .oOo.
30.07.2010 08:28

es gibt ja das militär, die haben auch lkws bzw lkw fahrer.. villeicht helfen auch die türken ..

naja2009
 
29.07.2010 19:35
...was nützt ein zwangsrekrutierter Fahrer bei einem plötzlichen Motorschaden?...

fangdenhut
29.07.2010 18:37
Wenn sie die Liberalisierung beschleunigen

...und schon jetzt neue Lizenzen ausgeben, dann können sich die Streikenden bald brausen gehen, und die Regierung spart sich diesen zweifelhaften Eingriff in die Freiheitsrechte ihrer Bürger.

Apfelkern
29.07.2010 15:24

"Verletzt wurde niemand."
Ja, niemand von der Polizei. Im Tränengasnebel zustehen bedeutet sehr wohl teils sogar schwere Verletzungen. Einseitig wie immer.

Poldi Fesch
29.07.2010 23:07
muszt ja nicht

drinstehen

Jo eh...
29.07.2010 14:49

Die "Diebe" sind wohl eher jene LKW-Fahrer die auf ihren Oligopol-Lizenzen sitzen und alle anderen damit erpressen. Griechenland ist wirklich ein verwahrlostes Land.

oba g
30.07.2010 06:40
geh bitte,

in wien muss jemand so eine summe berappen, wenn er sich in einer ubahn passage einmieten will, was ist jetzt heruntergekommen?

Der Österreicher
29.07.2010 16:12

300.000 Euro für eine Lizens. In Österreich regt sich schon jeder auf wenn er 300 Euro Studien Gebühren zahlen muss. Und das sich diese LKW Fahrer jetzt natürlich komplett vera... fühlen ist ja wohl klar.

Dreistein
 
30.07.2010 13:01

Das heisst ja nicht, dass diese Lizenzen seinerzeit so viel gekostet haben. Sie kosten nur jetzt am Schwarzmarkt soviel, weil durch das Quasimonopol der Wert dieser Lizenzen gestiegen ist. Eine Frage also des Angebotes und der Nachfrage. Ein Frächter, der seine Lizenz vor 40 Jahren um den Faktor x gekauft hat, verkauft ihn nun um ein Vielfaches weiter und verschafft sich so ein zusätzliches Altenteil - am Staat und an der Steuer vorbei, versteht sich.

Ich frage mich, warum die Regierung diese Lizenzen nicht auf einen Schlag für Null und Nichtig erklärt hat. Dann gäbe es auch keinen Schwarzmarkt dafür.

kruja
29.07.2010 15:24
@ jo eh

die wehren sich wenigstens gegen die ausbeutung - bravo!!!

politisch verfolgt
29.07.2010 16:21
welche ausbeutung?

Takis
29.07.2010 16:56

Wenn sie sich eine Lizenz um 300000 Euro kaufen und der Staat diese dann für wertlos erklärt, würden sich sich wohl auch ausgebeutet vorkommen.

Poldi Fesch
29.07.2010 23:09
war wohl vorhersehbar

dasz das endet. Wobei man die Schadenersatzpflicht des Staates nicht vergessen sollte

Nukularist
29.07.2010 18:26

Und wenn man sich keine 300.000-Euro-Lizenz mehr kaufen muss, kommt man sich dafür *nicht* ausgebeutet vor.

Ich drück die Daumen, dass der LKW-Streik in die Hose geht!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.