Klima zuletzt stark verbessert - Schuldenberg und Defizit dämpfen
Wien - Österreichs Wirtschaft schwenkt nach dem mit Abstand stärksten
Einbruch der Weltwirtschaft seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder auf
einen moderaten Wachstumskurs ein. In den Jahren 2010 bis 2014 werde das
Bruttoinlandsprodukt (BIP) real um durchschnittlich zwei Prozent pro Jahr zulegen,
prognostiziert das Institut für Höhere Studien (IHS) in einer heute, Donnerstag,
veröffentlichten Studie.
Die Arbeitsmarktentwicklung dürfte deutlich positiver ausfallen als befürchtet, die Beschäftigungsnachfrage pro Jahr um rund 0,75 Prozent zunehmen, die Rate am Ende des Prognosezeitraums 6,7 Prozent betragen.
Nach 1,5 Prozent und 1,9 Prozent in den Jahren 2010 und 2011 erwartet das
Institut für den restlichen Prognosezeitraum bis 2014 Wachstumsraten von
durchschnittlich knapp 2,25 Prozent. Insgesamt fällt damit das jährliche
Wachstum um 0,4 Prozentpunkte kräftiger als im Durchschnitt der letzten fünf
Jahre (2005 bis 2009) aus. Das Wachstumstempo der österreichischen Wirtschaft
entspricht dem in der EU-27, liegt aber immer noch 1/4 Prozentpunkt über dem im
Euroraum, so das IHS.
Stimmungsaufhellung besonders in der Industrie
Die Stimmung von Unternehmern und Verbrauchern in der
Eurozone hat sich im Juli ebenfalls überraschend stark aufgehellt. Das
Barometer für das
Wirtschaftsklima kletterte um 2,3 auf 101,3 Punkte, wie die
EU-Kommission am
Donnerstag mitteilte. Von Reuters befragte Volkswirte hatten mit einem
Stand von
99,0 gerechnet. Angesichts der verbesserten Auftragslage hellte sich die
Stimmung besonders in der Industrie auf, angeführt von Deutschland. Die
Kapazitätsauslastung verbesserte sich weiter. Mit 77 Prozent in der
Europäischen
Union liegt sie aber dennoch um vier Prozentpunkte unter dem
langjährigen
Durchschnitt.
Das Barometer setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen, wobei die
Industrie 40 Prozent, Verbraucher und Handel dagegen nur jeweils fünf
Prozent
ausmachen. Das Geschäftsklima im Währungsgebiet erholte sich auf plus
0,66 von revidiert
plus 0,4 Punkten. Experten hatten hier einen Stand von plus 0,39 Punkten
vorhergesagt.
Schuldenberg und Defizit
Die stark gestiegenen staatlichen Defizite und die in kurzer Zeit enorm angewachsenen Schuldenstände könnten allerdings die mittelfristige Wachstumsdynamik spürbar dämpfen, so die Wirtschaftsforscher. Darüber hinaus könnten von der "Großen Rezession" auch negative Auswirkungen auf das Produktionspotenzial ausgehen. Diese dürfte gegenwärtig in Österreich auf 1,5 Prozent gesunken sein.
Die geplante Konsolidierung des Staatshaushaltes sei unbedingt notwendig. Das IHS geht davon aus, dass die Defizitquote pro Jahr um jeweils rund einen halben Prozentpunkt abgesenkt werden kann. Ende 2014 läge damit die Defizitquote wieder unter der 3-Prozent-Marke. Hier sei primär bei der Ausgabenseite anzusetzen.
Beitrag öffentlicher Dienst
Einen "deutlichen Beitrag" des öffentlichen Dienstes zur Konsolidierung fordert eine weitere Studie des IHS. Das Spektrum der Möglichkeiten reiche dabei "von einer Gehaltsanpassung unter der Inflationsrate bzw. nur bei den niedrigen Gehaltsgruppen bis zu einer Null-Lohnrunde und dem Aussetzen von Vorrückungen."
Die IHS-Forscher argumentieren, dass die Gehaltssumme des staatlichen Sektors im Jahr 2008 bei 25,8 Milliarden Euro gelegen ist, das sind 18,8 Prozent der Gesamtausgaben des Staates. Wenn man die durchschnittlichen Zuwachsraten der vergangenen fünf Jahre fortschreibe, würden diese Ausgaben bis zum Jahr 2013 auf 30,3 Milliarden Euro steigen. Angesichts der wirtschaftlichen Lage geht das IHS daher von der Notwendigkeit eines Beitrages der Beschäftigten im öffentlichen Sektor zur Budgetkonsolidierung aus.
Mittelfristig erscheint den IHS-Forschern auch eine umfassende Besoldungsreform für den öffentlichen Dienst notwendig. Diese sollte auch eine Abkehr vom Prinzip der Senioritätsentlohnung bedeuten, wonach die Gehälter automatisch mit dem Alter steigen.
Gestiegene Einkommen
Argumentiert werden die Forderungen auch damit, dass die Einkommen der Beamten in den letzten Jahren wesentlich deutlicher gestiegen sind als im privaten Sektor. Von 2000 bis 2008 sind die Bruttoeinkommen (Median) aller unselbstständig Beschäftigten um 16,9 Prozent gewachsen. Deutlich über dem Durchschnitt entwickelten sich die Beamten-Einkommen, die um 38,6 Prozent gestiegen sind. Die Einkommen der Angestellten sind im Vergleich dazu um 20,4 Prozent, jene der Arbeiter nur um 10,5 Prozent gewachsen.
Dabei liegt das Beamteneinkommen schon jetzt deutlich über jenem der anderen Berufsgruppen. Während die Beamten ein Jahresbrutto von 46.066 Euro (Median im Jahr 2008) aufweisen, kommen die Angestellten nur auf 27.323 Euro, die Vertragsbediensteten auf 27.266 Euro und die Arbeiter nur auf 18.203 Euro. Dabei ist allerdings auch zu berücksichtigen, dass die Beamten im Schnitt einen höheren Bildungsgrad aufweisen und der Altersschnitt höher ist. (APA)