derStandard.at-Interview

"Wir gewinnen, Europa verliert"

29. Juli 2010 11:35
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    Foto: privat

    Fabio Fonseca Figueiredo, auf dem Wiener Zentralfriedhof: "Wien hat mich überrascht"

Der Wissenschafter Fabio Fonseca Figueiredo lebt nach mehreren Jahre in Europa nun wieder in Brasilien - als Spitzenkraft fühlt er sich in der EU nicht willkommen

Fabio Fonseca Figueiredo hat vor ein paar Wochen seine Doktorarbeit in Geografie in Barcelona abgeschlossen. Beinahe fünf Jahre hat er in Europa gelebt und hier sein Leben komplett umgekrempelt. Neue Freunde sind dazugekommen, er hat professionelle Kontakte geknüpft und auch seine persönlichen Interessen haben sich verändert. Jetzt ist er wieder in Brasilien und versucht erneut, sich auf die Situation einzustellen.

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derStandard.at: Warum sind Sie nach Europa gekommen?

Fonseca: Ich kam nach Spanien im Rahmen eines internationalen Stipendiums für Doktoranden (Alban). Ich hatte zwar schon davor ein Doktorstipendium in Brasilien. Trotzdem wollte ich nach Europa, das Auslandsstipendium hat mir neue Möglichkeiten eröffnet. Ich konnte Europa kennen lernen, mit den Menschen in Kontakt treten und die gesamte Vielfalt Europas erleben. Das ist etwas, das man in Brasilien kaum findet, weil die Menschen hier immer noch sehr zurückhaltend sind, was den Kontakt mit dem "Fremden" betrifft.

derStandard.at: Was waren Ihre Erfahrungen mit Europa?

Fonseca: Ich war Student an der Universität von Barcelona und als solcher ein Elite-Student in Brasilien - ich hatte ja ein internationales Stipendium. In Brasilien hat ein Doktorand direkt oder indirekt Einfluss auf kulturelle, soziale und wirtschaftliche Themen des Landes. Ich persönlich hatte damals eine Wohnung, ein Auto und Geld auf dem Sparbuch. In Spanien hatte ich weniger Geld und musste mein Leben von Grund auf ändern, etwa erstmals in eine WG ziehen. Die bürokratischen Hürden waren ärgerlich und entwürdigend. Stundenlang bei Regen und Kälte in einer Schlange zu stehen, um alljährlich das Visum zu verlängern reduzieren einen Menschen darauf, Ausländer zu sein. Andererseits bin in allen europäischen Ländern auf sehr interessante und offene Menschen getroffen. Tatsächlich gelebt habe ich in Barcelona, Porto und Wien. Vor allem Wien hat mich überrascht. Die Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, spiegelten nichts von dem Rassismus wieder, der die politische Diskussion bestimmt.

derStandard.at: Hat es sich für Sie gelohnt, nach Europa zu kommen?

Fonseca: Für mich schon. Ich bin persönlich und professionell gewachsen. Ich denke, dass auch die Menschen, mit denen ich direkt zu tun hatte, ihren Nutzen daraus zogen und ziehen. Heute habe ich einige sehr gute Freunde in ganz Europa und meine derzeitige Freundin ist ebenfalls Europäerin. Stipendien wie meines, sind für die Studenten ein absoluter Gewinn, aber der EU bringen sie wenig, weil wir nach Auslaufen des Stipendiums nicht in Europa bleiben dürfen. Die EU investiert, bekommt aber nichts zurück.

derStandard.at: Was müssten Sie also tun, um ein Europa zu arbeiten? Wie viel Geld und Zeit müssten Sie investieren, um hier einen Job zu finden? 

Fonseca: Die Länder der EU verfolgen nach wie vor eine Politik der Zurückweisung gegenüber Ausländern. Und dabei spreche ich nicht nur von Ausländern aus Drittstaaten sondern von Ausländern im Allgemeinen. In meinem Fall ist es so, dass es quasi unmöglich ist, einen Job in Europa zu finden. Mein Bildungsniveau liegt über dem europäischen Durchschnitt - ich bin Wissenschaftler und verfüge über langjährige akademische Erfahrung - und ich habe mein Doktorat an einer anerkannten Universität in Barcelona gemacht. Für mich stellt sich die Frage nach Zeitaufwand oder Kosten kaum, da Pläne in diese Richtung schon vorher in einer bürokratischen Sackgasse enden.

Eigentlich sollte die Tatsache, dass ich mein Doktorat an der Universität von Barcelona gemacht habe, die bürokratischen Wege vereinfachen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Vor ein paar Jahren bekam ein Freund von mir aus Kolumbien, der in Spanien Arbeit gesucht hat, eine Absage, weil er nicht in Spanien studiert hat. Detail am Rande: auch er hat seinen Doktor in Barcelona gemacht. Da frage ich mich, warum sein Studium zwar für ein Doktorat in Spanien anerkannt wird, er damit aber in Spanien nicht arbeiten darf. Dafür hätte er das gesamte Studium wiederholen müssen.

derStandard.at: Was müssten Ihnen Österreich - oder ein anderes EU-Land - dann anbieten, um Sie für den Arbeitsmarkt zu gewinnen?

Fonseca: Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Zwei Brasilianer, Bekannte von mir, haben in Kanada an einem Regierungsprogramm teilgenommen, dessen Ziel es ist, ausländische Fachkräfte mit hohem Bildungsniveau ins Land zu holen. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass sie viele Titel haben müssen, es geht dabei um nachweislich hohe professionelle Qualitäten. Kanada bieten diesen Leuten Sprachkurse für Französisch und Englisch an. Aber abhängig vom Berufsfeld ist es nicht zwingend notwendig, überhaupt eine dieser Sprache zu lernen.

Der Immigrant erhält sämtliche Dokumente und kann sofort mit der Arbeitssuche beginnen. Außerdem werden die Unternehmen motiviert, ausländische Arbeitnehmer einzustellen. Besonders geschätzt werden junge, gut ausgebildete Menschen, die in der Lage sind, sich in die lokale Gesellschaft zu integrieren. Weiter kümmert sich die kanadische Regierung um die Ausbildung der Kinder und bietet auch psychologische Unterstützung an. Mit dieser Politik hat man es geschafft, dass die Kanadier heute etwas weniger Fremdenfeindlich und etwas weltoffener geworden sind.

derStandard.at: Und was bieten Sie im Gegenzug der EU?

Fonseca: Ich bin Wirtschaftswissenschaftler und Doktor der Geografie. Dazu verfüge ich über langjährige Lehrerfahrung und bin Mitglied bei Forschungsgruppen, wobei mein Spezialgebiet im Bereich Umwelt liegt. Darüber hinaus habe ich in zahlreichen Medien in Brasilien, Portugal und Spanien publiziert und spreche drei Sprachen. 

derStandard.at: In Österreich taucht immer wieder die Frage auf, ob durch Zuwanderung nicht eine "Welle von Ausländern" auf dem Arbeitsmarkt den InländerInnen Konkurrenz machen würde. Verstehen Sie diese Befürchtung?

Fonseca: Ich kennen diese Diskussion auch aus Spanien oder Portugal und stelle mir immer wieder die gleiche Frage: Wie kann eine "Welle von Ausländern" einen Arbeitsmarkt ruinieren, der bereits kaputt ist? Die offiziellen Daten zeigen, dass dreizehn Prozent der österreichischen Bevölkerung bereits an oder unter der Armutsgrenze leben. 

Ich würde natürlich gerne in Europa und vor allem in Österreich arbeiten und leben. Aber ich weiß nicht, ob es sich für mich lohnt, für ein- oder zweitausend Euro im Ausland zu arbeiten, wenn ich in Brasilien mit meiner Ausbildung ein sehr angenehmes Leben führen kann. Davon abgesehen bin ich nicht ganz sicher, ob Österreich der beste Platz für Akademiker ist. Ich zweifle nicht an den Verdiensten der österreichischen Universitäten - aber ich beobachte, dass die Gelder für die Universitäten immer weiter reduziert werden.

Soviel ich weiß, gibt es in Österreich keine speziellen Angebote für junge Doktoranten. In vielen lateinamerikanischen Ländern gibt es diese Programme. Das Stellenangebot für Professoren und Forscher wird reduziert, während sich das Verhältnis Studenten pro Professor pro Studienplatz immer weiter zuspitzt. In Brasilien hat die Regierung bereits 2007 einen Plan erstellt, der bis 2015 die Schaffung von 8.000 neue Stellen für Universitätsprofessoren an den staatlichen Unis vorsieht.

derStandard.at: Und wie sehen jetzt ihre Zukunftspläne aus?

Fonseca: Ich bin momentan in Natal, im Nordosten von Brasilien. Abgesehen davon, dass ich einen brasilianischen Pass besitze, fühle ich mich hier jedoch völlig fremd. Nach so langer Zeit im Ausland, sind die persönlichen und professionellen Kontakte spärlich geworden oder ganz abgebrochen. Es kam in Europa auch zu einer Vermischung meiner Kultur mit der Kultur der alten Welt, so dass ich jetzt viele Dinge vermisse, die es in Brasilien nicht gibt.

Zur Zeit arbeite ich an einer Bewerbung für ein Forschungsstipendium für junge Doktoranten an der staatlichen Universität. Darüber hinaus bewerbe ich mich auch an verschiedenen Unis in ganz Brasilien und natürlich auch in Europa um eine Stelle als Professor oder in der wissenschaftlichen Forschung im Bereich Umwelt, Abfallentsorgung und den Zusammenhängen von Wirtschaft und Umwelt. Sollte jemand Bedarf für einen brasilianischen Doktoranten mit diesem Profil haben - ich bin bereit, nach Österreich zu kommen. (ham/derStandard.at/29.07.2010)

FABIO FONSECA FIGUEIREDO, Jahrgang 1973, hat in Barcelona sein Doktorat in Humangeografie zum Thema Abfallentsorgung und "Müllmenschen" im Juni 2010 abgeschlossen. Gleich nach seiner Promotion ist er nach Brasilien zurück gekehrt, wo er nun, nach fast fünf Jahren Auslandsaufenthalt versucht, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren, die für ihn inzwischen ebenso fremd ist, wie es Europa vor seiner Ankunft hier war.

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Philosophin
04.08.2010 12:54
Er schaut ziemlich selbstverloren und pfeift im Wald!

Lorelei Sonnenschein
02.08.2010 16:24
...so ist es....

...zuerst wurde uns mittels Lügen/Propaganda die EU eingeredet...wegen der vielen neuen tollen Freiheiteiten und dem Schaffen von neuen Arbeitsplätzen...mhm!

Fakt ist, wir sind der "Sklaverei" näher denn je, jede Menge Kleinbetriebe wurden systematisch ausgerottet und Arbeitsplätze im großen Stil vernichtet, während die Staatsbetriebe mehr schlecht als recht verschachert wurden, während lustig jede Menge Gelder in diversen Politiker-Taschen (+ die von Familie und Freunde) verschwunden sind...

Mehr ruinieren und dabei lügen ("BÖSE AUSLÄNDER") geht tatsächlich nicht mehr!!

GiordanoB
01.08.2010 21:26

Die brasilianische Bürokratie ist ja im Vergleich dazu sicher berühmt für ihre Effizienz.
Und Wirtschaftswissenschaftler/Geographen sind jetzt aber auch nicht wirklich übermäßig gesuchte Fachkräfte ...

"...stelle mir immer wieder die gleiche Frage: Wie kann eine Welle von Ausländern einen Arbeitsmarkt ruinieren, der bereits kaputt ist?"

Ja eh, wie sollte das gehen.
Und sowas hat studiert.

torch
 
31.07.2010 20:12
"Wir gewinnen, Europa verliert"

.
ja, fein, dann wartet ja nach der Heimkehr das Paradies und in Brasilien gibt es auch für Geographen viel zu tun.

Ein Studium, das hier für ein wenig Mitarbeit beim Aufbau von GIS nützlich ist und sonst weitgehend brotlos ist, oder Lehramt, ...

Der Ätzer
31.07.2010 13:36
Der ist mir bis Heute noch nicht abgegangen!

Es ist auch richtig in der Heimat für bessere Verhältnisse zu sorgen.

Wir kommen ohne Zuwanderung über Politspassetteln gut zurecht.

Lorelei Sonnenschein
02.08.2010 16:31
...wenn Sie über 65 sind...verstehe ich Ihre...

...Einstellung, wenn Sie aber noch eine Zeit lang arbeiten und auch Pension wollen, nicht...!

Sponge Bob
30.07.2010 18:37
sich mit Geografie zu beschäftigen ist doch wirklich ein nettes Hobby!

docw
30.07.2010 16:59

ein präpotentes,sich selbst überschätzendes ar...loch.
glaubt der denn wirklich,dass er der einzige ist,den europa braucht? in seinem alter hatte ich bereits mein 13-jähriges promotionsjubiläum.

Lorelei Sonnenschein
02.08.2010 16:26
...Ausbildung/Titel....sagen leider gar nix...

...darüber aus, wie wertvoll ein Mensch für die Gesellschaft/Wirtschaft ist!

docw
02.08.2010 21:34

aber es ist eine tatsache,dass leute mit einer akademischen ausbildung statistisch gesehen mehr zur steuerleistung beitragen als hilfsarbeiter auf einer hendlfarm. vom charakter der menschen habe ich nichts geschrieben,da mir klar ist,dass viele akademiker charakterlich mieser sind als viele hilfsarbeiter.

Zweimal denken, einmal sprechen
30.07.2010 20:43

Jus?

docw
31.07.2010 00:03

nein, med.

Zweimal denken, einmal sprechen
31.07.2010 10:16

Also die zweite Möglichkeit (heutzutage einzige), in kürzester Zeit einen billigen Doktortitel zu bekommen.

torch
 
31.07.2010 20:07

manche schafften sogar den DDr., wenn sie Zahnärzte wurden ...

docw
31.07.2010 11:38

sie sprechen sicherlich aus erfahrung. gratuliere zu ihrem wissen.

a. dept.
30.07.2010 14:03
Das Interview spricht für sich

ein Sozialschmarotzer sondergleichen, wenngleich auch einer mit Intelligenz. Und frech auch noch: "wenn der Arbeitsmarkt eh schon kaputt ist"

Offensichtlich gibts so wenige Dotores in BRA, das jeder gleich ein hohes politisches Amt bekleidet "habe Einfluss auf Themen, die die Gesellschaft bewegen"

Adios Dotore, hasta roboti!

Chrise in Wien
30.07.2010 13:51
Das internationale Stipendium...

...kurz: Dr. Alban :D

U-Bann
30.07.2010 13:42

Pickel und Schaufel für den Typen.

Chocoholic
30.07.2010 13:09
Die nehmen doch nicht irgendwelche selbststaendig Denkende in ihre Pfruende auf!

Das verliert der Oesterreichische Wissenschaftliche Verein ja ihre Macht!

roter mob
30.07.2010 12:43
rot-weiss-rot card

allein dieser dümmliche begriff zeigt wieder einmal die inkompetenz unserer politiker.

der mann aus brasilien bringt es genau auf den punkt. man sollte sich einmal darauf verlegen hochqualifizierte arbeitskräfte, die man in europa produziert auch für den europäischen markt zu produzieren. dazu muss man den unis genug geld in die hand geben und dann österreich als land zum leben und arbeiten attratktiv machen.

bei uns tun sie noch immer so, als würde man mit einer arbeitsgenehmigung jemandem, der sichs aussuchen kann einen gefallen tun!

ich finde echt keine worte dafür, wie mich die regierung faymann durch ihre inkompetenz abstösst!

Schwalbe
30.07.2010 12:32

sehr schönes horizont-erweiterndes interview, danke!
es freut mich, dass fonseca in wien offene menschen getroffen hat.

"umwerfende" posts, die mich mal wieder daran erinnerten, wie wenig verständnis es hierzulande für ein gewisses selbstvertändnis sich selbst und seinem beruf gegenüber gibt. die ideen von ständegesellschaft und heimwehr lassen irgendwie noch immer grüssen ...

Lorelei Sonnenschein
02.08.2010 16:36
...ich wäre ja für die Einführung einer Pflicht...jeder....

...österreichischen Staatsbürger ohne Migranten-background, MUSS ein Jahr im Ausland verbringen, nach Schulabschluss (da ist noch nicht alles verhaut)...das wäre gut gegen unsere Dekandenz, Fremdenhass u. Ausgrenzung und gut für den Horizont! Weil...who feels it knows it!

mars_attacks
30.07.2010 14:27
hab' gerade runtergescrollt

ja, definitiv unglaublich, die postings.

mit der offenheit (vielleicht auch freundlichkeit) der wiener verhält es sich so wie mit dem ja-sagen in japan. ein ja kann alles bedeuten. ein offener wiener deportiert dich eine halbe stunde später persönlich über die grenze, wenn's ihn gerade freut.

Schwalbe
30.07.2010 17:18

nicht wenn's ihn freut, aber wenn's ihm aufgetragen wird schon ..

es gibt aber auch zugereiste, eingebürgerte, vorübergehende, hängengebliebene und noch andere echte wienerInnen und natürlich ausnahmen, die die regel usw.

invodaseibua
30.07.2010 12:01

ich denke auf diesen bummelstudenten können wir verzichten.

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