Der Wissenschafter Fabio Fonseca Figueiredo lebt nach mehreren Jahre in Europa nun wieder in Brasilien - als Spitzenkraft fühlt er sich in der EU nicht willkommen
Fabio Fonseca Figueiredo hat vor ein paar Wochen seine Doktorarbeit in Geografie in Barcelona abgeschlossen. Beinahe fünf Jahre hat er in Europa gelebt und hier sein Leben komplett umgekrempelt. Neue Freunde sind dazugekommen, er hat professionelle Kontakte geknüpft und auch seine persönlichen Interessen haben sich verändert. Jetzt ist er wieder in Brasilien und versucht erneut, sich auf die Situation einzustellen.
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derStandard.at: Warum sind Sie nach Europa gekommen?
Fonseca: Ich kam nach Spanien im Rahmen eines internationalen Stipendiums für Doktoranden (Alban). Ich hatte zwar schon davor ein Doktorstipendium in Brasilien. Trotzdem wollte ich nach Europa, das Auslandsstipendium hat mir neue Möglichkeiten eröffnet. Ich konnte Europa kennen lernen, mit den Menschen in Kontakt treten und die gesamte Vielfalt Europas erleben. Das ist etwas, das man in Brasilien kaum findet, weil die Menschen hier immer noch sehr zurückhaltend sind, was den Kontakt mit dem "Fremden" betrifft.
derStandard.at: Was waren Ihre Erfahrungen mit Europa?
Fonseca: Ich war Student an der Universität von Barcelona und als solcher ein Elite-Student in Brasilien - ich hatte ja ein internationales Stipendium. In Brasilien hat ein Doktorand direkt oder indirekt Einfluss auf kulturelle, soziale und wirtschaftliche Themen des Landes. Ich persönlich hatte damals eine Wohnung, ein Auto und Geld auf dem Sparbuch. In Spanien hatte ich weniger Geld und musste mein Leben von Grund auf ändern, etwa erstmals in eine WG ziehen. Die bürokratischen Hürden waren ärgerlich und entwürdigend. Stundenlang bei Regen und Kälte in einer Schlange zu stehen, um alljährlich das Visum zu verlängern reduzieren einen Menschen darauf, Ausländer zu sein. Andererseits bin in allen europäischen Ländern auf sehr interessante und offene Menschen getroffen. Tatsächlich gelebt habe ich in Barcelona, Porto und Wien. Vor allem Wien hat mich überrascht. Die Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, spiegelten nichts von dem Rassismus wieder, der die politische Diskussion bestimmt.
derStandard.at: Hat es sich für Sie gelohnt, nach Europa zu kommen?
Fonseca: Für mich schon. Ich bin persönlich und professionell gewachsen. Ich denke, dass auch die Menschen, mit denen ich direkt zu tun hatte, ihren Nutzen daraus zogen und ziehen. Heute habe ich einige sehr gute Freunde in ganz Europa und meine derzeitige Freundin ist ebenfalls Europäerin. Stipendien wie meines, sind für die Studenten ein absoluter Gewinn, aber der EU bringen sie wenig, weil wir nach Auslaufen des Stipendiums nicht in Europa bleiben dürfen. Die EU investiert, bekommt aber nichts zurück.
derStandard.at: Was müssten Sie also tun, um ein Europa zu arbeiten? Wie viel Geld und Zeit müssten Sie investieren, um hier einen Job zu finden?
Fonseca: Die Länder der EU verfolgen nach wie vor eine Politik der Zurückweisung gegenüber Ausländern. Und dabei spreche ich nicht nur von Ausländern aus Drittstaaten sondern von Ausländern im Allgemeinen. In meinem Fall ist es so, dass es quasi unmöglich ist, einen Job in Europa zu finden. Mein Bildungsniveau liegt über dem europäischen Durchschnitt - ich bin Wissenschaftler und verfüge über langjährige akademische Erfahrung - und ich habe mein Doktorat an einer anerkannten Universität in Barcelona gemacht. Für mich stellt sich die Frage nach Zeitaufwand oder Kosten kaum, da Pläne in diese Richtung schon vorher in einer bürokratischen Sackgasse enden.
Eigentlich sollte die Tatsache, dass ich mein Doktorat an der Universität von Barcelona gemacht habe, die bürokratischen Wege vereinfachen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Vor ein paar Jahren bekam ein Freund von mir aus Kolumbien, der in Spanien Arbeit gesucht hat, eine Absage, weil er nicht in Spanien studiert hat. Detail am Rande: auch er hat seinen Doktor in Barcelona gemacht. Da frage ich mich, warum sein Studium zwar für ein Doktorat in Spanien anerkannt wird, er damit aber in Spanien nicht arbeiten darf. Dafür hätte er das gesamte Studium wiederholen müssen.
derStandard.at: Was müssten Ihnen Österreich - oder ein anderes EU-Land - dann anbieten, um Sie für den Arbeitsmarkt zu gewinnen?
Fonseca: Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Zwei Brasilianer, Bekannte von mir, haben in Kanada an einem Regierungsprogramm teilgenommen, dessen Ziel es ist, ausländische Fachkräfte mit hohem Bildungsniveau ins Land zu holen. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass sie viele Titel haben müssen, es geht dabei um nachweislich hohe professionelle Qualitäten. Kanada bieten diesen Leuten Sprachkurse für Französisch und Englisch an. Aber abhängig vom Berufsfeld ist es nicht zwingend notwendig, überhaupt eine dieser Sprache zu lernen.
Der Immigrant erhält sämtliche Dokumente und kann sofort mit der Arbeitssuche beginnen. Außerdem werden die Unternehmen motiviert, ausländische Arbeitnehmer einzustellen. Besonders geschätzt werden junge, gut ausgebildete Menschen, die in der Lage sind, sich in die lokale Gesellschaft zu integrieren. Weiter kümmert sich die kanadische Regierung um die Ausbildung der Kinder und bietet auch psychologische Unterstützung an. Mit dieser Politik hat man es geschafft, dass die Kanadier heute etwas weniger Fremdenfeindlich und etwas weltoffener geworden sind.
derStandard.at: Und was bieten Sie im Gegenzug der EU?
Fonseca: Ich bin Wirtschaftswissenschaftler und Doktor der Geografie. Dazu verfüge ich über langjährige Lehrerfahrung und bin Mitglied bei Forschungsgruppen, wobei mein Spezialgebiet im Bereich Umwelt liegt. Darüber hinaus habe ich in zahlreichen Medien in Brasilien, Portugal und Spanien publiziert und spreche drei Sprachen.
derStandard.at: In Österreich taucht immer wieder die Frage auf, ob durch Zuwanderung nicht eine "Welle von Ausländern" auf dem Arbeitsmarkt den InländerInnen Konkurrenz machen würde. Verstehen Sie diese Befürchtung?
Fonseca: Ich kennen diese Diskussion auch aus Spanien oder Portugal und stelle mir immer wieder die gleiche Frage: Wie kann eine "Welle von Ausländern" einen Arbeitsmarkt ruinieren, der bereits kaputt ist? Die offiziellen Daten zeigen, dass dreizehn Prozent der österreichischen Bevölkerung bereits an oder unter der Armutsgrenze leben.
Ich würde natürlich gerne in Europa und vor allem in Österreich arbeiten und leben. Aber ich weiß nicht, ob es sich für mich lohnt, für ein- oder zweitausend Euro im Ausland zu arbeiten, wenn ich in Brasilien mit meiner Ausbildung ein sehr angenehmes Leben führen kann. Davon abgesehen bin ich nicht ganz sicher, ob Österreich der beste Platz für Akademiker ist. Ich zweifle nicht an den Verdiensten der österreichischen Universitäten - aber ich beobachte, dass die Gelder für die Universitäten immer weiter reduziert werden.
Soviel ich weiß, gibt es in Österreich keine speziellen Angebote für junge Doktoranten. In vielen lateinamerikanischen Ländern gibt es diese Programme. Das Stellenangebot für Professoren und Forscher wird reduziert, während sich das Verhältnis Studenten pro Professor pro Studienplatz immer weiter zuspitzt. In Brasilien hat die Regierung bereits 2007 einen Plan erstellt, der bis 2015 die Schaffung von 8.000 neue Stellen für Universitätsprofessoren an den staatlichen Unis vorsieht.
derStandard.at: Und wie sehen jetzt ihre Zukunftspläne aus?
Fonseca: Ich bin momentan in Natal, im Nordosten von Brasilien. Abgesehen davon, dass ich einen brasilianischen Pass besitze, fühle ich mich hier jedoch völlig fremd. Nach so langer Zeit im Ausland, sind die persönlichen und professionellen Kontakte spärlich geworden oder ganz abgebrochen. Es kam in Europa auch zu einer Vermischung meiner Kultur mit der Kultur der alten Welt, so dass ich jetzt viele Dinge vermisse, die es in Brasilien nicht gibt.
Zur Zeit arbeite ich an einer Bewerbung für ein Forschungsstipendium für junge Doktoranten an der staatlichen Universität. Darüber hinaus bewerbe ich mich auch an verschiedenen Unis in ganz Brasilien und natürlich auch in Europa um eine Stelle als Professor oder in der wissenschaftlichen Forschung im Bereich Umwelt, Abfallentsorgung und den Zusammenhängen von Wirtschaft und Umwelt. Sollte jemand Bedarf für einen brasilianischen Doktoranten mit diesem Profil haben - ich bin bereit, nach Österreich zu kommen. (ham/derStandard.at/29.07.2010)
FABIO FONSECA FIGUEIREDO, Jahrgang 1973, hat in Barcelona sein
Doktorat in Humangeografie zum Thema Abfallentsorgung und "Müllmenschen"
im Juni 2010 abgeschlossen. Gleich nach seiner Promotion ist er nach
Brasilien zurück gekehrt, wo er nun, nach fast fünf Jahren
Auslandsaufenthalt versucht, sich wieder in die Gesellschaft zu
integrieren, die für ihn inzwischen ebenso fremd ist, wie es Europa vor
seiner Ankunft hier war.
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