Ende letzten Jahres starb der australische Musiker Rowland S. Howard - Mick Harvey über dessen letztes Album "Pop Crimes".
Karl Fluch sprach mit Mick Harvey, Freund und Mitstreiter von Rowland S. Howard.
Rowland S. Howard war eine Schattenfigur. Zwar prägte der Mann mit der Vogelnestfrisur und der großen Nase mit seinem gleißenden Gitarrenspiel den Sound der australischen Blues-Punk-Formation The Birthday Party, doch nachdem deren Sänger Nick Cave eine Solokarriere einschlug, in der kein Platz für ihn war, musste er sich neu orientieren. Zuerst stellte er sich und seine Schneidbrennergitarre in den Dienst von Crime and the City Solution, später gründete er seine eigene Band These Immortal Souls. Nebenbei kollaborierte er mit Musikern wie Nikki Sudden, Jeffrey Lee Pierce, Henry Rollins oder Fad Gadget.
Unter eigenem Namen veröffentlichte er 1999 das Album Teenage Snuff Film, Ende des Vorjahres das finale Pop Crimes. Darauf zu hören: drückender Blues, filetiert von Howards Gitarre, durchwoben von Wärme, Wehmut und Verlorenheit. Seit Ende Mai hat diese bis dahin nur als Import erhältliche Platte mit Pias Records einen Europavertrieb. Rowland S. Howards vielbeschäftigter Langzeitwegbegleiter Mick Harvey fand nun die Zeit, einige Fragen zu Howard und dem Album zu beantworten.
Standard: Sie waren mit Rowland S. Howard seit den 1970ern gemeinsam in Bands wie Boys Next Door, The Birthday Party und Crime and the City Solution. Warum hat er in den letzten zehn Jahren nichts veröffentlicht?
Harvey: Der Hauptgrund dafür, dass er nach Teenage Snuff Film zehn Jahre bis zu Pop Crimes gebraucht hatte, war seine angeschlagene Gesundheit. Er litt schon jahrelang an Hepatitis C, bevor er mit einer Interferontherapie behandelt wurde, die einen wirklich niederwirft. Nach langen Monaten Therapie begann er wieder Songs zu schreiben. Es war bekannt, dass er nicht der ergiebigste Songwriter war, also dauerte es etwas, bis er genügend Stücke zusammenhatte.
Standard: Wie kam es dazu, dass Sie auf Pop Crimes mitwirkten?
Harvey: Er hat mich einfach gefragt, ob ich wieder dabei sein möchte. Teenage Snuff Film war als Zusammenarbeit für uns ein schöner Erfolg. Die meisten neuen Stücke haben wir gemeinsam erarbeitet, ich am Schlagzeug, Rowland an der Gitarre - und später JP Shilo am Bass.
Standard: Manche Lieder klingen wie Abschiedsstücke. Wusste er, dass dieses Album sein letztes sein könnte?
Harvey: Das lag auf der Hand. Er wusste, dass - wenn er keine Lebertransplantation bekommen würde -, es nicht mehr lange weitergehen würde. Da gibt es klare Referenzen bezüglich eines bevorstehenden Abgangs in manchen Songs.
Standard: Angesichts dessen: Was versuchte er mit Pop Crimes zu erreichen?
Harvey: Das ist eine schwierige Frage für einen musikalischen Mitstreiter. Ich weiß nur, was ihm immer vorschwebte, nämlich etwas abseits des Gängigen. Er hat versucht, Grenzen klanglich zu sprengen, wollte eine dringliche, konfrontative Musik schaffen, Menschen bewegen und sie inspirieren. Dabei streifte er einige der großen metaphysischen Fragen. Seine Musik bekämpfte immer Lethargie und die Unfähigkeit anderer, mit ihrer Kunst Risiken einzugehen. Ironischerweise war er als Privatperson selbst ziemlich lethargisch. Aber nicht, wenn es um seine Musik ging.
Standard: Erzählen Sie doch eine Anekdote, die eine Idee davon gibt, wie die Arbeit mit Rowland war.
Harvey: Hm, schwierig. - Ein Freund sagte beim Begräbnis in seiner Rede, dass Howard einer der lustigsten Menschen gewesen sei, die er je getroffen habe - aber dass er nie erlebt hat, dass Rowland je einen Witz erzählt hätte.
An einem typischen Studiotag warteten wir zwei, drei Stunden, bis er auftauchte. Meistens musste ihn jemand von seiner Wohnung abholen. Ich habe das deshalb meist schon am Vorabend organisiert. Oft hatte er auch Arzttermine oder einfach kein Geld. Wenn er dann da war, erzählte er urkomische Geschichten über andere Leute, ausgeschmückt bis weit über die Grenzen des Glaubwürdigen - aber immer unterhaltsam. Er empörte sich über Dinge, die andere Leute erzählt oder gesagt hatten, genoss es aber, sich darüber auszulassen.
Wenn wir dann endlich bei der Musik angelangt waren, startete er mit voller Intensität. Also, gelangweilt rumsitzen und warten, gefolgt von irrwitzigen Geschichten und danach intensive künstlerische Aktion - so könnte man die Zusammenarbeit mit Rowland wohl am besten beschreiben.
Standard: Wie dachte er über seine Karriere? War er enttäuscht? Zuletzt wollten ja auch die Yeah Yeah Yeahs mit ihm kollaborieren.
Harvey: Manchen Dingen gegenüber empfand er große Enttäuschung. Er dachte, es stünde ihm mehr Erfolg und Aufmerksamkeit zu, als er bekam. Traurigerweise mag das Ausbleiben größerer Anerkennung sein eigenes Versagen gewesen sein. Rowland war keine besonders organisierte oder energische Person. Deshalb ließ er viele Möglichkeiten einfach an sich vorüberziehen.
Er war auch verärgert, dass Nick und ich nach dem Ende der Birthday Party weiter zusammen Musik gemacht haben. Ich glaube, er hat sich von uns mutwillig zurückgelassen gefühlt. Das entspricht allerdings nicht dem, wie ich es damals empfunden habe. Als Nick sein erstes Soloalbum aufnahm, war ich sehr überrascht, als er mich anrief. Und eines war offensichtlich: dass ein dominierender, alles niedermähender Gitarrist nicht zu dem Material passen würde, das Nick geschrieben hatte.
Später schien er zudem einige der entscheidenden Momente verpasst zu haben, um mit These Immortal Souls größeren Erfolg haben zu können. Danach ließ er sich zu sehr gehen. Er endete wieder zu Hause in Australien und verschwand in einer Form von Obskurität, die ihm sicher nicht gerecht wurde.
Pop Crimes markierte da einen Wendepunkt, und es war eine weitere Enttäuschung, als sich abzeichnete, dass er von dem neuerwachten Interesse an seiner Arbeit nicht weiter profitieren würde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.7.2010)