Reportage

Längste Unterwasser-Röhre wird gebaut

28. Juli 2010, 19:50
  • Artikelbild
    foto: epa

    Tag und Nacht verlegt die Mannschaft der "Castoro Sei" Rohre auf dem Grund des Meeres

Zurzeit entsteht die Gas-Pipeline unter der Ostsee - Mit dem russisch-deutschen Mammutprojekt startet das Rennen um die Energieversorgung Europas

Bitte Ruhe", verlangt ein Schild auf dem Kajütendeck: "Auf diesem Schiff ist immer jemand am Schlafen." Auf der "Castoro Sei" ist aber auch immer jemand an der Arbeit. Sieben Tage in der Woche, rund um die Uhr. Die beiden Schichten dauern von elf Uhr morgens bis 23 Uhr, von 23 Uhr bis elf Uhr morgens.

Zwei Hebekräne hieven ohne Unterlass Zwölf-Meter-Rohre von einem kleinen Transportschiff auf die Castoro. Auch nachts. "Der ständige Nachschub hält uns auf Trab", meint Davide Regazzoni vom italienischen Unternehmen Saipem, das seit April die Gaspipeline Nord Stream durch die Ostsee legt.

Arbeiter, deren Gesichter durch Helm, Sonnenbrille und Gesichtstücher völlig vermummt sind, verschweißen die betonumfassten Stahlrohre und hängen sie an den bestehenden Strang. Andere kontrollieren die Nähte mit Ultraschall, bringen eine Metallmanschette an und füllen den Zwischenraum mit Hartschaum. Dann versinken wieder 24 Meter neue Pipeline in den Wellen.

Dank des pausenlosen Einsatzes dürfte die Gaspipeline Ende 2011 fertig sein, schätzt Projektleiter Samuel Walker. Vom russischen Wyborg aus werde Nord Stream durch die Ostsee jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Gas ins deutsche Greifswald pumpen. Von dort aus würden 24 Millionen Haushalte in mehreren europäischen Ländern mit sibirischem Gas versorgt.

Sieben Milliarden Euro

7,4 Milliarden Euro kostet der Bau. Beteiligt sind die russische Gasprom (51 Prozent), die deutschen Unternehmen Eon und BASF-Wintershall (je 20 Prozent) sowie die holländische Gasunie (neun Prozent). Mit einer Länge von 1224 Kilometern wird die Gaspipeline, welche die unkalkulierbare Ukraine und den Landweg über Polen umgeht, nach ihrer Vollendung das längste je gebaute Unterwasserrohr. Sie bewegt sich 2,4 Kilometer am Tag vorwärts.

Ein größeres Problem ist der Meeresboden. Unebenheiten werden mit Kiesaufschüttungen ausgeglichen, damit die Röhre keinen Knick riskiert. Ein Tauchroboter überwacht die Pipeline mit Kameras und Sensoren, nachdem sie Boden berührt hat.

Auch Umweltschützer verfolgen die Bauarbeiten genau. In Greifswald zog der WWF eine Gerichtsklage im Frühling erst zurück, als Nord Stream versprochen hatte, mit einem zusätzlichen Millionenaufwand die Fischlaichzeiten zu respektieren und den küstennahen Bodengrund besser zu schützen.

Und der Langzeitschutz? Was, wenn die Rohrleitung einmal lecken sollte? Nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist die Frage aktueller denn je. Doch auf der "Castoro" spricht man nicht gerne darüber, das heißt man hält einen solchen Unfall für undenkbar. "Die ständige Überprüfung verhindert jedes Leck", meint NordStream-Kundenberater Gary Ross kategorisch. Der Gasdruck in der Röhre wird allerdings 220 Bar betragen - ist da ein Pipeline-GAU wirklich ausgeschlossen? "Gas ist nicht Öl, es steigt in Blasen an die Meeresoberfläche und verliert sich in der Luft", wendet Ross ein. "Und eine Pipeline kann schließlich jederzeit problemlos abgestellt werden." (Stefan Braendle, DER STANDARD Printausgabe, 29.7.2010)

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.