Der FPÖ-Chef will Arbeitsmigranten von Familie trennen - Die Arbeiterkammer fordert mehr Lehrstellen
Wien - Ein ganzes Heer in der Größe von einer Million Arbeitslosen stehe vor den Toren Österreichs bereit, um den heimischen Arbeitsmarkt zu überschwemmen, davon ist FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache überzeugt. Seine Partei plädiert dafür, die Übergangsfristen für den osteuropäischen Arbeitsmarkt zu verlängern.
"Ich muss der Notwendigkeit von Zuwanderung heftig widersprechen. Was da gefordert wird, ist ein gemeingefährlicher Super-GAU", entgegnete Strache dem aktuellen Wunsch nach geregelter Zuwanderung. In Österreich herrsche Rekordarbeitslosigkeit, ein erneuter Anstieg sei nach dem Sommer zu erwarten, und die Öffnung des Arbeitsmarktes im Mai würde lediglich zur weiteren Verdrängung der heimischen Arbeitskräfte führen.
Ginge es nach Strache, dürfe eine ausländische Arbeitskraft nur zeitlich begrenzt und ohne Familie nach Österreich kommen, ganz nach dem Vorbild der Greencard in den USA: "Wer zu uns kommt und keine Arbeit hat, kann nicht hier bleiben." Zuwanderer sollten außerdem erst einige Zeit ins Sozialsystem einzahlen, bevor sie Zugang zu Sonderleistungen erhalten. "In etwa acht bis zehn Jahren", wie der FPÖ-Chef dem Standard erklärt. Für 2011 haben die Freiheitlichen ein Volksbegehren unter dem Motto "Österreicher zuerst" angekündigt.
AK fordert mehr Lehrstellen
Der akute Fachkräftemangel am Arbeitsmarkt werde "suggeriert", kritisierte Arbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel den Wunsch nach mehr ausländischen Kräften. Denn: In Österreich würden immer weniger Lehrlinge ausgebildet. Trotz Förderung liegt der Rückgang von Lehrlingsstellen in der Industrie bei 20 Prozent im Vergleich zu 2008.
Statt in den Nachwuchs zu investieren, würde der Ruf nach billigen Fachkräften aus dem Ausland immer lauter, sagte der AK-Präsident am Mittwoch. Zudem sei auch der Anteil qualifizierter Arbeitssuchender "beträchtlich hoch", etwa 40 Prozent der derzeit gemeldeten Arbeitslosen würden über eine gute Ausbildung verfügen. Seiner Ansicht nach sollte daher nicht der vermeintliche Fachkräftemangel, sondern der Arbeitsplatzmangel bekämpft werden: Betriebe müssten zum einen wieder selbst mehr Lehrlinge ausbilden und zum anderen auf Facharbeiter zurückgreifen, die derzeit arbeitslos sind.
Auch Tumpel rechnet mit einem Ansturm aus den neuen EU-Staaten, wenn nächstes Jahr die Grenzen für alle Arbeitnehmer geöffnet werden. Er wünscht sich rechtzeitige Kontrollmechanismen, um die geltenden Lohn- und Arbeitsbedingungen vor Unterwanderung zu schützen. Eine Rot-Weiß-Rot-Card habe für ihn im Moment keine Priorität, allerdings wäre ein eigenes Staatssekretariat für Integration "das mindeste". Denn fest stehe, dass "Integration besser gelöst werden muss als bisher". (Julia Herrnböck, DER STANDARD Printausgabe, 29.7.2010)