Der kanadische Pop-Poet Leonard Cohen betörte in Salzburg sein Publikum mit Witz und Würde
Salzburg - Wir sind alle nur Transitreisende auf dieser Erde - wann die Aufenthaltsgenehmigung abläuft, weiß niemand. Das gilt auch für Leonard Cohen, der demnächst 76 wird und im Vorjahr während eines Auftritts kollabierte. Seitdem bestellt der Barde zu jedem Konzert einen Arzt und lässt sich die Adressen der örtlichen Nachtapotheken geben.
Nachdem vor fünf Jahren seine damalige Managerin und Lebensgefährtin seine Altersrücklage - fünf Millionen Dollar - veruntreut hatte, ist er wieder aus dem Dornröschenschlaf im zenbuddhistischen Kloster erwacht. Was den Fan freut, denn mit Cohen verhält es sich wie weiland mit Johnny Cash oder Lee Hazlewood: je älter, desto besser.
Seit 2008 befindet er sich mit neunköpfiger Begleitband und umfangreichem Best-of-Programm nun auf Tour. Am Dienstag machte der fahrende Sänger in der Salzburgarena Station, wo er seinen Arbeitsplatz wie üblich in schwarzem Anzug und mit Hut betrat. Das Eröffnungslied Dance Me To The End Of Love sang Cohen vor dem spanischen Bandurria-Gitarristen Javier Mas hockend, nebenbei becircte er - ganz Gentleman und Frauenflüsterer - seine Sirenen Sharon Robertson sowie Hattie und Charley Webb.
Für den Sound zeichnete Roscoe Beck verantwortlich, Blues-Riffs steuerte der zweite Gitarrist Bob Metzger bei, Neil Larsen Hammond-Orgel-Grooves, Dino Soldo das King-Curtis-Gedächtnis-Saxofon. Neben dem Schmelz-Pop-Appeal von Everybody Knows oder Bird On A Wire gab es sparsamer instrumentierte Lieder wie If It Be Your Will, bei Halleluja hielt das gesittete Auditorium Cohens Auftritt für ein Hochamt, die heilige Messe eines Asketen und Dandys in einer Person. Wenn die Halle in Salzburg nicht bestuhlt gewesen wäre, hätte er zum Soul von Boogie Street eigentlich tanzen müssen, aber erst nach Beginn der Zugaben strömte das Publikum Richtung Bühne.
Dass der Grandseigneur der Schwermut auch witzig sein kann, bewies er beim grandiosen Nachruf auf den Country-Outlaw Hank Williams, Tower Of Song, als er nach dem Applaus über sein Einfingersolo am Synthesizer feststellte: "Ihr in Salzburg wisst wenigstens ein gutes Musikstück zu schätzen." Lachen mit Lenny Cohen, eine neue Disziplin im Land der Bitterkeit.
Und lachen ist gesund, denn der Arzt musste auch nach gut dreistündigem Programm dem Troubadour nicht beistehen. Im Gegenteil: Wie ein kreuzfideles Springinkerl hüpfte dieser zwischen den Songs von der Bühne, vom kolportierten Rückenleiden keine Spur. Chapeau! (Gerhard Dorfi / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.7.2010)
Leonard Cohen live, 5. 9., Steinbruch Sankt Margarethen, 20.00