Träume, aus denen es kein Erwachen gibt

28. Juli 2010, 18:23
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    Schwindelerregender Spaziergang durch geteilte Träume: Joseph Gordon-Levitt liefert sich in "Inception"  mit seinem Widersacher einen Kampf unter physikalisch erschwerten Bedingungen.

Christopher Nolans Thriller "Inception" ist ein vor allem visuell beachtlicher Raubzug durch fremde Traumwelten, der die Möglichkeiten eines Blockbusters konsequent ausschöpft

Ein paar Widersprüche bleiben.

Wien - "Erinnern Sie sich, wie Sie hierher gekommen sind?" So lautet eine der Fangfragen in Christopher Nolans Inception, dem seit Avatar wohl am ungeduldigsten erwarteten (und mit entsprechender Geheimnistuerei begleiteten) Hollywood-Blockbuster. Wer sich nämlich nicht erinnert - und die wenigsten tun das in diesem Film -, der befindet sich mit großer Sicherheit in einem Traum. Es muss nicht sein eigener Traum sein, es kann ein fremddesignter Traum sein, dazu entworfen, dem Träumenden ein Geheimnis zu entlocken. Es kann überdies sein, dass man aus dem Traum nie richtig erwacht, von Traum zu Traum übertritt oder sich ganz im Limbo des Unbewussten verliert.

Inception ist wie eine solche Traum-im-Traum-Anordnung gebaut, ein Film ohne eindeutigen Beginn und mit äußerst ambivalentem Ende - eine Mise en abyme, die wie ein Computerspiel fortlaufend ihre Ebenen wechselt. Christopher Nolan, der britisch-amerikanische Tüftler unter den Hollywoodregisseuren, hat sich schon immer für solche narrativen Verwirrspiele begeistert (und demgegenüber psychologische Motivationen vernachlässigt).

Mit dem neuen Projekt, seinem seit dem Debüt Following ersten allein verfassten Drehbuch, wuchsen die Ambitionen besonders rasant in die Höhe. Das Resultat ist ein maßloser Film, der mitunter zu viel auf einmal will, aber gemessen an den kreativ engen Begrenzungen vergleichbarer US-Produktionen (über 200 Mio. Dollar Budget) über visuelle Sensationen verfügt, die Raum- und Zeitachsen auf schwindelerregende Weise durcheinanderwirbeln.

Die amphibische Qualität von Inception ist aber nicht nur produktionsbedingt - ein Blockbuster, der Autorenschaft beansprucht -, sondern tritt auch im Inneren als Spannung auf, wenn der Film zugleich Actionfilm, Spionagethriller und Drama eines traumatisierten Helden sein will, der mit den eigenen Phantomen einen Kampf austrägt. Vor allem letzterer Aspekt erinnert durch den gemeinsamen Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio an Martin Scorseses Shutter Island, dem die Verquickung persönlicher und kollektiver Traumata allerdings überzeugender gelang.

Fremde Idee im Kopf

In Inception wirkt das Unbewusste wie ein Virus, das die Träume mit unverarbeiteten Urszenen verunreinigt und gefährliche Projektionen hervorbringt. Da es aber die Aufgabe des Industrie-Spions Dom Cobb (DiCaprio) ist, Träume anderer zu durchforsten, wird ihm seine labile Verfassung immer mehr zum Hindernis. Zumal die zentrale Aufgabe noch dadurch erschwert wird, dass der Erbe eines Großindustriellen (Cilian Murphy) nicht beklaut, sondern mit einer fremden Idee im Kopf ausgestattet werden soll.

Klingt kompliziert, und ist es auch. Deswegen verfügt der Film über einen etwas trägen Beginn, in dem man dem zentralen Trupp - neben DiCaprio agieren Ken Watanabe, Ellen Page und Joseph Gordon-Levitt - dabei zusieht, wie sie nerdhaft ihr Handwerk darlegen, beziehungsweise Page als Traum-Architektur-Novizin erste Entwürfe anfertigt, die wie Trailer auf das Kommende verweisen. Ein Pariser Straßenzug klappt etwa wie ein Vexierbild auf und zu, wuchert fröhlich in Gedanken - den Hauch der Angeberei, der diesen Bildern zu eigen ist, liefert die Szene praktischerweise gleich mit.

Die auf den Menschen angewandte Traumfahrt gerät indes zum Höhepunkt des Films. Die unterschiedlichen Handlungsräume - eine Entführung samt Autoverfolgungsjagden, Faustkämpfe in Schwerelosigkeit auf Hotelfluren und Skiläufe vor einer Gebirgsfestung - werden in verschachtelten Parallelmontagen auf immer wieder verblüffende Weise verbunden. Hier löst Inception als Actionfilm sein Versprechen ein, Wahrnehmungsmuster sinnlich auszureizen. Dabei verfährt er erstaunlich sparsam mit computergenerierten Effekten und löst etliche Manöver auf bewährte analoge Weise auf.

Was allerdings bei all dem souverän exekutierten Traumsurfing in den Hintergrund rückt, ist der soziopolitische Widerhall des Films, ein gesellschaftliches Außen, mit dem er noch in Verbindung träte. Der melodramatische Teil der Erzählung ist auf individuelle psychische Dispositionen zurückgeschraubt, auf Archetypen, die in ihrer Funktionalität letztlich recht eindimensional bleiben. Der Traum im Traum im Traum bleibt ein verschlossener Bau, aus dem keine Idee in die Freiheit führt. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.7.2010)

 

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Yacumo Fuji
00
"Der melodramatische Teil der Erzählung ist auf individuelle ...

... psychische Dispositionen zurückgeschraubt, auf Archetypen, die in ihrer Funktionalität letztlich recht eindimensional bleiben."

da krieg ich doch gleich lust auf zweibelschaelen!

Timagoras
 
00
Sie haben mir

die worte aus der tastatur genommen ;o)

hänk muhdi
10
Viel zu lang, dafür fehlt am Ende ein Stück...

...da wird man wohl oder übel auf den Directors Cut warten müssen ;-)

Bin eher enttäuscht, denn ausser stylish sein kann der Film wenig. Mit der Steilvorlage Traumwelt hätte man weit kreativer umgehen können, die Eisenbahn war z.B. ein guter Ansatz, aber das wars dann auch schon. Der Rest visuelles Brustgetrommle. Leider!

Verstehe auch nicht wie der Film auf IMDB z.Z. die drittbeste Bewertung aller Filme haben kann.

Und noch was, kann mir jemand erklären warum im Hotel die Schwerkraft ausgeht, in der Schneewelt aber nicht? Hallooooo!?

Kevin Valachovic
00

Wieso soll am Ende ein Stück fehlen? Das nennt man Cliffhanger ;)

Aber um ~ 10-20 Minuten ist er wirklich zu lang.

ardilla
00

Ich hätte es eher offenes Ende genannt. Cliffhanger gibt's doch nur bei Serien, wenn eine Geschichte nicht mit dem Ende einer Staffel sondern erst in der nächsten abgeschlossen wird, oder?

Kevin Valachovic
00

"Offenes Ende" trifft es ziemlich gut.

Cliffhanger kommen wirklich vorallem in Serien vor, jedoch gibt es auch einige Kinofilme, die mit diesem Element arbeiten.
Da noch nicht gesagt werden kann, ob Inception II kommen wird ist eben offenes Ende treffender.

Wenn allerdings ein zweiter Teil kommt, wäre es ein Cliffhanger - meiner Meinung nach.

eyeinthesky
00
Gestern angeschaut... ohne verinfo und erwartung...

visuell stark. gutes gedankenkonstrukt. dennoch nimmt einen der film auf keine emotionelle reise, da dinge, die nur im traum passieren einem nicht wirklich berühren. es geht einem quasi am a...h vorbei, ob wer stirbt oder sonstwas passiert, weil die maximale konsequenz ein erwachen wäre. d.h. alles was im film passiert hat auf die realen figuren keinen einfluss, denn sogar das ende lässt offen, ob nicht sowieso der ganze film ein traum war... wer auf action und digitaltricks steht ist jedoch bestens bedient.

veni vidi posti mülli
21
31.7.2010, 01:35
ATEMBERAUBEND

Wahnsinns Film! Bis jetzt, der Film des Jahres! Den muss man gesehen haben.

Excelsior Mouscron
00
Atem geht, aber Kopfweh...

Hab ihn am Samstag in der Nachmittagsvorstellung gesehen, in Berlin im Sony-Center, und bin anschließend zu Fuß über den Potsdamer Platz und die Leipziger Straße runter - der Film ging einfach weiter... :-)
Hatte anschließend eine Stunde Kopfweh. Total übersteuerte Wahrnehmung. Aber trotzdem toll.

Gegenflieger
01
30.7.2010, 21:06
Dreamscape

Gab es schon in den 80ern.
Dreamscape mit Dennis Quaid.

M. C. Escher
28
29.7.2010, 18:37
das ewige Kreuz mit diesen Blockbustern: darf ein Standard-Redakteur so etwas gut finden?

Er darf! - muss aber gleichzeitig darauf achten, dass immer klar hervortritt, wie weit der Rezensent hier unter seinem gewohnten Niveau operiert. Anstrengend.

Noch anstrengender wird es, wenn nach den ersten euphorischen Kritiken die Mahner auf den Plan treten um dem unbedarften Publikum zu erklären, dass die Handlung 1.: dumm und 2.: unlogisch und die Charakterzeichnung oberflächlich (im Vergleich zu realistischeren Stoffen mit mehr Zeit für Narratives) ist.
ACH WIRKLICH!
Nun, ich bin zum Glück unbedarft genug, an diesem Film meinen Spaß zu haben - wie auch schon am haarsträubenden Independence Day ;-)

Hugh G. Rection
00
10.8.2010, 10:52
ach was...

... sie finden den Film ja nur super, weil er mit Referenzen auf Ihren Nick aufwartet, geben Sie's zu.

(°)(°)
04

Eigentlich wollten wir eh alle in das usbekische Remake von "Die liebenden des Polarkreises" in der Originalfassung mit uigurischen Untertiteln gehen, haben uns aber zufällig in den falschen Film verirrt...

Jo eh, aber...
00
31.7.2010, 13:32
Sehr schön zusammengefasst :)

Fleischsack, größtenteils aus Wasser
05
29.7.2010, 21:35

Schön gesagt! Diese Hochnäsigkeit gerade im Filmbereich nervt ganz einfach. Bitte, rezensiert halt koreanische Schwarzweiß-Filme aus den frühen 20er-Jahren und gebt die Blockbuster an Studenten, die 100 Euro pro Kritik kriegen. Die machen das sicher besser.

hollaro jojojo
01
29.7.2010, 17:18
auch nicht klüger

Vor lauter Begeisterung das die Phrasendreschmaschiene heute besonders frohlockendes Wortgetöse produziert, hat der Autor auf den Sinn einer Filmkritik vergessen:
Den LeserInnen einen Hinweis zu liefern ob der Film sehenswert ist oder nicht.

Clatto Verata Nicto
00
29.7.2010, 16:02
Best of...

Nicht nur ein Traum im Traum, sondern auch ein Film in Film. Incetion ist ein offensichtliches Plagiats-Potpourri aus Filmen wie eben Shutter Island, sowie Existence, James Bond, Indiana Jones, Blade Runner (sogar die Musik von Bladrunner ist zu hören) Dark City, The Empire Strikes Back, uvm. (ich freue mich über postings neuer Filme die erkannt wurden) Leider passen die zahlreichen Stile keineswegs zusammen und viele künstlerische Einflüsse wie zb M.C. Escher sind nur angerissen und nicht zuende gedacht. Der Streifen ist nicht rund. Erinnert mich ein bissche (sorry für den Vergleich) aber ein bisschen, ein ganz ein klizekleinesbisschen an Roland Emmerich (Bähh). Ich hab mir mehr erwartet. Trotzdem danke für "Dark Knight" Mr. Nolan.

Megacruiser
00
30.7.2010, 11:10

das stimmt schon. allerdings hätte ich den film darum nicht unbedingt ein ›plagiats-potpourri‹ genannt.
der film setzt eben möglichkeiten seiner selbst mit denen des traumes gleich. konstruktion und destruktion von raum und zeit. usw. insofern habe ich gerade die vielen zitate als eine vertiefung jenes subtextes (eine hommage an den film insbesondere an den actionfilm) verstanden.
wenn man den film unter diesem von ihnen so schön benannten aspekt ›film in film‹ betrachtet tritt jedenfalls einiges zutage.

lessismore
00
29.7.2010, 16:14

Der gekippte Raum schaut ein bissl nach Kubrick aus.

LSDBlue
00
29.7.2010, 16:54
Mann,

Dark City hab ich scho Ewigkeiten nimma gsehn, wird wieder mal Zeit dafür, danke für die (eingepflanzte) Erinnerung ;-)

Clatto Verata Nicto
00
29.7.2010, 16:46

wie wahr... auch der schwarze Raum mit dem Krankenbett... 2001... auweia...

LSDBlue
01
29.7.2010, 15:12
Oh Mann

auf den freu ich mich heute schon, Mens Night um 6 Euro + 1 Heineken + 1 Snickers, was willst mehr vom Leben ;-) DiCaprio muss nur noch 5 Jahre älter werden & den letzten Rest seines Babyface verlieren, dann kassiert er endlich die längst verdienten Oscars!

paramenes
00
29.7.2010, 14:10

dürfte ein recht durchdesignter streifen sein. das haben schon mehrere geschrieben, dass man die elaboriertheit hinter dem ganzen spürt.

Clatto Verata Nicto
00
29.7.2010, 17:00
the winner is..

den hätt er schon für Aviator verdient... sag ich jetzt mal...

Excelsior Mouscron
00
Und vor allem

für "Revolutionary Road", noch vor "The Departed"...

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