Kann in der Nordsee ein ähnliches Unglück passieren wie im Golf von Mexiko? Der STANDARD ging der Frage nach
Norwegen hat schon eines, Deutschland will eines, Großbritannien zaudert: ein Moratorium für Ölbohrungen in der Nordsee. Mitte Juli machte Günther Oettinger, EU-Kommissar für Energie, den Anfang und forderte einen vorübergehenden Bohrstopp in der Nordsee. Vergangene Woche folgte der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen (CDU). "Wir warten immer noch darauf, von den US-Behörden den Grund für das Unglück im Golf von Mexiko zu erfahren, erst dann wird sich zeigen, welche Auswirkungen das auf die Offshore-Aktivitäten Großbritanniens hat" , sagt dazu die Gesundheits- und Sicherheitsaufsichtsbehörde des Königreichs.
Die gesamte Nordsee ist aufgeteilt unter den Anrainerstaaten Norwegen, Großbritannien, Dänemark, Niederlande und Deutschland. Etwa 400 Ölförderanlagen stehen derzeit im Meer, die meisten im Sektor des Vereinigten Königreichs. Wirtschaftlich relevant ist das Öl vor allem für Norwegen und Großbritannien. Alle großen internationalen Firmen wie BP, Exxon oder Shell bohren und suchen in der Nordsee nach Öl. Die OMV ist bei Förderprojekten im englischen Sektor beteiligt, vor Norwegen hat sie selbst Lizenzen und sucht nach neuen Feldern.
Tauchen nur bis 200 Meter
Wie wahrscheinlich es ist, das in der Nordsee ein ähnliches Unglück passiert wie im Golf von Mexiko, darüber gehen die Meinungen auseinander: Jederzeit kann etwas passieren, meint Greenpeace. Vor allem die Bohrungen von BP vor den Shetlandinseln sind laut Umweltschützern riskant: Aus 400 Metern Wassertiefe holen dort Bohrschiffe Öl an die Oberfläche. Taucher, die eine lecke Quelle abdichten könnten, können aber nur bis zu 200 Metern Tiefe arbeiten.
2007 sei es in der Nordsee zu 515 kleineren Ölunfällen gekommen, dabei seien etwa 4000 Tonnen Öl ins Meer geronnen. Durch den normalen Betrieb der Plattformen seien zusätzlich knapp 10.000 Tonnen ins Wasser gelangt. Vor zwei Wochen erhob die norwegische Zeitung Dagbladet schwere Vorwürfe: Die Hälfte der Plattformen vor Norwegen seien veraltet, das von BP verwaltete Feld Valhall sei als "größter Schrottplatz der Nordsee" bekannt.
Fördertiefe meist 200 Meter
Doch während im Golf von Mexiko teils in über tausend Metern Tiefe gebohrt wird, ist die Nordsee vergleichsweise seicht: Die meisten Anlagen fördern aus einer Tiefe zwischen 200 und 300 Metern. Gleichzeitig hat zumindest Norwegen, der wichtigste Ölproduzent, sehr strenge Auflagen: "Die Sicherheits- und Umweltstandards in diesem Land zählen zu den höchsten der Welt" , sagt Sven Pusswald von der OMV. Um dort bohren zu dürfen, müssten Firmen ein sehr hohes Maß an Kompetenzen aufweisen, sowohl bei Bohrtechnologie als auch bei Health, Safety and Environment (HSE). Die Risikomanager der norwegischen Stiftung De Norske Veritas kommen daher in einer aktuellen Studie zu dem Schluss, dass ein Ölaustritt im Golf von Mexiko neunmal wahrscheinlicher sei als in der Nordsee.
Sollte doch etwas passieren, müssen Konzerne keine großen Schadenszahlungen fürchten: "Die Zahlungen für Umweltschäden sind derzeit mit 120 Millionen Euro gedeckelt" , sagt Ingo Peters vom Versicherungsmakler Aon. Das unterscheidet die Nordsee vom Golf von Mexiko: Die Deckelung von 75 Millionen US-Dollar gilt dort nur für Vermögensschäden, also für jene Schäden, die etwa Fischern oder Hoteliers entstehen.
In einigen Jahren könnte sich die Frage nach der Sicherheit des Nordseeöls von selbst erledigt haben: "Der Gipfel der Förderung war 2000 erreicht, die Produktion geht stark zurück" , sagt David Wech vom Consultingunternehmen JBC Energy. Fördert Großbritannien derzeit etwa 1,4 Millionen Barrel am Tag, werden es nach JBC-Schätzungen 2020 nur mehr 700.000 sein. Auch bei Gas zeigt sich der gleiche Trend, nur etwas zeitverzögert: Hier ist derzeit das Fördermaximum erreicht. (Tobias Müller, Gudrun Springer, DER STANDARD Printausgabe, 29.7.2010)