Delfin-Shows boomen in der Türkei, machen aber nur den Besuchern Spaß. Der Österreichische Tierschutzverein appelliert, die Shows zu meiden
Wer meint, mit einem Besuch in einem Delfinarium der Natur ganz nah zu sein, der irrt. Vor allem Türkeiurlauber werden mit Angeboten dieser Art überhäuft, mindestens ein Dutzend derartiger Anlagen existieren dort. Das meldet die GRD (Gesellschaft zur Rettung der Delphine e. V.). Abgesehen davon, dass die Haltung der Meeressäuger in Gefangenschaft an sich schon Tierquälerei ist, wie Susanne Hemetsberger, Geschäftsführerin des Österreichischen Tierschutzvereins feststellt, kommt in der Türkei noch die Problematik dazu, dass oft auch die Herkunft der Tiere nicht eindeutig feststellbar ist.
Der Österreichische Tierschutzverein appelliert daher an Touristen, vom Besuch dieser Shows abzusehen. Der Reiseveranstalter DerTour hat bereits auf die verheerenden Zustände reagiert und nimmt keine Delfinarien in sein Programm auf. Nachdem der Umweltexperte und Nachhaltigkeitsbeauftragte der Touristik REWE Group, Andreas Müseler, gemeinsam mit Experten der GRD eine Inspektion durchgeführt hat, verzichtet DerTour auf die zweifelhafte Attraktion. Ehe eine Delfin-Anlage ins Programm aufgenommen wird, will DerTour gemeinsam mit Fachleuten jeden Einzelfall genau prüfen und dann entscheiden.
Das Geschäft mit Delfinen boomt
Der Österreichische Tierschutzverein hingegen spricht sich komplett gegen den Besuch der fragwürdigen Shows aus. "Delfine können in Gefangenschaft kein artgerechtes Leben führen. Sie haben keine Möglichkeit ihre Instinkte und Bedürfnisse auszuleben", erläutert Hemetsberger die Argumente gegen den Besuch von Delfinarien. In der Türkei findet man oft Wildfänge aus dem schwarzen Meer und Japan in den Delfinarien und Aquarien.
Die Tiere haben in Gefangenschaft keine Rückzugsmöglichkeiten, leben in chemisch aufbereitetem Wasser, das für Augen und Haut der Delfine schädlich sein kann. Dazu kommen die Trennung vom Lebensraum sowie der Verlust des natürlichen Sozialgefüges, Langeweile, Geburtenkontrolle und Reizarmut. All das sorgt für Stress, hervorgerufen auch durch die Zwangsgesellschaft mit dem Menschen. Die Tiere haben in Gefangenschaft keine Möglichkeit, geradeaus zu schwimmen. Das Echolot, das eigentlich eines ihrer wichtigsten Orientierungshilfen darstellt, wird im künstlichen Lebensraum zur permanenten Qual. Für die intelligenten Tiere ist das ein trostloses Leben, das zu massiven Verhaltensveränderungen führt.
Jedes einzelne Tier leidet
Die Tiere, die für die Shows verwendet werden, sind hauptsächlich Große Tümmler. "Diese Delfine sind zwar nicht vom Aussterben bedroht, dennoch würden sie sich in freier Wildbahn natürlich vermehren, was in Gefangenschaft nicht möglich ist. Das Argument, dass diese Tiere nicht gefährdet sind und es 'genug davon gibt', kann schon aus einem einzigen Grund nicht tragbar sein, denn jedes einzelne Tier leidet in der Gefangenschaft", so Hemetsberger.
In Freiheit werden Delfine zwischen 30 und 35 Jahre alt, in Gefangenschaft unter Umständen sogar noch älter, weil die natürlichen Feinde fehlen. Allerdings sterben schon viele Tiere vorher beim Fang oder Transport, andere begehen regelrecht Selbstmord in Gefangenschaft, indem sie aus dem Becken springen oder einfach nicht mehr auftauchen und ersticken.
Immer mehr Menschen entdecken auch die Begegnung mit dem Delfin in freier Wildbahn. Was für Menschen lustig und aufregend ist, ist für die Tiere purer Stress. Meeresbiologen haben an der Küste von Sansibar, wo derartige Ausflüge angeboten werden, Verhaltensveränderungen der Delfine festgestellt. Unter anderem kümmern sie sich nicht mehr um den Nachwuchs, verbringen weniger Zeit mit der Futtersuche und kommen vor allem nicht dazu, sich auszuruhen. Die Folge sind erschöpfte, ruhelose und genervte Tiere.
Delfine sind nicht die besseren Hunde
Das stellt in Folge auch die Sinnhaftigkeit von Delfinen als schwimmende Therapeuten in Frage. "Obwohl die Delfin-Therapie seit 25 Jahren zum Einsatz kommt, konnte bisher kein Beleg erbracht werden, dass diese Therapieform effizienter ist, als mit domestizierten Tieren wie Pferden, Hunden oder Katzen", so Hemetsberger. Fälschlicherweise werde angenommen, den Tieren bereite das Schwimmen mit Menschen Vergnügen, was sich aus dem Umstand erklärt, dass dem Delfin von Natur aus ein "Lächeln" auf sein Gesicht gezeichnet ist.
Viel mehr bedeutet aber die Begegnung mit dem Menschen für die Tiere - vor allem in den beengten Bedingungen der Gefangenschaft - Stress und Krankheit. Und auch für Menschen birgt das Schwimmen mit Delfinen Gefahren. Letztendlich handelt es sich bei den Tieren um Räuber. Ein erwachsener Großer Tümmler kann seine bis zu 600 Kilogramm Gewicht mit etwa 60 km/h durchs Wasser bewegen, was für einen Räuber wie den Delfin überlebenswichtig, für den Menschen aber gefährlich werden kann. 2006 wurde beispielsweise im Sea-World Streichelzoo in Orlando ein 6-jähriges Kind von einem Delfin in den Arm gebissen. Das Tier ließ erst nach Schlägen auf den Mund von dem Kind ab. (ham/derStandard.at)