Mangelnde Fähigkeiten in den Grundkompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen beklagt
68 Prozent der Wiener Unternehmen haben ein Problem, sie finden keine geeigneten und qualifizierten Jugendliche für die Lehrlingsausbildung. Das geht aus einer aktuellen Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft hervor, welche im Auftrag der Wiener Wirtschaftskammer durchgeführt wurde.
Insgesamt 300 Betriebe wurden befragt, folgende Schwächen führten die Betriebe im Detail an: 54 Prozent zeigten sich mit den mathematischen Fähigkeiten nicht oder gar nicht zufrieden, 35 Prozent beklagten das mangelnde sprachliche Ausdrucksvermögen der Jugendlichen und 35 Prozent ihre Fähigkeit logisch zu denken. Für 33 Prozent der befragten Unternehmer verfügen die Bewerber über ein nichtzufriedenstellendes technisches Verständnis, 44 Prozent der Jugendlichen haben zu schlechte Schulnoten.
Laut der Wirtschaftskammer seien „die Ergebnisse der Umfrage umso alarmierender, als die Unternehmer genau auf jene Qualifikationen besonderen Wert legen". Für 99 Prozent der Unternehmen sind logisches Denken, für 95 Prozent die sprachliche Ausdrucksweise und für 84 Prozent mathematische Kenntnisse wichtige Gründe für eine Einstellung.
"Die Zeit ist praktisch um"
Doch nicht nur die mangelnden Kenntnisse werden zunehmend zum Problem für die Betriebe. Sowohl die geburtenschwachen Jahrgänge als auch die sinkende Bereitschaft eine Lehre zu machen, führten in den letzten Jahren in Wien dazu, dass der Bewerberpool abgenommen hat, so ein Sprecher der Wirtschaftskammer gegenüber derStandard.at. Nur mehr rund 30 Prozent der Jugendlichen wollen eine Lehre absolvieren, das schlechte Image des Lehrberufs führe dazu, dass die Lehre zunehmend als "Restausbildung" angesehen wird. Dadurch würden auch besser qualifzierte Jugendliche seltener einen Lehrberuf ergreifen.
Für die Lehrbetriebe bleibe nur noch ein geringer Spielraum, um auf Verbesserungen zu warten. "Die Zeit ist praktisch um", heißt es aus der Wirtschaftskammer. Und weiter: "Ein großer Teil des Fachkräftemangels ist auf das geringe Basiswissen zurückzuführen." Dieser werde sich auch in den nächsten Jahren auswirken und sei nicht von heute auf morgen zu beheben. Dabei seien weder die Lehrer Schuld, noch die Schüler zu dumm, sondern die Schulen seien nicht auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet, so die Wirtschaftskammer.
Den Unternehmen bleibt angesichts der mangelnden Qualifikation nichts anderes übrig entweder eigentlich vorhandene Lehrstellen nicht zu besetzen, oder die Stellen an Bewerber zu vergeben die vor 15 Jahren noch keine Chance gehabt hätten. Die Wirtschaftskammer fordert nun angesichts der Studienergebnisse eine Einführung von verpflichtenden Mindest-Bildungsstandards in Pflichtschulen sowie Berufsberatung in allen Schultypen.
Kritik an Fähigkeiten auch von Industriellenvereinigung
Auch die Industriellenvertretung kritisiert die mangelnden Fähigkeiten von Pflichtschulabgängern. Im Zusammenhang mit der Forderung nach mehr Lehrstellen von Gewerkschaftsseite kritisierte der stellvertretende Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Peter Koren, die "mangelhafte Vorbildung der Auszubildenden". "Aufgrund des technischen und strukturellen Wandels
in der Industrie werden in den Industrielehrberufen hohe
Anforderungen gestellt, die derzeit von Schulabsolventen vielfach
nicht erfüllt werden können", so Koren in einer Aussendung.
(seb, derStandard.at, 28.7.2010)