Polizeibericht belastet Veranstalter schwer - Eingangsschleusen hätten gesperrt werden sollen
Duisburg/Düsseldorf - Duisburgs Oberbürgermeister Adolf
Sauerland
kämpft weiterhin gegen die heftigen Vorwürfe: Der CDU-Politiker besteht
darauf, keine Genehmigung
für die Techno-Party in Duisburg unterschrieben zu haben, bei der 21 Menschen starben und mehr als 500 verletzt wurden. "Das ist gar nicht der
Job des Oberbürgermeisters, Genehmigungen zu unterschreiben", sagte
er in einem Interview.
Er klebe jedoch nicht an seinem Stuhl, sondern wolle helfen,
die Katastrophe aufzuklären: "Danach entscheide
ich über persönliche Konsequenzen."
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD)
sagte hingegen der "Rheinischen Post": "Der Duisburger
Oberbürgermeister und die Verantwortlichen in der Stadtspitze werden
sich letztendlich der politischen Verantwortung stellen müssen."
Einen Rücktritt lehnt Sauerland aber weiter ab.
Schleusen nicht gesperrt
Nach der Katastrophe erhebt die nordrhein-westfälische Polizei neue Vorwürfe gegen den Veranstalter. Innenminister Ralf Jäger (SPD) verwies auf
den Bericht des Duisburger Polizeipräsidiums, in dem es heißt, die
Organisatoren rund um den Fitnessunternehmer Rainer Schaller hätten
Absprachen nicht eingehalten.
Wie der nordrhein-westfälische
Polizeiinspekteur Dieter Wehe auf einer gemeinsamen Pressekonferenz
mit dem Minister berichtete, sei wegen des großen Besucheransturms vereinbart worden, die
Eingangsschleusen zu sperren. Dies sei jedoch nicht geschehen, so dass immer
weitere Menschen in den engen Tunnel und auf die Rampe zum
Festivalgelände drängten.
Diese Darstellung steht im krassen
Gegensatz zu Schallers Schilderungen. Der Veranstalter hatte erklärt,
die Einsatzleitung der Polizei habe die Anweisung gegeben, alle
Schleusen vor einem der Tunneleingänge am späteren Unglücksort zu
öffnen.
Laut Polizei hatte sich der Druck auf Tunnel und Rampe zusätzlich
verstärkt, als sich Menschen durch vorübergehende Lücken in
Absperrzäunen zwängten. Zugleich habe der Veranstalter anders als
angekündigt nicht dafür gesorgt, dass die Menschen, die bereits das
Festivalgelände erreicht hatten, weitergingen und damit den Zugang
für die folgenden Menschenmassen freimachten.
Ordner reichten nicht aus
Die Vorwürfe gehen noch weiter: Die Polizei habe über eine
Stunde vor dem Unglück gefordert, eine weitere Zugangsrampe zum
Festivalgelände zu öffnen, um die heranströmenden Menschenmassen
bewältigen zu können, sagt Wehe. Dafür habe es aber keine
ausreichende Zahl an Ordnern gegeben. So wie bereits am Morgen an den
Eingangsschleusen.
Auch in den Medien werden immer mehr Details bekannt, was sich vor
und während der Großveranstaltung abgespielt haben soll. So berichten
mehrere Zeitungen unter Berufung auf entsprechende Protokolle, dass
es rund vier Wochen vor der Loveparade während einer Sitzung der
Verantwortlichen zu einem Streit über das Sicherheitskonzept gekommen
sei. Der Sicherheitsdezernent der Stadt Duisburg, Wolfgang Rabe, habe
dabei Forderungen der städtischen Genehmigungsbehörde vom Tisch
gewischt, wonach der Veranstalter ein taugliches Konzept vorlegen
müsse.
Polizei und Feuerwehr sollen Medienberichten zufolge zudem zum
Teil bereits Monate vor der Loveparade Oberbürgermeister Adolf
Sauerland (CDU) schriftlich ihre Sicherheitsbedenken mitgeteilt
haben. Ihrer Ansicht nach soll das Festivalgelände um den alten
Güterbahnhof zu klein gewesen sein. Außerdem kritisierten sie
offenbar, dass nur ein Ein- und Ausgang vorgesehen war, der überdies
sehr eng war.
Sauerland will jedoch von den Warnungen nichts gewusst haben.
Rücktrittsforderungen aus Politik und Bevölkerung lehnt der
55-Jährige ab - zu einem hohen Preis: Er erhielt bereits
Morddrohungen und steht unter Polizeischutz. Seine Teilnahme an der
Trauerfeier am Samstag hat er abgesagt. Er wolle "die Gefühle der
Angehörigen nicht verletzen und mit seiner Anwesenheit nicht
provozieren", sagte ein Sprecher der Stadtverwaltung.
"Geltungssucht"
Einer der führenden deutschen Konzertveranstalter, Marek
Lieberberg, bringt auf den Punkt, was viele denken: "Befruchtet haben
sich die Geltungssucht der Lokalpolitik, die Profitsucht der
Veranstalter." Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass auch von außen
Druck auf die Stadt ausgeübt worden sein könnte, nach der Absage der
Loveparade im vergangenen Jahr und gerade auch im Jahr der
Kulturhauptstadt die Großveranstaltung durchzuziehen.
Welche Darstellungen, Vorwürfe und Mutmaßungen richtig sind,
werden die Ermittlungsbehörden in den kommenden Wochen und Monaten
untersuchen. Mit einer ersten falschen Darstellung wurde jedoch
bereits aufgeräumt. So sollen mindestens 20 der 21 jungen Menschen,
die durch die Katastrophe bei der Loveparade ihr Leben verloren, an
Brustquetschungen gestorben sein und nicht mehrheitlich - wie von den
Verantwortlichen zuvor angegeben - durch Stürze.
Diese Erkenntnis ist wesentlich mehr als ein Detail der
Katastrophe. Sie zeigt, dass die Menschen nicht leichtfertig Treppen
heraufklettern, die dafür nicht bestimmt waren. Vielmehr hat die
Obduktion bestätigt, dass es zumindest an der Unglücksstelle viel zu
eng für die vielen Menschen war, die einfach nur feiern wollten.
(APA/apn)