Tragödie bei Loveparade

Duisburgs Bürgermeister lehnt Rücktritt ab

29. Juli 2010 09:24
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    apn photo/hermann j. knippertz

    Trauer in Duisburg

  • Die Rede des Innenministers im Wortlaut

Polizeibericht belastet Veranstalter schwer - Eingangsschleusen hätten gesperrt werden sollen

Duisburg/Düsseldorf - Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland kämpft weiterhin gegen die heftigen Vorwürfe: Der CDU-Politiker besteht darauf, keine Genehmigung für die Techno-Party in Duisburg unterschrieben zu haben, bei der 21 Menschen starben und mehr als 500 verletzt wurden. "Das ist gar nicht der Job des Oberbürgermeisters, Genehmigungen zu unterschreiben", sagte er in einem Interview. Er klebe jedoch nicht an seinem Stuhl, sondern wolle helfen, die Katastrophe aufzuklären: "Danach entscheide ich über persönliche Konsequenzen."

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) sagte hingegen der "Rheinischen Post": "Der Duisburger Oberbürgermeister und die Verantwortlichen in der Stadtspitze werden sich letztendlich der politischen Verantwortung stellen müssen." Einen Rücktritt lehnt Sauerland aber weiter ab.

Schleusen nicht gesperrt

Nach der Katastrophe erhebt die nordrhein-westfälische Polizei neue Vorwürfe gegen den Veranstalter. Innenminister Ralf Jäger (SPD) verwies auf den Bericht des Duisburger Polizeipräsidiums, in dem es heißt, die Organisatoren rund um den Fitnessunternehmer Rainer Schaller hätten Absprachen nicht eingehalten.

Wie der nordrhein-westfälische Polizeiinspekteur Dieter Wehe auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Minister berichtete, sei wegen des großen Besucheransturms vereinbart worden, die Eingangsschleusen zu sperren. Dies sei jedoch nicht geschehen, so dass immer weitere Menschen in den engen Tunnel und auf die Rampe zum Festivalgelände drängten.

Diese Darstellung steht im krassen Gegensatz zu Schallers Schilderungen. Der Veranstalter hatte erklärt, die Einsatzleitung der Polizei habe die Anweisung gegeben, alle Schleusen vor einem der Tunneleingänge am späteren Unglücksort zu öffnen. Laut Polizei hatte sich der Druck auf Tunnel und Rampe zusätzlich verstärkt, als sich Menschen durch vorübergehende Lücken in Absperrzäunen zwängten. Zugleich habe der Veranstalter anders als angekündigt nicht dafür gesorgt, dass die Menschen, die bereits das Festivalgelände erreicht hatten, weitergingen und damit den Zugang für die folgenden Menschenmassen freimachten. 

Ordner reichten nicht aus

Die Vorwürfe gehen noch weiter: Die Polizei habe über eine Stunde vor dem Unglück gefordert, eine weitere Zugangsrampe zum Festivalgelände zu öffnen, um die heranströmenden Menschenmassen bewältigen zu können, sagt Wehe. Dafür habe es aber keine ausreichende Zahl an Ordnern gegeben. So wie bereits am Morgen an den Eingangsschleusen. Auch in den Medien werden immer mehr Details bekannt, was sich vor und während der Großveranstaltung abgespielt haben soll. So berichten mehrere Zeitungen unter Berufung auf entsprechende Protokolle, dass es rund vier Wochen vor der Loveparade während einer Sitzung der Verantwortlichen zu einem Streit über das Sicherheitskonzept gekommen sei. Der Sicherheitsdezernent der Stadt Duisburg, Wolfgang Rabe, habe dabei Forderungen der städtischen Genehmigungsbehörde vom Tisch gewischt, wonach der Veranstalter ein taugliches Konzept vorlegen müsse.

Polizei und Feuerwehr sollen Medienberichten zufolge zudem zum Teil bereits Monate vor der Loveparade Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) schriftlich ihre Sicherheitsbedenken mitgeteilt haben. Ihrer Ansicht nach soll das Festivalgelände um den alten Güterbahnhof zu klein gewesen sein. Außerdem kritisierten sie offenbar, dass nur ein Ein- und Ausgang vorgesehen war, der überdies sehr eng war. Sauerland will jedoch von den Warnungen nichts gewusst haben. Rücktrittsforderungen aus Politik und Bevölkerung lehnt der 55-Jährige ab - zu einem hohen Preis: Er erhielt bereits Morddrohungen und steht unter Polizeischutz. Seine Teilnahme an der Trauerfeier am Samstag hat er abgesagt. Er wolle "die Gefühle der Angehörigen nicht verletzen und mit seiner Anwesenheit nicht provozieren", sagte ein Sprecher der Stadtverwaltung. 

"Geltungssucht"

Einer der führenden deutschen Konzertveranstalter, Marek Lieberberg, bringt auf den Punkt, was viele denken: "Befruchtet haben sich die Geltungssucht der Lokalpolitik, die Profitsucht der Veranstalter." Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass auch von außen Druck auf die Stadt ausgeübt worden sein könnte, nach der Absage der Loveparade im vergangenen Jahr und gerade auch im Jahr der Kulturhauptstadt die Großveranstaltung durchzuziehen.

Welche Darstellungen, Vorwürfe und Mutmaßungen richtig sind, werden die Ermittlungsbehörden in den kommenden Wochen und Monaten untersuchen. Mit einer ersten falschen Darstellung wurde jedoch bereits aufgeräumt. So sollen mindestens 20 der 21 jungen Menschen, die durch die Katastrophe bei der Loveparade ihr Leben verloren, an Brustquetschungen gestorben sein und nicht mehrheitlich - wie von den Verantwortlichen zuvor angegeben - durch Stürze. Diese Erkenntnis ist wesentlich mehr als ein Detail der Katastrophe. Sie zeigt, dass die Menschen nicht leichtfertig Treppen heraufklettern, die dafür nicht bestimmt waren. Vielmehr hat die Obduktion bestätigt, dass es zumindest an der Unglücksstelle viel zu eng für die vielen Menschen war, die einfach nur feiern wollten.

(APA/apn)

Kommentar posten
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Marie Luxemburg
30.07.2010 14:57

Sauerland hat vermutlich österreichische Ahnen

Chocoholic
30.07.2010 13:02
Man sieht es einfach: lauter Jelly Typen - Faehnchen nach dem Wind und NULL Rueckgrad!

Keyser
30.07.2010 04:31

Würde er nicht einiges zu verlieren haben, träte er mit absoluter Sicherheit sofort zurück. Er wäre wohl auch der erste, der das sinkende Schiff schnellstens verlassen würde, um dem öffentlichen Druck zu entgehen der nun auf Ihn ausgeübt wird.

Sein Amt dürfte ihm egal sein, seine Bezüge die er verlöre, würde er selbst zurücktreten, hingegen kaum. Wenn er offiziell aus dem Amt enthoben würde, blieben ihm alle Rechte auf Pension etc.

Aufklärung dürfte somit auch das letzte sein, was ihn tatsächlich kümmert.

DirtyHarry
29.07.2010 18:40
fabian am
30.07.2010 08:27
Mit der Vollkaskogesellschaft hat er recht.

Die Medien und die Öffentlichkeit verstehen das Konzept eines Unglücks nicht mehr; Wenn etwas passiert, ist das kein Unglück sondern ein Skandal und irgendwer ist schuld, meist ein Politiker.

Ich kenne die Details nicht (und keiner von euch kennt sie, da man sie erst erarbeiten muss; die Medien bieten nur die Parole "Skandal" mit Informationshäppchen angereichert an), aber für mich besteht zumindest die Möglichkeit dass niemand schuld ist! Und genau das kann sich die Gesellschaft mit Vollkasko-Mentalität nicht mehr vorstellen.

DirtyHarry
08.08.2010 11:07

kann ihrem posting nur zustimmen

joow
30.07.2010 04:41
Das ist einfach dumm

unreflektiert, unterstellt Verhaltensweisen, die weder nachweisbar noch verifizierbar sind, pflegt Vorurteile und fasst oberflächliche Rückschlüsse.
Das Moralisieren ist widerlich (Party- und Public-Viewing-Spaß-Mentalität und Co.)

Die Opfer werden indirekt zu Schuldigen gemacht. Und das ist letztklassig.

Nick Not
29.07.2010 21:38

was ist den daran so richtig?

Samhain
29.07.2010 21:47

Was ist daran so falsch?

Nick Not
29.07.2010 22:43

Unbedingt als falsch würd ich es nicht bezeichnen, aber fragwürdig.

"Für alles, was passiert, sucht man Schuldige", "Nur die Besucher, die sind an nichts schuld.", "Daß wir uns ein gesellschaftliches Fehlverhalten antrainiert haben...", "Wir sind so in eine Party- und Public-Viewing-Spaß-Mentalität geraten...", "wären beispielsweise im Tunne alle in der rechten Hälfte geblieben..." "Haben wir völlig verlernt mit Gefahr umzugehen?"

Manche Aussagen mögen richtig sein, aber irgendwie ist es sehr Allgemein. Die These "die Menschen werden gefahrenblind" ist eigentlich ganz interessant, aber begründet wirds sehr, naja, konservativ.

DirtyHarry
08.08.2010 11:08

habe deshalb "oft richtig" geschrieben - und nicht "immer richtig"

joow
29.07.2010 17:27
Na klar.....

...wenn man angeblich seinen Pensionsanspruch erst im Oktober erreicht, dann ist durchhalten schon angesagt..........

abalada
29.07.2010 21:37

Er kann gar nicht zurücktreten. Das Landesbeamtengesetz sieht einen Rücktritt aus politischen Gründen nicht vor.
Erhalten blieben ihm die Pensionsansprüche auch nur, wenn er die Amtszeit (bis 2014) beendet oder abgewählt wird.
http://www.neuepresse.de/Nachricht... r-OB-teuer

Er könnte es aber auf eine Abwahl ankommen lassen. Dann würde er Nichts verlieren. Die Frage ist ob die CDU Fraktion mitmacht. Aber im Prinzip können die auch nicht wirklich verlieren, da die nächste Bürgermeisterwahl ohnehin für die CDU in Duisburg verloren ist. Egal ob Sauerland einen Antrag auf Entlassung oder sich einer Abwahl stellt. Und die anderen Fraktionen können schlecht gegen eine Abwahl stimmen.

joow
30.07.2010 04:28
Wenn er nicht zurücktreten kann....

...wie sie sagen, dann ist allein schon seine Ankündigung (erst alles 'regeln' zu wollen und dann sich der Diskussion zu stellen) gelinde gesagt - eine Frechheit.
Mit Fortdauer der Diskussion wird die politische Verantwortung immer stärker in den Vordergrund rücken. Schlußendlich wird es eine Frage, ob sich Merkel und die CDU ein weiteres - in dem Fall - moralisches Debakel leisten kann.
Abgesehen davon schädigt er seine Partei auf lange Sicht. Kein Politiker kann auf lange Sicht gegen das Volk bestehen. Schon gar nicht, wenn man durch sein Verhalten Mitschuld am Tod von 21 Menschen trägt.

abalada
30.07.2010 10:27

Diskussion stellen kann ja auch meinen: einer "Abwahl" Prozedur stellen.

Ob es für ihn wirklich so eng wird auf lange Sicht hängt vom Verlauf der Ermittlungen ab. Wenn da die Polizei mehr in den Fokus gerät, stehen die Attacken gerade aus der Landespolitik (= Dienstherr der Polizei) gleich in einem anderen Licht.

Ich halte es auch zynisch wenn Politiker, welche ihre Positionen durch Rücktritt ohne große Verluste aufgeben können, dies von einem Beamten fordern. Gerade die Landespolitik kann ja das Dienstrecht auch entsprechend ändern - wenn sie das will. Ob Herr Sauer finanziell bestraft wird oder nicht, sollte man den Gerichten überlassen. Nicht dem Mob, der Journallaie oder den politischen Gegnern.

Dr. Wolfgang S. (Kanzler a.d.)
29.07.2010 16:33
ein strammer christdemokrat eben!

kennen wir ja auch aus oesterreich - besonders ruecktrittsresistent!

travelmike
29.07.2010 15:58
Die Schuldfrage werden die Gerichte klären,

aber er könnt prophylaktisch schon einmal zurücktreten....
Ein Rücktritt wär sicher kein Fehltritt und als Schuldeingeständnis vielleicht strafmindernd.

Dalien
 
29.07.2010 15:51
Die Wahrheit...wie sieht sie aus?

loveprofit:
http://www.youtube.com/watch?v=BRQpaNWlonw

aereo
29.07.2010 15:50
Mit dem Amtsverständnis gehört er abgelöst

"Das ist gar nicht der Job des Oberbürgermeisters, Genehmigungen zu unterschreiben"

Aber es ist die Pflicht des OBM sich grundsätzlich und verantwortlich um die Abwicklung der größten Veranstaltung der Stadt zu kümmern.

standardabweichung
29.07.2010 15:11

sinn von hierarchien ist nun einmal die festlegung von letztverantwortung. in seinem fall sollte er die konsequenzen ziehen bevor er auch noch den makel tragen muss zur demission gezwungen worden zu sein

Paul der Tintenfisch
29.07.2010 14:17
duisburg darf nicht österreich werden

HLAB27
29.07.2010 14:31

da hätten sich die stadtlenker in duisburg mal in wien erkundigen sollen wie man großveranstaltungen reibungslos über die bühne bringt. aber sogar das machen sie mit deutscher gründlichkeit.

ghoul g.
29.07.2010 13:29
und b)

...es irgendwie dilletantisch erscheint zu glauben, eine "die mauer muss weg" rufende mänge von zigtausenden Leuten irgendwie ohne Gewalt stoppen zu können..

Herr Oberstudienrat
29.07.2010 13:31

Menge
auf eine wie auch immer geartete Weise

Auf Groß- und Kleinschreibung achten!

Odiöse Volksverräter Partei
29.07.2010 13:30
Stammt das aus einem Handbuch der SED?

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