Sinnlich und poetisch, derb und verrucht - "Tinte und Kaffee" lockt dieser Tage ins Café Landtmann und präsentiert erotische Kaffeehausliteratur
Wien - "Gehst du mit mir auf einen Kaffee?" Wer diese Frage am Ende einer Partynacht von seinem Schwarm hört, hat den ersten Schritt Richtung Zweisamkeit bereits geschafft. Erinnerungen an die Anbandeleien im Teenie-Alter werden wach. Der Gedanke an das Rendezvous im Kaffeehaus am nächsten Tag ließ Schmetterlinge im Bauch fliegen und Hoffnung auf Händchenhalten und erste Küsse entstehen. Als Erwachsener kommt man schon wesentlich schneller zur Sache - und spricht mit den Worten "Kommst du noch mit auf einen Kaffee?" meist eine konkrete Einladung zum Sex aus. Im 16. Jahrhundert hielt man das im Okzident ankommende Getränk gar für ein Aphrodisiakum.
Das Ensemble Tinte und Kaffee hat sich im Séparée des Café Landtmann einquartiert und gewährt dort mit seinem Programm Sünde und Kaffee humorvolle Einblicke in die erotische Geschichte des Wiener Kaffeehauses. Zwei Darstellerinnen und drei Darsteller lesen und spielen Szenen aus Texten von Peter Altenberg, Arthur Schnitzler, Ferdinand Raimund, Lorenzo da Ponte, H.C. Artmann u. a.
Nach einer etwas schleppenden Lese-Eingangsphase schlüpfen die Schauspieler in die Rollen der Autoren wie auch deren Figuren und erlangen nun auch die Aufmerksamkeit des letzten am Einspänner schlürfenden, zeitunglesenden Zuschauers. Plötzlich fühlt man sich in die Geschichte zurückversetzt und genießt es, Ferdinand Raimund (Regisseur Christoph Prückner) beim Eifersuchtsausbruch zuzuschauen. Denn seine Freundin arbeitet als Sitzkassiererin im Kaffeehaus und ist den Blicken der hauptsächlich männlichen Cafébesucher ausgesetzt.
Kokette Sitzkassiererin
Kaffeehäuser galten als Höhlen des Lasters. Traf man darin Frauen ohne Begleitung an, handelte es sich meist um Prostituierte - oder Homosexuelle. Eva-Christina Binder gelingt es fantastisch, verschiedenste Frauenfiguren zu verkörpern - von der koketten Sitzkassiererin über die gewitzte Hure bis zur emanzipierten Schriftstellerin mit Berliner Schnauze. Bewundernswert ist Organisatorin Elisabeth Seethaler, die nicht nur das eine oder andere "Kaffeehaus-Mensch" spielt, sondern auch vom Kartenverkauf bis zum abschließenden Gewinnspiel (Kaffee-Geschenkkorb) durch den Abend führt. Hier wird ein Stück Wiener Geschichte liebevoll und unterhaltsam vermittelt. (Elisa Weingartner/DER STANDARD, Printausgabe, 28. 7. 2010)