Wissenschaftlicher Reisetipp für Spanienurlauber: In Burgos wurde dieser Tage das weltgrößte Museum der menschlichen Evolution eröffnet
"Atapuerca ist die bedeutendste Fundstätte menschlicher Fossilien weltweit", behauptet Juan Luis Arsuaga. Das klingt nicht gerade bescheiden, aber der spanische Paläoanthropologe und Ko-direktor des Atapuerca-Projektes kann gute Gründe dafür nennen. Keine andere Fundstelle weltweit deckt einen Zeitraum von mehr als einer Million Jahre ab, nur in diesem nordspanischen Höhlensystem wurden Fossilien dreier verschiedener Menschenarten gefunden: Homo sapiens, Homo heidelbergensis (ca. 500.000 Jahre alt) und Homo antecessor - mit einem Alter von bis zu 1,3 Millionen Jahren die ältesten Europas.
Atapuerca eignet sich auch für weitere Zahlenspielereien: 60 Prozent aller hominiden Fossilien weltweit (!) stammen aus diesem kleinen Hügel 15 Kilometer westlich der Stadt Burgos. Für die Epoche des mittleren Pleistozäns (vor 781.000 bis 126.000 Jahren) sind es gar 90 Prozent. Hauptverantwortlich dafür sind die Funde in der Sima de los Huesos, der Knochenhöhle.
Tief im Berg gelegen, wurden dort bisher mehr 5500 Heidelbergensis-Fossilien gefunden. (Anderswo sind Paläoanthropologen froh, ein oder zwei Backenzähne zu finden.) In der nahegelegenen Höhle Gran Dolina gibt es auch die ersten Belege für Kannibalismus: Homo antecessor delektierte sich gern an seinesgleichen. Noch mehr Superlative gefällig?
Nirgends auf der Welt arbeiten mehr Forschungseinrichtungen und Wissenschafter an einer Fundstätte als hier. Fünfzig Postdocs und noch weit mehr als hundert Studierende buddeln hier jeden Sommer. Entsprechend gibt es auch über keine andere Fundstelle mehr wissenschaftliche Publikationen als über Atapuerca, und nirgends fließt mehr Geld in die Erforschung unserer Vorfahren.
Nur eines fehlte diesem Flaggschiffprojekt der spanischen Wissenschaft noch: ein Museum. Nach zehn Jahren Planung wurde es Mitte Juli in Burgos von Königin Sofía eröffnet: das Museum der menschlichen Evolution, selbstredend das größte seiner Art weltweit.
Museum der Extraklasse
Damit kein Missverständnis aufkommt, wie wichtig der Stadt Burgos und der Region Kastilien und León dieses Museum ist, wurden ein zentraler Platz im Herzen der Stadt freigeräumt und - Krise, welche Krise? - 70 Millionen Euro wurden investiert. Das Museum wird flankiert von einem dazugehörigen Forschungsinstitut und einem Kongresszentrum. Gesamtkostenpunkt: 200 Millionen Euro. Die Absicht ist klar: Burgos hat eine weltberühmte Kathedrale - und jetzt ein hoffentlich bald weltberühmtes Museum.
Erbaut vom spanischen Stararchitekten Juan Navarro Baldeweg, beeindruckt es durch Licht und Geräumigkeit. Außenwände und Decke sind ganz aus Glas. Im untersten Geschoß werden in einer Art Höhle die Prachtexemplare aus Atapuerca präsentiert: "Elvis the pelvis" und "Miguelón", ein Becken und ein Schädel eines Homo heidelbergensis, selbstredend die besterhaltenen ihrer Art. Und die Gesichtsknochen des "Jungen aus der Gran Dolina", die die Forscher dazu bewogen, 1997 nicht nur eine neue Art zu benennen, sondern diesen Homo antecessor auch zum gemeinsam Vorfahren von Homo sapiens und Neandertaler zu erklären - was außerhalb Spaniens kaum ein Forscher glaubt.
Das Museum will aber explizit kein Atapuerca-Museum sein, sondern eines der menschlichen Evolution. So kann man auf der nächsten Etage in der "Beagle" spazieren gehen, also jenem Schiff, mit dem Darwin die Welt umfuhr. Den größten Schauwert bieten die neun hyperrealistischen Hominidenfiguren der französischen Dermoplastikerin Elisabeth Daynès. Wenn einem Australopithecus afarensis (alias Lucy), Homo erectus und Neandertaler ins Auge blicken, wird dem Homo sapiens davor doch ein wenig anders.
Auf der dritten Ebene schließlich wird die kulturelle Evolution abgehandelt: Steinwerkzeuge, Höhlenmalereien und die Bedeutung des Feuers - gut erklärt und auch mit dem ein oder anderen interaktiven Element versehen.
Nicht nur Picasso und Nadal
An berühmten Künstlern und Literaten mangelt es Spanien nicht, und im Sport gewinnt es im Moment auch alles. Aber in puncto Wissenschaft leidet das Land immer noch unter einem Minderwertigkeitskomplex. Die Hoffnung auf eine "weltweite Ausstrahlung" des Museums wurde bei der Eröffnung immer wieder bemüht.
Man möchte eben nicht mehr nur für Cervantes und Picasso, für Iniesta, Nadal und Contador bekannt sein, sondern auch für "Miguelón", "Elvis the pelvis" und den "Jungen aus der Gran Dolina" - jetzt zu sehen in Burgos' Museum der Superlative. (Oliver Hochadel aus Burgos/DER STANDARD, Printausgabe, 28.07.2010)