Barbara Frischmuth im Interview

"Die wesentlichen Dinge sind nicht in Penis oder Vulva"

27. Juli 2010 18:43
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    Die Schriftstellerin Barbara Frischmuth referiert zum Thema "Die Frau im Spiegel der Kunst" (Mittwoch, 28. 7., 11.30 Uhr).

Barbara Frischmuth eröffnet die Salzburger Festspiel-Dialoge im Schüttkasten

Sie spricht über die Buhlschaft, Bildung, Scheherazade, Mutterwitz und Schmerzensfrauen

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Standard: Frauen im Spiegel der Kunst: Wie sehen Sie da die Buhlschaft, eine der allsommerlich meistdiskutierten Frauenfiguren?

Frischmuth: Sie beschäftigt mich nicht so sehr, aber man kann durch die Inszenierung immer wieder ein neues Bild entstehen lassen, das vom Original abweicht. Was mich interessiert, sind selbstständige, autarke Frauen, die von sich aus etwas tun und nicht nur reagieren - ob sie nun Buhlin sind oder Ehefrau. Frauen, die sich letztlich nicht durch oder über den Partner definieren.

Standard: "Mythos" ist Thema der Festspiele: Wie sehen Sie unter diesem Blickwinkel die griechischen Frauenfiguren Antigone, Eurydike, Iphigenie?

Frischmuth: Letztendlich wird ihnen allen nur schönes Scheitern zugestanden. Wirklich bewegen konnten sie nichts. Es sind Frauenfiguren, die an der Konstellation, die man Schicksal nennt, scheitern. Mich erschreckt diese Verherrlichung des Scheiterns. Manchmal wird das Scheitern in der Kunst zur koketten Attitüde. Mich interessieren Frauen, Menschen, die Eigenverantwortung übernehmen, das Aufsichgestelltsein nicht nur ertragen, sondern versuchen, daraus etwas zu machen, selbstständige Positionen herausarbeiten. Das finde ich bei vielen dieser Heroinen nicht - wofür sie nichts können, weil ihre Geschichten von der Siegerpartei, von Männern, geschrieben sind. Kein einziges dieser Stücke ist ja von Frauen verfasst. Doch es gibt auch Vorbilder, die nicht nur die Schmerzensfrau repräsentieren.

Standard: Welche?

Frischmuth: Die Kunstfigur Scheherazade beispielsweise. Sie hatte Mutterwitz und Bildung - beides wurde Frauen ja lange nicht zugestanden. Mutterwitz hat auch eine obszöne Konnotation und war ungehörig. Eine Frau hatte nicht witzig zu sein, denn das würde Reflexion und differenzierte Selbstwahrnehmung bedeuten. Das ist schon spannend: Diese Kunstfigur Scheherazade traut sich aufgrund ihrer Bildung zu, einen Despoten zu zähmen. Sie sieht Bildung als erotische Kraft.

Standard: Heute scheint unter jungen Frauen wieder das Weibchenschema zuzunehmen.

Frischmuth: Ja, das sehe ich genauso. Doch dass man sich halbnackt bewegen kann, bedeutet nicht wirklich Emanzipation. Während Frauen viel Geld und Zeit für ihr Äußeres aufwenden, machen die Männer Karriere. Sich über das Aussehen zu definieren bedeutet, sich wieder über den Mann zu definieren. Viele Frauen haben sich männliche Sichtweisen anerziehen lassen. Aber ich halte nichts davon, wenn wir uns wie mindere Männer benehmen. Kopf haben wir beide - Männer wie Frauen. Da sind die wesentlichen Dinge drin, nicht im Penis oder der Vulva.

Standard: Ab wann ändert sich das Frauenbild von der ungebildeten Schmerzens- zur selbstbestimmten Frau?

Frischmuth: Das geschah in Wellen. Bereits im Mittelalter gab es Bestrebungen, doch die Hexenverfolgung hat die Frauen weit zurückgeworfen. Die Angst, so etwas könnte wiederkommen, war groß. Natürlich gab es immer wieder mutige Individuen. Es waren vor allem Vater-Töchter, also Frauen, die von ihren Vätern gefördert wurden, die sowohl in der Kunst als auch an den Universitäten etwas zustande gebracht haben - auch in der muslimischen Welt.

Standard: Die Mütter hatten meist noch gar nicht die Möglichkeit, ihre Töchter zu unterstützen. Aber spielt auch Neid eine Rolle, dass es die Töchter besser haben?

Frischmuth: Ja, das sieht man auch bei den Beduinen, wo ältere Frauen die Mädchen entjungfern. Auch die Beschneidungen der Mädchen vollziehen Frauen. Es gibt eine ganze Bandbreite fehlgeleiteter Mutterinstinkte.

Standard: Scheherazade ist auch ein Gegenbeweis zu dem weitverbreiteten Vorurteil, muslimische Frauen seien ungebildet.

Frischmuth: Bildung war in gehobenen Kreisen im Orient immer ein hohes Gut, das lässt man bei uns gern unter den Tisch fallen. Auch dass die Universitäten sowohl im Iran als auch in Ägypten oder der Türkei zu mehr als 60 Prozent in den Händen von Frauen sind. Es gibt wesentlich mehr Ordinaria als bei uns, der Grund ist allerdings profan: Die Gehälter an den Unis sind nicht hoch, also überlässt man den Frauen das Terrain. Doch darin steckt auch eine Chance für Frauen. (Andrea Schurian/DER STANDARD, Printausgabe, 28. 7. 2010) 

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20 Postings
franz der freie
28.07.2010 11:56
ohne penis und vulva gäbe es keine menschen.

das ist eine unverrückbare tatsache. alles andere ist behübschung und camouflage der grundprinzipien der schöpfung. die letzte jungfrauengeburt durch geistige befruchtung ist schon eine weile her. seitdem wird wieder auf altbewährte methode reproduziert. auch wenn es vielen nicht passt, weil die homosexualität jetzt in ist und jedem unter die nase gerieben wird.

byron sully
28.07.2010 18:55

homosexuelle haben also ihrer meinung nach keine geschlechtsorgane und sich nicht fähig, sich fortzupflanzen? sie sollten sich besser mal mit der realität konfrontieren...

AllesWieImmer
28.07.2010 16:46
Wie die Menschen wohl schreiben lernten?

no na & no na net!
Von 1960 bis 2000 hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt auf 6 Milliarden Meschen.
Um 1900 gab es etwa 1,5 Milliarden Menschen auf der Erde.
Davor vermehrte sich der Mensch in noch viel, viel geringerem Ausmaß oder doch nur weniger effektiv & effizient?
Und dann gibt es da auch noch neuerdings den fucking Computer! Ist der ein guter?

1000 Kopfläuse können nicht irren
28.07.2010 14:36
Ich merke nichts davon, dass Homosexualität "in" wäre.

Homosexualität KANN per se schon gar nicht in Mode sein, oder eben nicht! Homosexualität ist einfach vorhanden.

gucky
28.07.2010 12:28
Keine Frage,

sie haben recht.
Aber hier ging es ums Denken, und das werden Sie ja wohl nicht mit Ihrem primären Geschlechtsorgan machen, oder?

standardabweichung
28.07.2010 08:38

na wenn sie sich da mal nicht irrt

rollladl
28.07.2010 08:47

warum muss überhaupt intellektualität, emotionalität und sinnlichkeit immer gegeneinander ausgespielt werden, kann man nicht beides nebeneinander bestehen lassen?

achso
28.07.2010 09:09

homosexuelle sinnlichkeit gilt ja als intellektuell, nur heterosexuelle nicht (ist im katholischen sinne ja auch nicht erlaubt, weil nicht zweckfrei)

simone de b
28.07.2010 14:55
homosexuelle sinnlichkeit gilt ja als intellektuell, nur heterosexuelle nicht

wie borniert alles geworden ist

meisterbrief
28.07.2010 09:28

die kindermacherinnen sind halt die handwerker und dementsprechend gesellschaftlich geächtet

spaßvogl
28.07.2010 09:46
Handwerk hat goldenen Boden!

igit
28.07.2010 09:29

kein wunder nach der mutterkreuz erfahrung

rollladl
28.07.2010 09:20

da haben wir das dilemma: zweckfreie sinnlichkeit in heterosexuellen beziehungen nicht erlauben und dann die (heterosexuelle) sexualität verdammen - wie krank ist das!

Regina Bernat
 
28.07.2010 06:23
Eine erfrischend frauenfreundliche Stellungnahme,

Frau Frischmuth! Vielen Dank!
Wie aber lassen sich die sich weiterhin auftürmenden Vorurteile und Rollenbilder, die Frauen in dieses sexuelle und determinierte Bild hineinpressen, auflösen, wenn der mainstream nicht im geringsten daran interessiert ist, real eine Gleichstellung herzustellen? Zehrt nicht die Gegenwartsideologie nach wie vor immens an dieser Diskriminerung der Frau? An all ihren Kräften?
Die Wahrheit, die dahinter schimmert, MACHT wirklich bitter und müde und krank!

Posten schadet der Gesundheit
27.07.2010 19:09
Hexenverfolgung

ist nur dem Mythos nach hauptsächlich gegen Frauen gerichtet gewesen. Es waren mehr politische Säuberungen gemischt mit Nachbarschaftsstreitigkeiten denen vor allem Männer zum Opfer vielen.

byron sully
28.07.2010 19:01

da bringen sie zwei sachen durcheinander: das eine ist die inquisition in ihrer gesamtheit. und da haben sie recht, es ging v.a. um (geschlechtsunabhängig) beseitigung unbequemer menschen. aber was konkret die hexenverbrennungen betrifft, ging es da meiner meinung nach sehr wohl primär darum, die männliche dominanz gegenüber möglichen emanzipatorischen tendenzen zu verteidigen.

Der Neisseer
04.08.2010 08:38
Die Hälfte

Von den etwa 70.000 Hexenverbrennungen, die vom 15. bis zum 18. Jhd. in Europa stattfanden, betrafen (nur) nur rund die Hälfte Frauen.

Tethys
28.07.2010 11:43

Sie haben den Kontext, in den Barbara Frischmuth die "Hexenverfolgung" hier bettet, nicht verstanden.

rollladl
27.07.2010 18:55

im harem kann man sich ja sicher gut in der autarkie üben. hat mit ehelicher partnerschaft überhaupt nichts zu tun.

igit
28.07.2010 07:32

ja, auch nichts mit sinnlichkeit in der zweisamkeit (ehe oder nicht), in einer monogamen partnerschaft

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