Barbara Frischmuth eröffnet die Salzburger Festspiel-Dialoge im Schüttkasten
Sie spricht über die Buhlschaft, Bildung, Scheherazade, Mutterwitz und Schmerzensfrauen
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Standard: Frauen im Spiegel der Kunst: Wie sehen Sie da die Buhlschaft, eine der allsommerlich meistdiskutierten Frauenfiguren?
Frischmuth: Sie beschäftigt mich nicht so sehr, aber man kann durch die Inszenierung immer wieder ein neues Bild entstehen lassen, das vom Original abweicht. Was mich interessiert, sind selbstständige, autarke Frauen, die von sich aus etwas tun und nicht nur reagieren - ob sie nun Buhlin sind oder Ehefrau. Frauen, die sich letztlich nicht durch oder über den Partner definieren.
Standard: "Mythos" ist Thema der Festspiele: Wie sehen Sie unter diesem Blickwinkel die griechischen Frauenfiguren Antigone, Eurydike, Iphigenie?
Frischmuth: Letztendlich wird ihnen allen nur schönes Scheitern zugestanden. Wirklich bewegen konnten sie nichts. Es sind Frauenfiguren, die an der Konstellation, die man Schicksal nennt, scheitern. Mich erschreckt diese Verherrlichung des Scheiterns. Manchmal wird das Scheitern in der Kunst zur koketten Attitüde. Mich interessieren Frauen, Menschen, die Eigenverantwortung übernehmen, das Aufsichgestelltsein nicht nur ertragen, sondern versuchen, daraus etwas zu machen, selbstständige Positionen herausarbeiten. Das finde ich bei vielen dieser Heroinen nicht - wofür sie nichts können, weil ihre Geschichten von der Siegerpartei, von Männern, geschrieben sind. Kein einziges dieser Stücke ist ja von Frauen verfasst. Doch es gibt auch Vorbilder, die nicht nur die Schmerzensfrau repräsentieren.
Standard: Welche?
Frischmuth: Die Kunstfigur Scheherazade beispielsweise. Sie hatte Mutterwitz und Bildung - beides wurde Frauen ja lange nicht zugestanden. Mutterwitz hat auch eine obszöne Konnotation und war ungehörig. Eine Frau hatte nicht witzig zu sein, denn das würde Reflexion und differenzierte Selbstwahrnehmung bedeuten. Das ist schon spannend: Diese Kunstfigur Scheherazade traut sich aufgrund ihrer Bildung zu, einen Despoten zu zähmen. Sie sieht Bildung als erotische Kraft.
Standard: Heute scheint unter jungen Frauen wieder das Weibchenschema zuzunehmen.
Frischmuth: Ja, das sehe ich genauso. Doch dass man sich halbnackt bewegen kann, bedeutet nicht wirklich Emanzipation. Während Frauen viel Geld und Zeit für ihr Äußeres aufwenden, machen die Männer Karriere. Sich über das Aussehen zu definieren bedeutet, sich wieder über den Mann zu definieren. Viele Frauen haben sich männliche Sichtweisen anerziehen lassen. Aber ich halte nichts davon, wenn wir uns wie mindere Männer benehmen. Kopf haben wir beide - Männer wie Frauen. Da sind die wesentlichen Dinge drin, nicht im Penis oder der Vulva.
Standard: Ab wann ändert sich das Frauenbild von der ungebildeten Schmerzens- zur selbstbestimmten Frau?
Frischmuth: Das geschah in Wellen. Bereits im Mittelalter gab es Bestrebungen, doch die Hexenverfolgung hat die Frauen weit zurückgeworfen. Die Angst, so etwas könnte wiederkommen, war groß. Natürlich gab es immer wieder mutige Individuen. Es waren vor allem Vater-Töchter, also Frauen, die von ihren Vätern gefördert wurden, die sowohl in der Kunst als auch an den Universitäten etwas zustande gebracht haben - auch in der muslimischen Welt.
Standard: Die Mütter hatten meist noch gar nicht die Möglichkeit, ihre Töchter zu unterstützen. Aber spielt auch Neid eine Rolle, dass es die Töchter besser haben?
Frischmuth: Ja, das sieht man auch bei den Beduinen, wo ältere Frauen die Mädchen entjungfern. Auch die Beschneidungen der Mädchen vollziehen Frauen. Es gibt eine ganze Bandbreite fehlgeleiteter Mutterinstinkte.
Standard: Scheherazade ist auch ein Gegenbeweis zu dem weitverbreiteten Vorurteil, muslimische Frauen seien ungebildet.
Frischmuth: Bildung war in gehobenen Kreisen im Orient immer ein hohes Gut, das lässt man bei uns gern unter den Tisch fallen. Auch dass die Universitäten sowohl im Iran als auch in Ägypten oder der Türkei zu mehr als 60 Prozent in den Händen von Frauen sind. Es gibt wesentlich mehr Ordinaria als bei uns, der Grund ist allerdings profan: Die Gehälter an den Unis sind nicht hoch, also überlässt man den Frauen das Terrain. Doch darin steckt auch eine Chance für Frauen. (Andrea Schurian/DER STANDARD, Printausgabe, 28. 7. 2010)