Konstanze Zwintz erforscht junge Sterne. Wie es jungen WissenschafterInnen ergeht und was die Südsternwarte bringt, sagte sie Peter Illetschko
Standard: Österreich ist seit zwei Jahren Mitglied der Europäischen Südsternwarte ESO. Was hat sich dadurch im Alltag der österreichischen Astronomen geändert?
Zwintz: Wir können jetzt direkt ein Forschungsvorhaben einreichen, um Beobachtungszeit an den großen ESO-Teleskopen zu bekommen. Davor waren wir auf die Kooperationsbereitschaft von Kollegen aus Mitgliedsländern angewiesen, die natürlich bevorzugt behandelt werden. Stand ihr Name auf den Anträgen, dann gab es eine Chance. Das war aber noch lange keine Garantie für die Zusage.
Standard: Warum ist es so schwierig, an den Teleskopen der ESO zu forschen?
Zwintz: Es gibt sehr viele Astronomen, die an den großen Teleskopen arbeiten wollen. Die Beobachtungszeit ist begrenzt, zumal Himmelskörper nicht das ganze Jahr über sichtbar sind. Deswegen prüft ein großes Komitee die Vorhaben der Forscher ganz genau.
Standard: Haben Sie schon eingereicht?
Zwintz: Ja, ich habe schon eingereicht. Und bin auch schon abgelehnt worden. Man muss es öfter probieren. Jetzt habe ich erstmals Beobachtungszeit zugesprochen bekommen - elf Stunden insgesamt. Ich muss nun ganz genau festlegen, was ich von den Astronomen vor Ort am Very Large Telescope in Chile erwarte. Das funktioniert über ein Softwareprogramm. Ich fahre auch selbst nicht hin, um die Beobachtungen durchzuführen. Die elf Stunden werden nicht im Block abgewickelt, sondern in einem Zeitfenster im chilenischen Sommer, je nachdem, ob die Bedingungen gerade ideal für mein Forschungsvorhaben sind.
Standard: Wie sollen die ESO-Astronomen Ihre elf Stunden nutzen?
Zwintz: Ich habe durch Beobachtungen über den kanadischen Satelliten MOST und den französischen Satelliten CoRoT zwanzig Sterne identifizieren können, die noch sehr jung sind und pulsieren. Man muss dazu eines wissen: Wenn Sterne jung sind, sind sie schon mehrere hunderttausend Jahre alt. Und bei CoRoT und MOST muss man auch Beobachtungszeit beantragen. Ich will in den elf Stunden je ein Spektrum von all diesen Sternen bekommen, das heißt das Licht der Sterne wird in Spektralfarben zerlegt. Über dieses Spektrum kann ich vieles herausfinden: Wie hoch ist die Oberflächentemperatur des jeweiligen Sterns? Wie stark ist seine Leuchtkraft? Wie schnell rotiert er?
Standard: Woran erkennen Sie, dass ein Stern jung oder doch schon älter ist?
Zwintz: Am inneren Aufbau, den wir mit der Asteroseismologie untersuchen können. Dabei wird das Licht des Sterns über einen Zeitraum von mehreren Wochen kontinuierlich gemessen, wobei wir kleine periodische Schwankungen der Helligkeitentdecken, die durch ein Pulsieren des Sterninneren ausgelöst werden. Dabei laufen Schallwellen durch den Stern, deren Eigenschaften von der inneren Beschaffenheit des Sterns abhängen. Und da junge Sterne andere Dichteverhältnisse aufweisen als ältere, können wir anhand der Sternpulsationen Aussagen über das Alter eines Sterns treffen.
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"Es gibt nahezu keine fixen Stellen an den Unis. Wir müssen uns selbst finanzieren, quasi von Stipendium zu Stipendium."
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Standard: Was wäre, hätten Sie nicht Beobachtungszeit bei den Satelliten MOST und CoRoT und bei der Europäischen Südsternwarte bekommen? Hätten Sie Ihr Projekt nicht durchführen können?
Zwintz: Es gibt ja auch Alternativen, also andere Sternwarten. Man versucht es ja für gewöhnlich bei mehreren, um die Chance auf einen Treffer zu erhöhen. Aber natürlich ist es nicht einfach, an die besten Instrumente heranzukommen. Und man muss auch mit einer Ablehnung zurechtkommen - wie auch im Wettbewerb um Fördergelder in Österreich. Ich hatte ein Hertha-Firnberg-Stipendium des Wissenschaftsfonds FWF, jetzt habe ich ein Apart-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Das wird nach strengen inhaltlichen Richtlinien von einer Jury vergeben. Das kann, wie gesagt, hart sein, wenn man nicht überzeugen kann, ist aber für junge Wissenschafter in Österreich die einzige Chance.
Standard: Weil es keine fixen Stellen gibt?
Zwintz: Es gibt ja nahezu keine fixen Stellen an den Universitäten, und die, die besetzt werden, werden hauptsächlich mit Wissenschaftern aus dem Ausland besetzt. Wir müssen uns selbst finanzieren, quasi von Stipendium zu Stipendium, wofür es natürlich auch keine Garantie gibt. Planungssicherheit ist da ein Fremdwort. Und nach sechs Jahren wird es sowieso schwierig.
Standard: Warum gerade nach sechs Jahren?
Zwintz: Das ist die Kettenvertragsregel. Wer sechs Jahre mit befristeten Verträgen in einem Unternehmen war, muss dann unbefristet angestellt werden. Das können sich die Universitäten natürlich nicht leisten, denn sie müssten unzählige Jungwissenschafter mit guten Jobs versorgen. Daher versucht sich jede Uni etwas einfallen zu lassen, um die Leute nicht zu verlieren und ihnen die Chance zu geben, in Österreich weiterzumachen. Ich selbst bin jetzt über das Apart-Stipendium an der Akademie angestellt, um die Sechs-Jahre-Regel zu umgehen, mein Output kommt aber auch der Uni zugute. Da bräuchte es dringend eine österreichweit einheitliche Lösung, mit der alle leben können. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.7.2010)
Konstanze Zwintz, geboren 1974 in Wien, studierte Astronomie an der
Universität Wien. Von 2007 bis 2010 war sie Inhaberin eines
Hertha-Firnberg-Stipendiums. Die Astrophysikerin, die an der Uni Wien
forscht, engagiert sich für Wissenschaftskommunikation.