Überfremdungsängste werden von Demagogen ausgenutzt und angeheizt, aber sie haben manchmal eine reale Basis
Überfremdungsängste werden von Demagogen ausgenutzt und angeheizt, aber sie haben manchmal eine reale Basis. Wenn in einem auch sonst in einer seltsamen Tonlage gehaltenen privaten Infodienst für Wien ein Schwimmbad empfohlen wird, weil dort "relativ wenige Ausländer anzutreffen sind", so ist das gewollte Verhetzung. Gleichzeitig lehrt der Augenschein in anderen öffentlichen Bädern, dass es eine jugendliche Macho-Kultur mit Migranten-Hintergrund gibt, die sich unangenehm bemerkbar macht - mit Anstänkern, unerwünschtem Anbaggern, mit manchmal bedrohlich wirkender Rudelbildung. Dasselbe Auftreten gab und gibt es auch von (männlichen) Jugendlichen ohne Migrantenhintergrund, aber für viele sind das eben "unsere" und die anderen werden als fremde Kultur empfunden, die allzu offensiv auftritt.
Die Migranten haben mehr Kinder, in Wien sind 40 bis 50 Prozent der Schüler Zuwandererkinder erster oder auch schon dritter Generation und damit beschleicht auch liberalere Bürger manchmal ein Gefühl der Überfremdung. Ein großer Teil kommt aus "bildungsfernen" Schichten und das führt zu einer schlechten sozialen Ausgangslage. Unter den Zuwanderern, die zum Teil schon seit Jahrzehnten hier sind, findet viel zu wenig Aufstieg statt. Österreichs Zuwanderungspolitik produziert die gefährlichste Mischung überhaupt: junge Männer ohne ordentliche Ausbildung, Arbeit oder Zukunftsperspektiven.
Ist hier der Begriff "Zuwanderungspolitik" gefallen ? Eine wirkliche Zuwanderungspolitik gibt es hierzulande nicht. Zuerst hat man, um dem Bedürfnis nach billigen Arbeitern zu genügen, unqualifizierte Menschen aus rückständigen Gebieten hereingeholt. Dann hat man erschrocken und abrupt zugemacht und sich allerlei Schikanen für Flüchtlinge ausgedacht. Langsam und zaghaft beginnt man sich mit den sozialen Folgen einer Zuwanderung, die zu wenig Aufsteiger kennt, auseinander zu setzen. In der Hauptsache versucht man aber das Problem zu verschweigen.
Nur manchmal, so wie jetzt Außenminister (und in dem Zusammenhang fast wichtiger: ÖAAB-Obmann) Michael Spindelegger, wagen Spitzenpolitiker, die Wahrheit auszusprechen: Österreich braucht Zuwanderer (Spindelegger spricht von 100.000). Ehe diese Realisten dann von der großen Verschweige-Koalition niedergebügelt werden, flackert kurz die Diskussion auf, welche Zuwanderer man denn brauchen könne.
Die Frage ist aber, was wir gutausgebildeten Leuten bieten können. Fest steht nur, dass wir nicht weitere Billigkräfte aus rückständigen Gebieten brauchen. Fest steht weiter, dass historisch die Zuwanderung nach Österreich aus Ost-und Südosteuropa erfolgt ist, die längste Zeit als Binnenwanderung in der Monarchie, dann als Folge der großen Flüchtlingswellen nach 1945: zuerst die vertriebenen Deutschen, dann 1956 die Ungarn, 1968 die Tschechen und Slowaken, in den 80er-Jahren die Polen und seit den 90er-Jahren die Ex-Jugoslawen. Letztlich ist das unsere natürliche Personalreserve, auch wenn man das in Westösterreich anders sehen mag. (rau, DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2010)