"Es gibt einen massiven Technikermangel"

Karin Krichmayr, 27. Juli 2010, 18:13

Rein erkenntnisgetriebene Forschung bringe wenig, meint Peter Schwab, Forschungschef der Voestalpine, im Interview mit Karin Krichmayr

STANDARD: Welche Bedeutung hat die Grundlagenforschung für die Voestalpine?

Schwab: Wir profitieren stark von anwendungsorientierter Grundlagenforschung. Rein erkenntnis- oder neugiergetriebene Forschung bringt uns nicht weiter. Da wird Wissen produziert, das weltweit vermarktet werden kann, aber nichts für den Standort Österreich bringt.

STANDARD: Was würden Sie sich von der Forschungspolitik wünschen? Soll weniger Geld in die Grundlagenforschung fließen?

Schwab: Es muss erkannt werden, dass es einen massiven Technikermangel gibt. Die Ressourcen sind nicht unbegrenzt, deswegen sollte sich die Forschungsförderung auf die Stärkefelder der heimischen Industrie und ganz wenige ausgewählte Zukunftsfelder fokussieren.

STANDARD: Die Voestalpine hat eine Reihe von Kooperationen mit Unis.

Schwab: Für die Entwicklung neuer Produkte muss man die Grundlagen verstehen. So kann man sich frühzeitig einen Vorsprung sichern. Die Kooperationen verlaufen auf Augenhöhe und sind unheimlich fruchtbar. Die Unis bekommen einen Praxisbezug und wir brauchbare Ergebnisse und oft auch gute Absolventen.

STANDARD: Wie geht ein riesiger Konzern wie die Voestalpine mit der Umwelt- und Energiekrise um?

Schwab: Wir arbeiten ständig an der Reduktion der CO2-Emissionen. CO2 ist gleichzusetzen mit Energie, und Energie kostet Geld. Wir verbrauchen etwa neun Prozent der heimischen Primärenergie. Wir versuchen also, jedes Joule, jedes Watt einzusammeln. Die gesamte Stahlindustrie hat in den letzten 30 Jahren den CO2-Ausstoß um 50 Prozent reduziert. Da ist viel passiert. Auf der Produktseite waren wir 2006 weltweit das erste Stahlwerk, das ohneChrom VI, das als karzinogen gilt, produziert hat. Und wir entwickeln Stähle, die Autos leichter machen, damit sie weniger CO2 ausstoßen.

STANDARD: Die Stahlindustrie hat viele Krisen hinter sich. Gab es Auswirkungen auf die Forschung?

Schwab: Stahl hat einen extremen Aufstieg erlebt - trotz harter Krisenjahre, wo nur gespart wurde. Die Voest hat immer in Forschung und Entwicklung investiert. Seit dem Jahr 2000 wurden die Ausgaben dafür mehr als verdreifacht, auf 110 Millionen Euro im Jahr 2010. Die Wirtschaftskrise hat viele Einschnitte gebracht, dem Vorstand war jedoch klar, wie wichtig die Forschung ist. Wir haben im Lauf der Zeit gelernt, dass innovative Produkte das Überleben sichern. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.07.2010)

PETER SCHWAB, geb. 1964, studierte Physik an der Johannes-Kepler-Universität Linz und in Nischni Nowgorod, Russland. Seit 2002 ist Schwab Leiter der Forschung der Voestalpine.

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