Ferien mit ungewissem Ende

27. Juli 2010 18:22

Trotz Lehrermangels müssen Junglehrer um Job bangen

Wien - Neun Wochen Sommerferien: Susanne (Name von der Redaktion geändert) wird momentan von vielen Freunden um ihre freie Zeit beneidet. Die junge AHS-Lehrerin - Fächerkombi: Englisch und Geschichte - hat im vergangenen Schuljahr ihr Unterrichtspraktikum absolviert. Sie tut sich allerdings schwer, ihre freie Zeit zu genießen, denn was nach den Ferien beruflich auf sie zukommt, ist mehr als ungewiss.

Schon vor Wochen hatte man Susanne einen Brief vom Stadtschulrat versprochen, in dem stehen sollte, in welcher Schule sie wie viele Stunden bekommt. Aufgrund einer Pensionierungswelle sind besonders Sprachlehrer derzeit Mangelware - nicht nur, aber auch in Wien. Während man als angehender Pädagoge noch vor einigen Jahren mit langen Wartezeiten rechnen musste, werden mittlerweile viele praktisch von der Uni wegengagiert, oft ohne absolvierte Diplomprüfung oder Unterrichtspraktikum.

Vom Stadtschulrat vertröstet

Da die Nachfrage offenbar das Angebot übersteigt - was man den Junglehrern auch unverblümt mitteilt -, machte sich Susanne lange keine Jobsorgen. Aber der versprochene Brief kommt nicht. Und kommt nicht. Bei einer telefonischen Nachfrage beim Stadtschulrat wurde sie bloß vertröstet: Es könne bis Ende August oder sogar Anfang September dauern, bis sie eine fixe Zusage bekomme. "Falls ich dann erfahre, dass ich keine oder nur ein paar Stunden bekomme, kann ich mir erst Anfang September einen anderen Job suchen, anstatt die Ferien dafür zu nützen" , sagt Susanne. Und vielen ihrer Studienkollegen ergehe es genauso.

Jungen Lehrern wie Susanne bleibe nichts anderes übrig als zu warten, bestätigt Matias Meißner, Sprecher des Stadtschulrates, im Gespräch mit dem Standard. Die späte Postenvergabe sei aber nicht bloß eine "schlechte Gewohnheit", sondern ergebe sich aus den laufenden Veränderungen beim Personalstand. Viele Lehrer würden erst zu Ferienende ihren Pensionsantritt oder eine Schwangerschaft bekanntgeben.

Dazu kämen die Doppelanmeldungen an den Schulen; oft würden Direktoren erst nach den ersten paar Schultagen wissen, wie viele Klassen es gebe und ob etwa in den Sprachen geteilt werden müsse. An eine Änderung des derzeitigen Modus denkt man weder im Stadtschulrat noch im Unterrichtsministerium. Die Einstellung von Lehrern sei Aufgabe der jeweiligen Landesbehörden, heißt es dort lediglich. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 28.7.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 26
1 2
f.j.neffe
 
17.08.2010 18:02
Heißt es "der Lehrermangel" oder "die Lehrermangel"?

Da stehen wir wieder vor der Frage, ob es "der Lehrermangel" oder "die Lehrermangel" heißen muss in solchen Fällen.
Auch Lehrer sind halt nur Vertfügungsmasse in einem Planstellenbesetzungs- und Vorgabendurchführungssystem. Als Ich-kann-Schule-Lehrer sehe ich da allerdings keine Schule mehr sondern eben Unterrichtsvollzugsanstalt. Wer wirklich LEHREN will, muss sich heute fast woanders anmelden.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe

Lemure
 
06.08.2010 08:34
Nicht nur Junglehrer!

In OÖ trifft diese Hinhaltetaktik auch LehrerInnen mit 20 Dienstjahren, die wissen jetzt noch nicht, mit wieviel Stunden und in welcher Schule sie welché Fächer sie unterrichten dürfen und das mit Familie und festem Wohnsitz mit Bankkredit. Da kommt kein Urlaubsfeeling auf.

ride my pimp
04.08.2010 08:07

dieser bericht ist sowas von typisch für die personalpolitik des ministeriums und der landesschulräte, dass man ihn überall plakatieren sollte!

clangi
03.08.2010 13:44
einfach ideal!

man weiß bis schulanfang nicht, ob man noch einen job hat bzw. ob man überhaupt einen bekommt (neueinsteiger)!
wenn man sich dann was anderes sucht (logisch, oder) und man nicht sofort kündigen kann, wird wieder geschimpft, die blöden junglehrer sind zu faul, ein paar kilometer zu fahren (wie voriges jahr!)
alternative: keine arbeit suchen und einfach abwarten, dann wird mal als fauler arbeitsverweigerer beschimpft!
wie man es auch macht, es ist wohl falsch...

Murmelchen1
31.07.2010 15:13
Vor 6 Wochen -

mein Mann und ich sind beide Lehrer für technische Fächer. Ich bin fix angestellt, meine Mann ein so genannter Artikel X - Lehrer, d.h. ein Lehrer ohne pädagogische Ausbildung, der 10 Jahre lang immer nur befristet angestelllt wird, d.h. er muss sich jedes Jahr neu bewerben. Das tat er auch diesen Mai. Leider hat die Sekretärin unserer Schule die Bewerbung verspätet weitergeschickt und so erhielt er vor 6 Wochen einen Brief, dass er nicht angestellt werden könne, da die Bewerbung um 2 (!) Tage zu spät eingelangt sei. Gleichzeitig erhielt unser Direktor einen Anruf, dass für die ausgeschriebene Stelle leider kein geeigneter Bewerber gefunden werden konnte und er sich selber einen Lehrer suchen solle - hat er dann auch - meinen Mann.

Sche
04.08.2010 11:06
Schilda lässt grüßen

Oder doch Bananenrepublik???

Leibeigener
29.07.2010 09:17
Farce

"Susanne" spricht mir aus der Seele. Soeben rief ich wieder einmal beim Stadtschulrat an: Zwei Leute in der Abteilung krank, zwei auf Urlaub. Nächste Möglichkeit: 9. August ...

fibiundchillie
30.07.2010 12:55
9.August

die 2, die jetzt in urlaub sind, sind dann krank.
und die 2, die jetzt krank sind, sind dann in urlaub.

elennah
28.07.2010 12:05
Lehrermangel

Trotz Lehrermangels werden pragmatisierte KollegInnen über 50 in die Bezirkspersonalreserve geschickt (und dem Schulleiter genehme Vertragslehrer bleiben an der Schule).
Ich sehe weit und breit keinen Lehrermangel.

Daisy Lord
28.07.2010 15:20

Personalreserve? Wo gibt´s das? In Wien schon seit vielen Jahren nicht mehr!

LL MM
28.07.2010 17:14

Diese "Springer" gibt es noch in einigen Bundesländern.

Erz-Schelm
28.07.2010 09:59
Daher ist es ganz...

wichtig, dass die nach parteipolitischen Kriterien bestellten DirektorInnen endlich die Personalhoheit über ihre LehrerInnen erhalten. Dann können sie sich ja die LehrerInnen aussuchen – wenn es sie gibt.
Wenn es sie nicht gibt (wie derzeit in Wien), dann wirds mit dem Aussuchen halt ein bisserl schwer.

Die derzeitige Situation ist seit Jahren bekannt, da sich die Lebensläufe von LehrerInnen und die Schülerzahlen ja nicht über Nacht verändern. Interessiert das aber irgend jemanden? Viel lieber wird von völlig Ahnungslosen (siehe Gespräch Fr. Schmid und Hr. Wurm) über die zukünftige Schule in einem realitätsfernen Vakuum (vgl. Kosten) philosophiert. Die konkrete Arbeit an den derzeitigen Missständen bleibt davon unberührt.

lehrer
27.07.2010 22:13
nicht überall lehrermangel

in einigen bundesländern gibts noch überhaupt keinen lehrermangel und so genannte 2L lehrer (1 jahresverträge) haben jedes jahr angst nicht weiterbeschäftigt zu werden (STmk, OÖ, Bgld, Kärnten)

wunderbar1
28.07.2010 09:01

Ja, Freunde von mir erzählen immer, dass sie jedes Jahr zittern (in Kärnten).
Oftmals erst in der 1./2. Schulwoche erfahren, ob sie an der letzjährigen Schule nun wieder Stunden haben, wo anders oder im schlimmsten Fall gar nicht.

Und das ganze mit den Zitter-1-Jahresverträgen geht 5 Jahre lang so, und dann bekommt man einen unbefristeten Vertrag (gleich zur Vorsicht: das ist keine Pragmatisierung! sondern erspart jährliches Neu-Bewerben) ... mit einer halben Lehrverpflichtung fix zugesagt, wenn man Glück hat - um die restliche Hälfte heißts dann erneut zittern - obwohl man natürlich schon den Vorteil hat, dass zuerst geschaut wird, dass die mit unbefristeten Veträgen voll angestellt werden.

Beneiden tu ich sie darum nicht!

KLAMB
28.07.2010 13:07

Ich kenne auch einen Fall in Kärnten, wo es zehn Jahre bis zur schulfesten Stelle gedauert hat. Die Überweisung des Gehalts ließ im Herbst immer rund vier Monate auf sich warten - von Juli bis Dezember musste der Lebensunterhalt regelmäßig durch Kontoüberziehung gedeckt werden...

pereswon
28.07.2010 13:23

Eine schulfeste Stelle ist wieder etwas anderes als ein unbefristeter Vertrag. Schulfeste Stellen sind mittlerweile abgeschafft. (Was nur für neu eintretende LehrerInnen gilt). Alte Schulfeste stellen bleiben erhalten.

Daisy Lord
28.07.2010 06:56

In Wien würden sie mit Handkuss genommen...hier fehlen Hunderte Lehrer.

muhme
28.07.2010 09:35
ja, die Lehrer fehlen,

aber trotzdem erfahren sie erst im letzten Augenblick, ob und wo und wieviel sie arbeiten werden.

Sibylle Rosenstrauch
30.07.2010 12:06

JobanwärterInnen werden behandelt wie BittstellerInnen. Modernes Personalmanagement sieht anders aus!

Maulkorb1
04.08.2010 15:47

Lehrer an Pflichtschulen wissen bis Schulanfang nicht, welche Fächer und Klassen sie unterrichten werden, denn an Hauptschulen darf jeder alles unterrichten- in welchen Fächern er geprüft ist, interessiert die Direktoren reichlich wenig!Und je nach Sympathie wird dann vergeben! So schauts aus- auch das gehört endlich in die Öffentlichkeit! Die Eltern sollen sich mal erkundigen, von wie vielen ungeprüften Lehrern ihr Kind unterrichtet wird!!

Sibylle Rosenstrauch
05.08.2010 21:46

Ich war selbst mal in der Situation, dass aus einer Vertretung für einen kranken Kollegen ein ganzes Jahr wurde - in einem Fach, das mir überhaupt nicht lag. Eine Katastrophe.
Bin dann in die Privatwirtschaft gegangen. Dort läuft aber auch einiges schief. Man muss einfach kämpfen.
Jetzt passiert mir so etwas nicht mehr, weil ich mich besser wehren kann!

Irma la Douce
27.07.2010 20:08
Vor30 Jahren hat man dann noch ein halbes Jahr aufs erste Gehalt gewartet!

Leibeigener
29.07.2010 09:20
und bitte nicht vergessen:

im Krieg war sowieso alles noch viel ärger.

sam duke
27.07.2010 19:59
österreich

ist fast pleite. das ist die wahrheit.

Ich gebs zu
27.07.2010 19:08
Geh, Pepperl plausch net.

Die elende Personalplanung wird vorwiegend von oben erzeugt. Erstens verwalten die LSR und der Wiener SSR die ihnen zugewiesenen Werteinheiten wie der Kaiser seine Privatschatulle. Da können sich schon einmal 2, 3 Posten woanders hin verirren.

Zweitens gibt es auch heuer wieder einen Sparerlass: 4% der Kosten sollen sich in Luft auflösen. Da Schüler/innen sich nicht an diese Vorgabe halten, muss halt irgendwo an den Stundenkontingenten gedreht werden. Da können an einer größeren AHS oder BHS schon einmal 5, 6 Jobs flöten gehen.

Dass Gruppen- und Klassenteilungen nicht vorhersehbar sind, sollte auch berücksichtigt werden. Die liebe Suse wird sich halt gedulden müssen.

Wer weiß, was der Frau noch an "Zumutbarem" entfleucht.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 26
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.