Georg Senft, Innungsmeister der Wiener Schlosser und Schmiede, über Präventivmaßnahmen gegen Einbrüche, perverse Rechnungen und Pappendeckel-Türen
Rund 14.000 Einbrüche werden in Österreich jedes Jahr begangen, die Hälfte davon in Wien, Tendenz immerhin fallend. Die Polarisierung zwischen Arm und Reich nimmt ungeachtet dessen weiter zu. Während in Einfamilienhäusern bereits vielerorts Sicherheitsfreaks keine Beratung von der Polizei mehr brauchen, gibt es für den Massenwohnbau noch immer keine durchschlagenden Lösungen. Warum Präventivmaßnahmen dennoch greifen können, Einbrecher Dopingsündern im Sport ähneln und Kriminalstatistiken pervers sein können, erklärt Georg Senft, Innungsmeister der Wiener Schlosser und Schmiede sowie Obmann des KEO (Kuratorium für Einbruchschutz und Objektsicherung), im derStandard.at-Interview mit Florian Vetter.
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derStandard.at: Polizeipräsident Pürstl sagt, dass es in Wien im Vorjahr 30 Einbrüche in Wohnhäuser pro Tag gegeben hätte, derzeit seien es nur mehr sechs bis sieben täglich. Wirkt sich das auf ihre Auftragszahlen aus?
Georg Senft: Das merken wir nicht wirklich. Vielleicht noch am ehesten, wenn sich eine Bande in einem Grätzel bewegt. Wir müssen uns auf die Zahlen der Polizei verlassen. Was die Einbrüche betrifft, hätte ich mir eine größere Zahl vorgestellt. Es ist aber eine fast schon perverse Rechnung: Bei knapp zwei Millionen Einwohnern klingt es fast so als ob 30 Einbrüche gar nicht viel wären.
derStandard.at: Fast ein Drittel der versicherten Österreicher verzichtet auf einen speziellen Schutz des Hauses. Ein Fehler?
Senft: Ganz sicher. Grundsätzlich ist das Thema Prävention eines der wichtigsten in diesem Zusammenhang. Da ist in der Vergangenheit in den Köpfen der Leute schon viel passiert. Die letzen, die im Sicherheitsbereich noch nicht investiert haben, warten darauf, bis etwas passiert.
derStandard.at: In Einfamilienhäuser kommen laut Kriminalstatistik nur 14 Prozent der Einbrecher durch die Vordertür - der Rest über die Terrasse oder durch ein Fenster. Was bringt da ein bombensicherer Eingangsbereich?
Senft: Gerade bei einem Einfamilienhaus sollte man ein gesamtes Sicherheitskonzept erstellen. Einbrecher suchen sich klarerweise den schwächsten Punkt des Systems, wo sie eindringen können. Es gibt aber eine Unmenge an Maßnahmen: Fensterzusatzverriegelungen, Alarmmelder. Folien, die auf das Glas aufgebracht werden. Der erste Anblick für den Einbrecher ist jedoch meist die Eingangstüre.
derStandard.at: Was kosten gängige Präventionsmaßnahmen?
Senft: Ein wichtiger Schutz im Eingangsbereich nach dem Hauptschloss ist das Balkenschloss, das quer oder längs über die Türe gezogen wird. Die Nachrüstung kostet etwa siebenhundert bis tausend Euro. Der nächste Schritt wäre dann eine Sicherheitstür, da beginnt das Angebot bei zweieinnhalb- bis dreitausend Euro. Das ist aber nur der mechanische Schutz, optimal wäre das in Verbindung mit einer Alarmanlage. Diese Sicherheitsmaßnahmen spielen zusammen. Umgekehrt hilft auch die beste Alarmanlage nichts, wenn man eine Pappendeckel-Tür hat. Der Einbrecher sollte ja zuerst am Eindringen gehindert werden, bevor Hilfe kommt.
derStandard.at: Das KEO prüft Qualitätsstandards: Ist das wie bei der Doping-Jagd im Sport, wo die Bösen den Guten immer ein paar Schritte voraus sind?
Senft: Die Formulierung ist nicht ganz unrichtig. Die Einbrecher sind den Sicherheitsstandards oft einen Schritt voraus, weil sie ja die Schwachpunkte im System finden müssen. Also kann man das schon so im Raum stehen lassen.
derStandard.at: Gibt es also ein "Wettrüsten"?
Senft: Das ist spitz ausgedrückt. Schlosser, Techniker und Sicherheitsfirmen überprüfen die Systeme und lernen daraus. Dabei kommen auch immer wieder althergebrachte Einbruchsmethoden auf, die davor schon Jahre vom Markt verschwunden waren. Die Industrie rüstet aber natürlich nach.
derStandard.at: Die Polizei warnt neuerdings wieder vor "Gaunerzinken", die anzeigen, wo sich ein Einbruch lohnt.
Senft: Diese Kritzeleien gibt es, aber ob das umgreifend ist und Gewicht hat, weiß ich nicht. Das ist schwer zu sagen.
derStandard.at: Was halten Sie vom Vorschlag der Wiener ÖVP-Chefin Christine Marek, die Militärpolizei zum Hilfseinsatz zu bringen?
Senft: Das ist sicher eine gute Idee. Je stärker die Präsenz der Exekutive, desto besser für die Sicherheit. Jeder Einbruch geht zu Lasten der Bevölkerung. Und jegliche präventive Maßnahme, die hilft, die Banden zu vertreiben, sollte ergriffen werden. (vet, derStandard.at, 8.8.2010)