Historiker Berger über Geldtransfers der DDR im Bergarbeiterstreik 1984/85 und vom Kommunismus angetane Linke in Großbritannien
Es klingt wie ein Agententhriller in bester Kalter Kriegs-Manier: Einige Personen kommen während des großen Bergarbeiterstreiks in Großbritannien 1984/85 aus Frankreich nach Ostberlin. Dort werden ihnen 1,4 Millionen britische Pfund in bar übergeben. In Geldgürteln versteckt sollen die Kuriere das Geld über Frankreich und den Ärmelkanal nach Großbritannien bringen - als Unterstützung für die Berarbeitergewerkschaft in ihrem Streik, dessen letztendliches Scheitern die britische Gesellschaft und Politik bis heute prägen sollte.
Doch es sind keine Agenten, die hier in geheimer Mission unterwegs sind, sondern Funktionäre des Confédération générale du travail (CGT), des Gewerkschaftsbunds der französischen Kommunistischen Partei. Das Geld kommt aus dem Weltgewerkschaftsbund und damit von kommunistischen Gewerkschaften aus allen sozialistischen Ländern. Die DDR koordiniert den Transfer. Es soll der britischen Bergarbeitergewerkschaft - der die konservative Regierung unter Margaret Thatcher die Konten gesperrt hat, um sie zur Aufgabe zu zwingen - helfen, ihren Streik aufrecht zu halten.
Der an der University of Manchester forschende deutsche Historiker Stefan Berger hat in einem Buch ("Friendly
Enemies - Britain and the GDR, 1949-1990", Berghahn Books 2010) erstmals Belege für die streng geheim gehaltene Aktion präsentiert. Zehn Jahre lang forschten er und sein Kollege Norman LaPorte zu den Verflechtungen Großbritanniens mit der DDR während des Kalten Krieges - unter anderen im deutschen Staatsarchiv und in den Dokumenten von DDR-Massenorganisationen wie dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB), unter denen er die Belege für den Geldtransfer fand.
Neue Ostpolitik antizipiert
Berger sei überrascht gewesen, wie vielfältig die Kontakte zwischen den Gegnern im Kalten Krieg waren "und vor allem wie positiv die DDR in Großbritannien zum Teil wahrgenommen
wurde". Im Gespräch mit derStandard.at erklärt er, warum innerhalb von Großbritanniens Linke kommunistische Ideen salonfähiger waren als in anderen westeuropäischen Ländern - und kritisiert die britischen Linken für ihre "Blauäugigkeit" im Umgang mit den Schwächen des real existierenden Sozialismus.
Den Umgang der britischen Linken mit der DDR möchte er
auch als Warnung an die heutigen linken Parteien verstanden wissen,
"sich mit dem politischen Prozess auseinander zu setzen und den
politischen Prozess ernster zu nehmen, als sie das in den
langen Jahren des Kalten Krieges getan haben". Denn mit dem Argument "sie haben den Kapitalismus abgeschafft" habe die Linke beide Augen zugedrückt vor den offensichtlichen Menschenrechtsverletzungen in den sozialistischen Staaten.
Auf der anderen Seite seien es britische Labour-Politiker und ihre intensiven Kontakte mit der DDR gewesen, die die Neue Ostpolitik des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt schon Jahre zuvor antizipierten. Inwieweit sie tatsächlich Einfluss auf den Umschwung der westdeutschen Politik gegenüber der DDR nahmen, kann Berger aber nicht abschließend bewerten. Das "Trauma" des gescheiterten Bergarbeiterstreiks habe schließlich seinen Teil dazu beigetragen, dass sich die Labour-Party verändert habe hin zu einer Partei der "postsozialdemokratischen Sozialdemokratie".
Trotz der Geldlieferungen aus dem Osten scheiterte der Bergarbeiterstreik in Großbritannien 1985. Vor allem deshalb, weil dem Staat die Kohle trotz umfassender Bestreikung der Zechen nicht ausging. Unterstützt wurde die Thatcher-Regierung dabei ausgerechnet von der DDR. Die exportierte gleichzeitig mit dem Bargeld für die Bergarbeiter heimische Braunkohle nach Großbritannien, um an dringend benötigte Devisen zu gelangen - und fiel damit den Genossen auf der Insel in den Rücken. "Es war der zynische Versuch, mit der rechten Hand hereinzuholen, was man
mit der linken gegeben hatte", sagt Berger.
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derStandard.at: In Ihrem Buch dokumentieren Sie, dass die DDR den Bergarbeiterstreik in Großbritannien finanziell unterstützt hat. Wie ist das abgelaufen?
Stefan Berger: Über französische Mittelsleute von der CGT. Die CGT-Funktionäre sind nach Ostberlin gefahren, haben sich dort das Geld abgeholt und es dann versteckt in Geldgürteln nach Großbritannien gebracht. Anders hätte das auch gar nicht funktioniert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es im Kalten Krieg so einfach gewesen wäre mittels IBAN oder was auch immer, Geld von Ostdeutschland nach Großbritannien zu überweisen. Solche Art von Kurierdienst war wohl die einzige Art, wie man das machen konnte.
derStandard.at: War die Erkenntnis, dass die DDR die Bergarbeiter finanziell unterstützt hat, für Sie eine Überraschung?
Berger: Ja und nein. Es gab ja schon zur Zeit des Bergarbeiterstreiks in Großbritannien die Anschuldigung an die NUM (National Union of Mineworkers, Anm.), von den kommunistischen Staaten Osteuropas finanziert zu werden. Von daher kam das nicht so überraschend, war es doch nur die Bestätigung dessen, was damals schon geschrieben wurde.
Erstaunlicher fand ich, dass das hier jetzt noch einmal so viel Aufmerksamkeit erregt hat.
Diese Geschichte ist ja von der Daily Mail über die Sunday Times in sehr vielen Zeitungen des Landes noch einmal berichtet worden. Das fand ich erstaunlich, hat es mir doch gezeigt, wie sehr dieser Bergarbeiterstreik noch immer im kollektiven Gedächtnis der Briten verankert ist. Das ist schon eine Art Trauma, was immer wieder und immer noch verarbeitet werden will.
derStandard.at: Es gab ja auch offizielle Hilfen der kommunistischen Länder für die britischen Bergarbeiter. Warum hat man die Geldzahlungen geheim gehalten?
Berger: Es gab bestimmte Sachen, die nicht geheim gehalten wurden. Dazu gehörte vor allem das Angebot an die Familien der Bergarbeiter, in der DDR oder anderen Ländern Urlaube zu verbringen. Daneben gab es auch Lieferungen von Lebensmitteln, Kleidung, Kinderspielzeug, die von Rostock aus nach Großbritannien gingen.
Nur die Barzahlungen wurden geheim gehalten. Man muss sich dabei zu Bewusstsein bringen, dass die damalige britische Regierung die Konten der Bergarbeitergewerkschaft eingefroren hatte, wodurch die Bergarbeiter keinen Zugang zu ihren eigenen Geldern hatten. Die Maßnahmen waren ohne Frage rigoros und nicht zuletzt deshalb sprach man in Großbritannien zumindest auf der linken Seite von einem "class war from above".
Es war schon eine Art Klassenkrieg und eine Klassenkriegsstimmung, nach allem was man davon heute weiß. Mit der Folge, dass gerade diese Geldzahlungen geheim bleiben mussten.
derStandard.at: Die damalige Premierministerin Margaret Thatcher hat von den Gewerkschaften als den "Feind im Innern" gesprochen und immer wieder versucht, sie als undemokratisch und kommunistisch unterwandert darzustellen. Was hätte es denn bedeutet, wenn schon damals direkte Beweise für diese Zahlungen aus den kommunistischen Ländern aufgetaucht wären?
Berger: Das wäre natürlich Wasser auf die Mühlen der Konservativen gewesen. Und auch heute ist es ja so, dass wir für diese Seite unserer Forschung Beifall vor allem von der politischen Rechten bekommen. Die sagen, dass es nur das bestätige, was sie ja schon immer wussten, nämlich, dass es sich bei den Bergarbeitern um staatsfeindliche kommunistische Kräfte gehandelt habe, der Feind im Inneren sozusagen. Aber das trifft meiner Meinung nach mitnichten zu.
Zwar gab es in der Bergarbeitergewerkschaft wichtige Funktionäre, die entweder Mitglieder der Kommunistischen Partei (Communist Party of Great Britain, Anm.) oder wie der damalige Führer der Gewerkschaft, Arthur Scargill, sehr prosowjetisch waren.
Scargill ließ keine Gelegenheit aus, deutlich zu machen, dass er in diesen kommunistischen Ländern ein Modell sah.
Er war regelmäßig auf Radio Moskau zu hören und gab da die wildesten Dinge zu Protokoll: Dass die Solidarność in Polen nur ein Instrument der CIA sei und ähnliche Geschichten. Von daher ist es eine Frage, dass es in der Gewerkschaft eine Art prokommunistischen und prosowjetischen Kern gab und sie von Scargill auch nicht demokratisch geführt wurde. Auch das ist denke ich richtig.
Dennoch streikten die Bergarbeiter nicht aus Sympathien mit dem Kommunismus oder um den demokratischen Staat in Grossbritannien zu unterminieren, sondern vor allem, um ihre Arbeitsplätze und ihren "way of life" zu erhalten. Es war ein tragisches Aufbäumen gegen das von der konservativen Regierung radikal forcierte Zechensterben.
derStandard.at: Wie wichtig war die Unterstützung der kommunistischen Staaten für den Bergarbeiterstreik?
Berger: Ich denke, dass sie letztendlich dazu beigetragen haben, dass der Bergarbeiterstreik etwas länger lief, als er sonst hätte laufen können. Wobei ich nicht glaube, dass es die Möglichkeit gegeben hätte, einen anderen Ausgang zu bewirken. Der Bergarbeiterstreik ging verloren und auch mit noch mehr Geld hätte man das wohl nicht verhindern können.
Nicht zuletzt auch deshalb, weil die britische Regierung - wie man heute weiß - sehr gut vorbereitet war. Es gab riesige Vorräte an Kohle, es war ein bewusster Versuch, die Bergarbeitergewerkschaft als eine der mächtigsten Gewerkschaften des Landes zu zerschlagen. Was ja auch gelungen ist.
derStandard.at: Neben der Unterstützung der Bergarbeiter, hat die DDR zur Zeit des Bergarbeiterstreiks auch Kohle nach Großbritannien exportiert, was dem Ziel der Bargeldtransfers doch ziemlich widersprach. Ging es dabei darum, an dringend benötigte Devisen heranzukommen?
Berger: Das ist in meinen Augen eindeutig so gewesen: Es war der zynische Versuch, mit der rechten Hand hereinzuholen, was man mit der linken gegeben hat. Es ging der DDR und den kommunistischen Regierungen in Osteuropa nicht darum, die Regierung in London zu stürzen oder die Revolution herbeizuführen. Die Dokumente belegen eher, dass man die Freunde in Großbritannien, die Sympathien für die kommunistischen Systeme hegten, gegenüber denjenigen stärken wollte, die dem real existierenden Sozialismus kritisch gegenüber standen.
In der kommunistischen Partei Großbritanniens gab es gerade in den Achtzigerjahren wilde Auseinandersetzungen zwischen den Eurokommunisten und orthodoxen Kommunisten. Die DDR unterstütze wo es nur ging die orthodoxen Kommunisten und die saßen bei der britischen Kommunistischen Partei vor allem in den Gewerkschaften.
derStandard.at: Wo kann man die damalige Bergarbeitergewerkschaft denn innerhalb der linken Bewegung verorten? War sie der kommunistische Rand?
Berger: Auf der einen Seite galten die Bergarbeiter und ihre Gewerkschaft schon als zentraler Bestandteil der Linken. Auf der anderen Seite gab es gerade von der damaligen Labour-Führung sehr starke Versuche, sich von Arthur Scargill und der Leitung der Bergarbeitergewerkschaft abzusetzen. Man versuchte den Spagat zwischen Solidarität mit den Bergarbeitern und gleichzeitig Kritik an der Führung der Bergarbeiter.
Die interne Wahrnehmung der Bergarbeiter in Großbritannien, war nicht so sehr davon geprägt, dass wichtige Führer der Gewerkschaft Kommunisten waren. Das ist auch eine gewisse Besonderheit der britischen Arbeiterbewegung: Innerhalb der Labour-Party gab es zwar seit den zwanziger Jahren ein Verbot der Doppelmitgliedschaft. Man konnte nicht gleichzeitig bei Labour und den Kommunisten sein.
Dennoch gab es - gerade im Vergleich zur Bundesrepublik und zu Frankreich - innerhalb der Arbeiterbewegung das weitverbreitete Gefühl, dass die Kommunisten auch irgendwie zur Arbeiterbewegung gehörten. Kommunistische Funktionäre wie Arthur Horner oder Mick McGaehey in Schottland sind Führer von Gewerkschaften geworden, nicht weil sie Kommunisten waren, sondern weil sie sich als gute Gewerkschafter profiliert hatten. Es wurde ihnen quasi nachgesehen, dass sie Kommunisten waren.
Es gab sehr viel stärker dieses Gefühl der Einheit der Arbeiterbewegung. Was auch daran lag, dass die kommunistische Bewegung in Großbritannien viel kleiner war und nie die Bedeutung hatte, wie in Deutschland in der Zwischenkriegszeit oder in Frankreich und Italien auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch. Von daher war es hier nie so ein großes Problem. Das führte dann zu der eigenartigen Situation, dass in den britischen Gewerkschaften - die insgesamt natürlich nicht kommunistisch ausgerichtet waren - wichtige Funktionen von Kommunisten besetzt wurden.
Auf der nächsten Seite: Die Niederschlagung des Streiks als Trauma für Labour und das positive DDR-Bild der Briten.

Stefan Berger ist Professor für Neuere Deutsche und vergleichende Europäische Geschichte an der University of Manchester in Großbritannien.