Die Nato-Koalition in Afghanistan unterhält die "Taskforce 373", die Gegner inhaftieren oder töten soll - geheime Dokumente zeigen erschreckende Details
Auf einer "Kill-or-Capture"-Liste stehen mehr als 2000 Feinde. Aufgabe der "Taskforce 373" ist es, auf diese ranghohen Mitglieder der Taliban und al-Qaida Jagd zu machen, wie die britische Zeitung "The Guardian" auf ihrer Webseite in einem ausführlichen Bericht offenlegt, der auf der Publikation von mehr als 91'000 teils geheimen Dokumenten auf der Website "Wikileaks" basiert. Die Kommando-Aktionen der Truppe fanden demnach statt, ohne dass je ein Gerichtsverfahren dazu durchgeführt wurde.
Die Informationen stammen aus den mehr als 90'000 Geheimdokumenten aus dem Web, die dem "Spiegel", der "New York Times" und dem "Guardian" zugespielt wurden. Sie geben Details über die Vorgehensweise der Taskforce und ähnlicher Einheiten preis - nicht nur bei zahlreichen Verhaftungen, sondern auch bei gezielten Tötungen.
Laut "Guardian" werfen sie grundsätzliche Fragen über die Rechtmäßigkeit des gesamten Vorgehens der Koalitionstruppen in Afghanistan auf - und zeigen auch die verheerenden Folgen einer Taktik, die unschuldige Beobachter von der Koalition entfremdet, obwohl die kriegsführenden Nationen dringend auf ihre Unterstützung angewiesen sind.
Montag, 11. Juni 2007: Sieben Todesopfer
In der Nacht vom 11. Juni 2007 unternahm die Taskforce 373 (TF 373) gemeinsam mit afghanischen Sondereinheiten den Versuch, den Taliban-Kommandanten Quarl Ur-Rahman zu fassen oder umzubringen. Als die Truppen in einem Tal nahe Jalalabads ankamen, wo er vermutet wurde, richtete jemand eine Taschenlampe auf sie. Es kam zu einem Feuergefecht, bis die Taskforce schließlich ein Kampfflugzeug vom Typ AC-130 anforderte, der die Gegend unter Beschuss nahm.
In den geheimen Aufzeichnungen heißt es laut dem "Guardian" dazu: "Die ursprüngliche Mission wurde abgebrochen und TF 373 kehrte zu ihrer Basis zurück." Der nachfolgende Report: "7 x ANP KIA, 4 x WIA." Im Klartext: Die Truppen entdeckten, dass die Menschen, auf die sie geschossen hatten, afghanische Polizisten waren. Sieben von ihnen starben; vier wurden verwundet.
In einer Pressemitteilung der Afghanistan-Koalition war später nichts davon zu lesen, dass TF 373 an der Aktion beteiligt war - und ebenso wenig von den unschuldigen Opfern. Doch um sich offenbar gegen ein Durchsickern der Wahrheit abzusichern, heißt es in der Mitteilung weiter: "Während des Kampfes deutete nichts darauf hin", dass die "gegnerischen" Kräfte auf der eigenen Seite gewesen seien.
Medienmanipulation und Schmerzensgeld
Die wichtigen Kontakte zur Bevölkerung und zu lokalen Anführern gerieten durch die Tötungen in Gefahr. Um die aufgebrachten Einwohner der Gegend zu beschwichtigen, suchte der Leiter des lokalen Wiederaufbau-Teams, Leutnant Gordon Phillips, am nächsten Tag den Gouverneur Gul Agha Sherzai auf. Der Stammesführer akzeptierte laut dem Bericht, dass es sich um einen unglücklichen Vorfall "unter Freunden" gehandelt habe - und er akzeptierte auch die finanzielle Entschädigung für die trauernden Familien.
Der Fall von Jalalabad ist nicht der einzige. Hunderte Kilometer weiter südlich in der Provinz Paktika fahndete die TF 373 wenige Monate später nach dem berüchtigten libyschen Kämpfer Abu Laith al-Libi, wie der "Guardian" weiter berichtet. Als Bewaffnung hatten die Soldaten nicht nur die übliche Ausrüstung bei sich, sondern auch einen Raketenwerfer auf einem Kleinlaster, der mit sechs scharfen Waffen bestückt war.
Laut dem Plan wollten die Mitglieder der Taskforce fünf Raketen auf Ziele in der Ortschaft Nangar abfeuern, wo sie Libi vermuteten. Das Resultat der Aktion: Er wurde nicht gestellt, doch sechs Taliban-Kämpfer starben. Und als die Truppe zu den Schuttresten einer getroffenen Moschee kam, fand sie Anzeichen für "7 x NC KIA" - also sieben unbeteiligte Menschen, die bei den Kämpfen gestorben waren.
Der Rest führt gezielt in die Irre
Es waren sieben Kinder. Immerhin gestand die folgende Pressemitteilung der Afghanistan-Koalition ihren Tod ein. Freilich hätten die Truppen einen Überblick über das Gelände gehabt und keine Anzeichen dafür gesehen, dass Kinder in diesem Gebäude gewesen seien, hieß es weiter. Zudem wurde laut dem Zeitungsbericht behauptet, in dem Gebäude verschanzte Taliban hätten die Kinder als Schutzschild missbraucht.
Der Rest der Pressemitteilung führte freilich in die Irre. Statt die Jagd auf Libi und ihr Scheitern auch nur anzudeuten, hieß es, dass Gelände sei wegen "schändlicher Aktivitäten" angegriffen worden. Verschwiegen wurde außerdem, dass die TF 373 fünf Raketen auf die Moschee und andere Gebäude geschossen hatte, ohne angegriffen worden zu sein.
Kein Wort - auch zu ausländischen Alliierten
Auch dieses Mal gezielte Fehlinformation also, wie der "Guardian" weiter schreibt - mit dem Ziel, zu verschleiern, dass es sich um eine Tötungsmission handelte und keineswegs um den Versuch einer Gefangennahme. Der interne Report zu dem Vorfall wurde laut dem Bericht nicht nur als "secret" klassifiziert, sondern auch mit dem Wort "Noforn" (No foreigners) gekennzeichnet - als Hinweis, dass auch ausländische Teilnehmer der Koalition davon nichts erfahren durften.
Wieder musste der afghanische Provinzgouverneur die Bevölkerung beschwichtigen und dafür sorgen, dass eine Entschädigung gezahlt wurde. Der Libyer Libi blieb weiterhin auf der Liste derjenigen Feinde, die zu töten seien. Sieben Monate später wurde Libi in Pakistan getötet - von einer Rakete, die eine unbemannte CIA-Drohne abgefeuert hatte.
Rabiate Einsätze mit unschuldigen Todesopfern
Die geheimen Aufzeichnungen geben laut den Presseberichten Details über zahlreiche weitere Tötungskommandos preis - und auch über den Umgang mit zivilen Todesopfern und Verletzten, als TF 373 unverdrossen weiter nach Feinden fahndete.
Im Oktober 2007 attackierte die Taskforce Taliban-Truppen im Dorf Laswanday, nur sechs Meilen von dem Ort entfernt, wo die sieben Kinder gestorben waren. Als die Sondereinheit Unterstützung von Kampfjets mit schweren Bomben anforderte, zogen sich die Taliban scheinbar aus dem Haus zurück, aus dem sie gefeuert hatten.
Schuldzuweisungen gegen afghanische Zivilisten
Die Aufzeichnungen enthalten laut dem "Guardian" gegen Ende eine Liste, die den Erfolg der Aktion zusammenfasste: "12 US-Soldaten verletzt, zwei weibliche Teenager und ein 10-jähriger Junge verletzt, ein Mädchen getötet, eine Frau getötet, vier Zivilisten getötet, eine Esel getötet, ein Hund getötet, mehrere Hühner getötet." Aber, so heißt es weiter: "Kein Feind getötet, kein Feind verletzt, kein Feind festgenommen."
Im Nachgang wurden die Einwohner der Ortschaft beschuldigt, sie hätten den blutigen Ereignissen mit ihrem Verhalten Vorschub geleistet. Die Schuld, so hieß es von offizieller Seite bei einem Besuch, liege bei den Einwohnern, die den Aufständischen und ihren Aktivitäten keinen Widerstand entgegengebracht hätten.
Seriennummern für alle Gesuchten
Diese und andere Angriffe wurden laut den Medienberichten vom Afghanistan-Kommando nicht nur gebilligt, sondern sogar gefordert. Im Oktober 2009 umfasst die "Kill-or-Capture"-Liste 2058 Menschen, die jeweils mit einer eigenen "Seriennummer" gekennzeichnet waren. Dass Personen als Ziel ausgewählt werden, ist laut "Guardian" offizieller Teil der Kriegstaktik, die auch im entsprechenden Handbuch der US-Armee nachzulesen sei.
Doch wie und von wem werden diese "Ziele" definiert? Von einer Arbeitsgruppe, so schreibt die Zeitung weiter, die sich allwöchentlich treffe, um über "Nominationen" zu beraten. Dieser Input wiederum komme sowohl von der Kommando-Ebene als auch von Anwälten und von Aufklärungseinheiten - inklusive der CIA.
Das "Guantánamo" von Afghanistan?
Neben den zahlreichen Beispielen von gezielten Tötungen berichtet der "Guardian" auch von tausenden Verhaftungen. Zahlreiche Quellen in den geheimen Aufzeichnungen zeigten, dass gesuchte Feinde in ein Spezialgefängnis verfrachtet worden seien: das Bagram Theatre Internment Facility (Btif).
Es gibt laut dem Bericht keine Hinweise darauf, dass dort jemals eine Anklage erhoben worden ist - und frühere Presseberichte legten nahe, dass Männer ohne Rechtssprechung über mehrere Jahre in Käfigen in alten, riesigen Flugzeug-Hangars interniert waren und sind. Angeblicher Stand im Dezember 2009: 4288 Gefangene.
Hinweise auf Basen und Truppenherkunft
Aus der Analyse der geheimen Aufzeichnungen geht laut dem Zeitungsbericht weiter hervor, dass die Taskforce 373 von mindestens drei Basen in Afghanistan aus operiert: Kabul, Kandahar und Khost. Scheinbar rekrutiere die TF 373 seine Soldaten aus den US-Truppen der 7th Special Forces Group in Fort Bragg im Bundesstaat North Carolina.
Für ihre Missionen benutzen die Soldaten laut dem "Guardian" offenbar Chinook- und Cobra-Helikopter, gesteuert von Piloten des 160. Special Operations Aviation Regiment, das im Bundesstaat Georgia stationiert ist. (Norbert Raabe/Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)