Staat müsse "Hausaufgaben zügig erledigen, sonst kommen sie nicht zu uns", meint Wirtschaftsforscherin Gudrun Biffl
Nicht nur mehr Zuwanderer, sondern vor allem andere: Das wünschten sich jene Stimmen aus Bundesregierung und Industriellenvereinigung, die sich in den letzten Tagen zu Wort meldeten. Besser ausgebildet sollten sie sein, die AusländerInnen der Zukunft - und die sogenannte „Rot-Weiß-Rot"-Card solle dafür sorgen.
Das sei unrealistisch, sagt Wirtschaftsforscherin Gudrun Biffl von der Donauuniversität Krems: „Der Großteil der Zuwanderung ist nicht kontrollierbar", so Biffl. Ein Zahlenbeispiel: Von den rund 108.000 Zugewanderten im Vorjahr unterlagen nur rund 8000 Menschen einer gesetzlichen Steuerung. Der Rest waren EU-BürgerInnen, die sich frei niederlassen können, und zu kleineren Anteilen Studierende oder Asylberechtigte. Sieht man von den SaisonhelferInnen ab, bleiben dem Gesetzgeber nur noch der Familiennachzug, der jedoch wegen europarechtlicher Bestimmungen nur bedingt eingeschränkt werden darf, und eben die Schlüsselkräfte-Quote. Bei diesen Hochqualifizierten will die Regierung nun ansetzen und mehr dringend benötigte Fachkräfte ins Land holen.
Ohne Kinderkrippe kein Superhirn
Doch auch hier warnt Biffl vor überzogenen Erwartungen: Fachkräfte suchten sich genau aus, wohin sie gehen. Nur dort, wo ihre Zeugnisse anerkannt werden, wo es flexible Kinderbetreuung gibt, wo sie auch als QuereinsteigerInnen schnell aufsteigen können, ziehe es die High Potentials hin. „Österreich hat hier viel nachzuholen", sagt Biffl. „Der Staat muss seine Hausaufgaben zügig machen - sonst kommen sie nicht zu uns. " Selbst, wenn Hochqualifizierte einmal im Land sind, müsse man Bedingungen schaffen, damit sie auch bleiben: „Schlüsselkräfte sind extrem mobil. "
Prinzipiell sei das Bestreben, mehr gut qualifzierte Kräfte anzuwerben, sinnvoll, „es geht da aber weniger um Akademiker, sondern um Fachkräfte mit Maturabschluss aufwärts". Zu glauben, den Fachkräftemangel nur mit Zugewanderten sanieren zu können, hält Biffl für unrealistisch: Es seien eher ältere Fachkräfte, die zuwanderten. Die Wirtschaft brauche aber junge AbsolventInnen, speziell in den technischen Berufen. Jene Zugewanderten, die an heimischen Unis ein technisches Studium absolvieren, dürfen danach aber nicht hier arbeiten. „Wir schicken sie weg, nachdem wir sie ausgebildet haben", kritisiert Biffl.
"Ausbilden statt Reinholen!"
In der Regierung macht die ÖVP indes weiter Druck auf Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ): „Wir begrüßen das klare Bekenntnis des Sozialministers zur Rot-Weiß-Rot-Card", ließ VP-Generalsekretär Fritz Kaltenegger am Dienstag verlauten. „Den freundlichen Worten müssen nun Taten folgen." Kalteneggers Sprecherin relativierte am Dienstag Stellungnahmen, wonach die Sozialpartnerschaft bestimmen dürfe, wie viele Schlüsselkräfte ins Land kommen. "Das legt immer noch die Regierung fest, die Sozialpartnerschaft bestimmt nur die Kriterien." Arbeiterkammer-Chef Herbert Tumpel scheint das anders zu sehen: Er hat für Mittwoch eine Pressekonferenz einberufen. Deren Titel: „Fachkräfte - Ausbilden statt Reinholen!" (Maria Sterkl, derStandard.at, 27.7.2010)