"Die Hieroglyphen-Schrift ist veraltet - genau wie die Datenformate von vor zwanzig Jahren"

  • ROSS KING leitet die Forschungsgruppe "Digital Memory Engineering" im Safety & Security Department des Austrian Institute of Technology (AIT) in Wien. Das AIT ist Gründungsmitglied der im Mai 2010 ins Leben gerufenen "Open Planets Foundation", eine internationale Forschungsinitiative, die an der Langzeiterhaltung von digital gespeicherten Daten arbeitet.
    foto: ait/krischanz und zeiller

    ROSS KING leitet die Forschungsgruppe "Digital Memory Engineering" im Safety & Security Department des Austrian Institute of Technology (AIT) in Wien. Das AIT ist Gründungsmitglied der im Mai 2010 ins Leben gerufenen "Open Planets Foundation", eine internationale Forschungsinitiative, die an der Langzeiterhaltung von digital gespeicherten Daten arbeitet.

Ross King vom Austrian Institute of Technology über den Verlust von digitaler Information - warum dieser gefährlich sein kann und wie man ihn verhindern will

Die Welt produziert mehr und mehr digitale Daten, die aber nicht auf ewig gespeichert werden können. Und wenn doch, ergeben sich daraus weitere Probleme: Mit welcher Hardware wird man etwa in 100 Jahren heute gespeicherte Daten noch lesen können? Und wer wird sie verstehen? "Dauerhaft speichern zu können bedeutet nicht auch ewig auf das Wissen zugreifen zu können, das man gespeichert hat", sagt der Wissenschafter Ross King vom Austrian Institute of Technology" (AIT). Das ist aber wichtig: Etwa, wenn es um Informationen über die Stillegung von Kernkraftwerken geht.

Wie man diese und weitere Herausforderungen in Zukunft meistern könnte, erklärt Ross King im Interview mit derStandard.at.

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derStandard.at: Private Fotos, Videos, Dokumente sind heutzutage vielerorts auf Discs, USB-Sticks oder Festplatten gespeichert. Ein Blick in die Zukunft: Was wird davon in zehn Jahren noch erhalten sein?

Ross King: Ein signifikanter Anteil von auf CD- oder DVD-ROMs gespeicherten Daten wird in zehn Jahren nicht mehr lesbar sein - der Farbstoff auf der Oberfläche dieser Medien verblasst mit der Zeit. Manche Festplatten werden durch mechanische Fehler nicht mehr in Betrieb zu nehmen sein. Flash Memory, wie in USB-Sticks oder die SSD-Karten in Digitalkameras, kann sehr wohl ihre Datenintegrität zehn Jahre oder länger behalten - das hängt jedoch stark davon ab, wie oft diese Medien beschrieben worden sind.

derStandard.at: Welche Art der elektronischen Datenspeicherung, die für Private zugänglich ist, hält am längsten?

Ross King: Es gibt eine neue Art von DVD-Brenner - www.milleniata.com - der Daten auf ein sehr stabiles Medium brennt. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Daten relativ lange erhalten bleiben können - mehrere hunderte Jahre vielleicht. Aber derartige Technik löst nicht das Grundproblem. DVD-Formate werden in zwanzig Jahren nicht mehr interessant sein, weil sie zu wenig Speicherkapazität haben. Wo wird man danach Hardware finden, um solche Medien zu lesen? Wer hat heute ein fünf-ein-Viertel Zoll Disketten-Laufwerk in seinem Laptop?

derStandard.at: Wie kommt es eigentlich zum Datenverlust? Warum können Daten nicht ewig gespeichert werden?

Ross King: Es gibt drei Probleme, die in diesem Zusammenhang wichtig sind: Erstens halten Speichermedien nicht ewig. Zweitens ist die notwendige Hardware, um die Medien zu lesen, nicht für immer verfügbar. Drittens werden die Anwendungen, die man braucht um die Information aus den Datenformaten zu verstehen, immer schneller weiter entwickelt.

Daten können durchaus sehr lange gespeichert werden - siehe bei den Ägyptern! Aber die Ägypter haben nur das erste Problem gelöst. Das zweite Problem existiert nicht für Medien, die von Menschen direkt lesbar sind, was ist aber mit dem dritten Problem? Die Hieroglyphen-Schrift ist veraltet - genau wie die Datenformate von vor zwanzig Jahren. Dauerhaft speichern zu können bedeutet nicht auch ewig auf das Wissen zugreifen zu können, das man gespeichert hat.

derStandard.at: Wie sehen die Lösungsansätze für die einfache Datenspeicherung, wie es Private machen, aus?

Ross King: In Rahmen unseres nationalen Forschungsprojektes "Research Studio Digital Memory Engineering" entwickeln wir gemeinsam mit der TU Wien einen Archivierungsprototypen namens "HOPPLA." Diese Anwendung funktioniert ähnlich wie ein Virenschutzprogramm - es holt Information über gefährdete Formate sowie über Schutzmaßnahmen von einem zentralen, vertrauenswürdigen Server, und führt diese Maßnahmen im Hintergrund durch. Mit diesem Ansatz versuchen wir den Archivierungsprozess für den privaten Computernutzer so klar und einfach wie möglich zu halten.

derStandard.at: Viel schwerwiegender - auch aus finanzieller Sicht - ist es, wenn Behörden oder Unternehmen wichtige, gespeicherte Daten verlieren; immer wieder werden "Rettungseinsätze" durchgeführt. Forscher fordern von Unternehmen ein Umdenken hinsichtlich der Datenspeicherung - wie soll dieses aussehen?

Ross King: Zuerst müssen wir in Unternehmen ein Bewusstsein für das Problem schaffen und verschiedene Missverständnisse ausräumen. Dazu gehören vor allem Annahmen wie: "Ich habe eh eine Bandsicherung und habe damit das Problem schon gelöst."

Ein weiterer Aspekt ist, dass Entscheidungsträger Langzeiterhaltung als ein Investitionsprojekt betrachten und sich fragen, was der "Return on Investment" dabei ist. Das ist aber der falsche Ansatz - Langzeiterhaltung muss in die tägliche Arbeit eines Unternehmens integriert werden und die entstehenden laufenden Kosten als eine Art Versicherung verstanden worden.

derStandard.at: Welche Auswirkungen könnte es haben, wenn wichtige Daten von Behörden, Staaten, Unternehmen etc. verloren gingen?

Ross King: Eine der strengsten rechtlichen Regelungen für die Archivierung von Daten in Europa betrifft die Pflege der Daten über die Stilllegung von Kernkraftwerken in Großbritannien. Dort ist der Zeithorizont der Datenerhaltung praktisch unbegrenzt. Es ist klar warum - Informationen über die Lagerung von abgebrannten Brennelementen sind eine Angelegenheit der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit. Es gibt also eindeutig Fälle, in denen fehlende oder nicht lesbare digitale Informationen eine Frage von Leben und Tod werden können.

derStandard.at: Bei Unternehmen und Behörden geht es um weit größere Datenvolumen als bei Privatpersonen. Wie werden große Datenmengen heute gespeichert und wie lange bleiben sie erhalten?

Ross King: Laut einer aktuellen Umfrage müssen Institutionen oft mehrere Terabyte an Daten archivieren. Zusätzlich wird erwartet, dass sich dieses Volumen in den nächsten zehn Jahren um das Fünf- oder Zehnfache erhöhen wird. Sogenannte "Gedächtnisinstitutionen" - zum Beispiel Nationalbibliotheken und Archive - müssen noch weit mehr Daten archivieren. Dies gilt insbesondere für Organisationen wie die Österreichische Nationalbibliothek, die ein rechtliches Mandat zum Sammeln (Harvesten) und Speichern der gesamten nationalen Web-Domäne haben. Wir wissen nicht, wie lange solche Sammlungen erhalten werden können - aber Jahrhunderte wird es nicht sein. Aus diesem Grund sind die Gedächtnisorganisationen auch Vorreiter in der Forschung zur Langzeiterhaltung digitaler Daten.

derStandard.at: Welche Voraussetzungen braucht es, um Daten künftig noch länger und sicherer speichern zu können? Wie weit ist die Forschung in diesem Bereich?

Ross King: Unsere Forschung konzentriert sich auf die Frage wie man sicherstellen kann, dass das, was man gespeichert hat, auch in hundert oder tausend Jahren noch verständlich ist. Nicht nur ob die Bits zu lesen sind, sondern auch ob die Bedeutung dieser Bits noch zugänglich ist. Dieses Forschungsgebiet ist relativ jung, aber es gibt erste Fortschritte: Standards und Best Practices wurden entwickelt und auch bei der Technik hat es Fortschritte gegeben. Es gibt aber noch eine Menge zu tun, ins besondere wenn es um Skalierbarkeit und Automatisierung geht. Diese Punkte sind kritisch angesichts des ständig wachsenden Datenvolumens. (Maria Kapeller, derStandard.at, 4. August 2010)

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