Gesundheitssystem

Griechischer Patient wird zum Streitfall

András Szigetvari, 26. Juli 2010 18:02

Regierung kürzt Gehälter und Pensionen, doch die Bewährungsprobe Gesundheits­system steht Athen erst bevor

Die griechische Regierung hat Gehälter und Pensionen gekürzt, doch die größte Bewährungsprobe steht Athen erst bevor. EU und IWF drängen auf drastische Reformen im Gesundheitssystem. Korruptionsvorwürfe stehen im Raum.

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Wien/Athen - Am Montag haben Kontrolleure des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU-Kommission damit begonnen, die bisherige Umsetzung des griechischen Sparprogramms zu überprüfen. Nur wenn das Team grünes Licht gibt, kann Griechenland im September die nächste Kredittranche von neun Milliarden Euro beziehen.

Dass sich Griechenland so wie Ungarn mit dem IWF zerstreitet, erwartet niemand - Athen braucht das Geld akut, und bisher waren die internationalen Geldgeber auch voller Lob für die griechischen Sparanstrengungen.

Mit einer größeren Ausnahme: Im Gesundheitssektor hat Athen nach Ansicht von EU und IWF bisher wenig vorangebracht, und so werden sich die Gespräche in Athen um Ausgaben für Spitäler und Co drehen. Die EU-Kommission kritisiert dabei generell die "langsamen Fortschritte", während der IWF Mitte Juli die Kosten im Gesundheitssektor sogar als eines der Hauptrisiken für die Einhaltung der internationalen Vorgaben nennt.

Das Problem beginnt schon bei den Zahlen: Dokumente des IWF und der EU legen nahe, dass niemand eine Ahnung davon hat, wie hoch die Schulden im griechischen Gesundheitsystem wirklich sind. Die EU-Kommission beklagt vehement die schlechten Datensätze - so wird die Budgetsituation im Gesundheitssektor nur alle drei bis vier Jahre dem Parlament gemeldet. Der IWF "schätzt" daher auch derzeit nur, dass der Schuldenstand bei 850 Millionen Euro liegt.

Milliardenhohe Fehlbeträge

Doch in Athen geht man tatsächlich von milliardenhohen Fehlbeträgen aus, wie auch der Ökonom Jens Bastian sagt. Ins Bild passt zudem, dass im Juni dutzende Pharmafirmen drohten, ihre Lieferungen einzustellen, wenn Spitäler ihre offenen Rechnungen nicht bezahlen. Die Krankenhäuser verwiesen nur darauf, dass die Regierung ihnen selbst noch rund sieben Milliarden Euro schuldet. Bevor die Situation eskalierte, versprach Griechenlands Finanzminister Giorgos Papakonstantinou, die Rechnungen zu bezahlen.

Doch EU und IWF verlangen von Athen darüber hinaus, im Gesundheitswesen nachhaltig aufzuräumen. Ein großes Thema dabei sind dubiose Vergabemethoden: Brüssel kritisiert, dass bei öffentlichen Ausschreibungen in griechischen Spitälern Anbieter aus dem europäischen Raum regelmäßig diskriminiert werden. Im Juli schrieb die Kommission, dass den "öffentlichen Krankenhäusern möglicherweise nicht das günstigste Preis-Leistungs-Verhältnis geboten wurde, wodurch Steuergelder verschwendet wurden".

Während die EU nicht offen von Korruption bei den bevorzugten Firmen sprach, kamen vergangene Woche schwere Vorwürfe aus Athen. Im Zuge einer parlamentarischen Untersuchung tauchten Vorwürfe gegen Siemens auf: Das deutsche Unternehmen soll in 164 Fällen medizinische Geräte überteuert verkauft haben. Siemens bestreitet dies. Doch es geht nicht nur um die Vergabepolitik. Der IWF verlangt die Modernisierung der Spitalsbuchhaltung. Die Medikamentenverschreibung solle elektronisch erfasst werden.

Und Athen soll in den kommenden sechs Monaten generell die Kosten senken - dabei sind Konflikte programmiert. Die Regierung hat bereits verkündet, dass Spitäler künftig auch am Nachmittag Operationen durchführen sollen. Weil es dafür kein höheres Budget gibt, protestieren bereits die Ärzte. Einen großen Erfolg freilich konnte die Regierung in Athen verbuchen: Durch Verhandlungen mit Pharmafirmen konnte sie den Preis für Medikamente kräftig runterhandeln - laut IWF sogar um bis 20 Prozent für ausgewählte Medikamente. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2010)

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14 Postings
dr.no3
27.07.2010 10:59
die deutsche bank schreibt rekordgewinne

das reicht aber nicht
wenn die gewinne im nächsten jahr nicht übertroffen werden ist die DB gescheitert
kein arbeitsloses einkommen für die aktionäre

deshalb müssen die menschen in griechenland und auf dem gesamten gefängnisplaneten immer mehr ausgepresst werden

Asylwiener
26.07.2010 21:16

wahnsinn, die griechen haben einen schlamassel...
bei uns könnt's sowas NIE geben!
(unbezahlte rechnungen, fehlende daten, intransparente vergaben, diskriminierung von ausländischen bieter, etc)

warp.faktor
26.07.2010 18:48
Wo waren IWF und EU ...

... als Griechenland - noch während der Krise - Milliarden in Rüstungsgüter gesteckt hat?

http://www.heise.de/tp/r4/art... 961/1.html

Sollen sie doch die Griechen zwingen, die Uboote, Panzer und Fregatten zu verkaufen und damit ihre Schulden zu bezahlen.

Wenn Siemens überteuerte Geräte verkauft hat, spricht auch nichts dagegen, Siemens die ergaunerten Summen wieder abzunehmen.

Aber ein Angriff auf die Gesundheitsversorgung der Griechen ist schlicht neoliberaler Terrorismus!

leaping frog
27.07.2010 10:39
sie kapieren wenig.

hier geht es darum die leistung ders gesundheitswesens zu erhöhen und GLEICHZEITIG die kosten zu reduzieren.

mit ihre einstellung unterstützen sie nur die parasiten im gesundheitswesen.

wer wenn nicht er
27.07.2010 09:21
Richtig, es soll ja sogat schon am Nachmittag operiert werden!!

Wo kommen wir denn da hin?
Das kann man einem Arzt doch nicht zumuten.

Und dass man in Griechenland nur behandelt (oder operiert) wird, wenn man davor einen ordentlichen Batzen Schwarzgeld dem Arzt auf den Tisch legt, wollen diese Neoliberalen Terroristen ebenfalls bekämpfen.

Nein wirklich, die sind soooooo gemein...

Parlamentarische Überachung der Kassenbudgets? Terror total.

Im Übrigen: Die Rüstungsausgaben gehören kräftig nach unten geschraubt, ja. In diesem Punkt gebe ich Ihnen vollkommen recht.
Aber die diplomatische Linie Griechenlands gegen ihren "Erzfeind" Türkei wurde bereits geändert, Abrüstungsabkommen beschlossen. Erst JETZT (NACH diesen Schritten) kann (und wird) hier gespart werden.

ÖVP, die abzocker der nation
27.07.2010 08:50
so ein topfen!

und wenn durch korruption millionen an steuergeldern den bach runter gehen, ist das nicht auch irgendeine form von finanziellem terrorismus?

Jo eh...
27.07.2010 01:37

"Aber ein Angriff auf die Gesundheitsversorgung der Griechen ist schlicht neoliberaler Terrorismus!"

Blödsinn. Wenn man aufgrund von Korruption im Gesundheitssystem Millionen (und vermutlich Milliarden) für nichts und wieder nichts rausgehaut hat darf man das ruhig "angreifen".

warp.faktor
27.07.2010 13:58
Als Betroffener würden Sie das garantiert anders sehen!

Jo eh...
27.07.2010 14:16

Definitiv nicht. Ich bin chronisch Kranker und weiß wieviel Geld schon bei uns für nichts rausgehaut wird. In Griechenland bestimmt noch viel mehr.

filos xenos
26.07.2010 20:30
Um die ergaunerten Summen zurückzubekommen

kann man ruhig in Griechenland bleiben, dort sind die spannenerhöhenden Aufschläge sicher als Bestechungsgelder zurück geflossen.

TanteMitzi
26.07.2010 19:01
Phrasendreschen allein hilft nicht

In griechischen Krankenhäusern gab es z.T. keine Buchhaltung.

warp.faktor
26.07.2010 20:19
Ich hab nichts dagegen ...

... das Buchhaltung geführt wird, aber die Konsequenz darf nicht das Sparen am Patienten sein!

Tatsächlich greifen EU und IWF ausschließlich öffentliche Einrichtungen an, um sie zu privatisieren und daraus Unternehmen zu machen, die dann nur noch den Zahlungskräftigen dienen.

Herzerzog Johann
27.07.2010 09:31

Wo ist im Artikel von Privatisierung die Rede?

warp.faktor
27.07.2010 14:04
Das muss nirgens stehen!

Erzwungene Einsparungen bei öffentlichen Dienstleistungen werden häufig benutzt, um Privatisierungen durchzusetzen.

Die neoliberale Propaganda behautet, private Dienstleister würden die Leistungen billiger anbieten, was sich bisher immer als Lüge erwiesen hat.

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