Brigitte Schwaiger 1949–2010

26. Juli 2010, 22:17
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    foto: apa

    Brigitte Schwaiger ist tot.

Tragischer Tod: Der Leichnam der Schriftstellerin trieb bei Wien in der Donau - Schrieb Bestseller "Wie kommt das Salz ins Meer?"

Wien - "Wenn ihr nicht wisst, was ihr rettet, dann rettet es nicht. Es ist nicht euer Leben, es ist unantastbar, mein Leben, für euch, auch wenn ich es zerstören will." Die oberösterreichische Autorin Brigitte Schwaiger ist tot. Ihre Leiche wurde gestern Vormittag in Wien in der Donau treibend aufgefunden. Sie setzte ihrem Leben mit 61 Jahren offenbar ein Ende.

Schwaiger wurde 1949 in Freistadt geboren. In ihrem letzten Buch "Fallen lassen" (2006, Czernin Verlag) schildert sie ihr "Nazi-Elternhaus" und sexuelle Gewalt durch ihren Vater. Sie verliebte sich später in einen spanischen Tierarzt, mit dem sie eine kurze, unglückliche Ehe führte. Wenige Jahre danach erschien ihr erster Roman: "Wie kommt das Salz ins Meer" (1977), ein Bestseller, der sich eine halbe Million Mal verkauft hat. Es ist ein trostloses, lakonisches Buch, in dem die damals 28-Jährige einen tristen Ehealltag im Kleinbürgermilieu beschreibt und die Befreiungsversuche der weiblichen Ich-Erzählerin aus der sie einengenden Welt.

Erst vor wenigen Jahren sagte die Borderlinerin Schwaiger, sie hätte den Schock, über Nacht berühmt geworden zu sein, nicht verwunden: "Ich war doch so jung und so verträumt." Mit ihrem Roman sei sie "zu weit gesprungen", seitdem fühlte sie sich als "Ausgeschlossene". Sie bewunderte Elfriede Jelinek, auch wegen ihrer Stärke. Jelinek habe ihr einmal geschrieben: "Brigitte, sauf nicht so viel! Nimm Psychopharmaka und schreib! Du kannst es."

Und Brigitte Schwaiger schrieb, doch ohne je an den Erfolg ihres Debütromans anknüpfen zu können. Ende der 90er-Jahre war sie "kaputt vom Nachgrübeln über mein unglückliches Leben" und ließ sich, verschuldet und mit schwerem Burnout, freiwillig in die Psychiatrie einweisen.

Lange hörte man nichts von ihr, ehe 2006 ihr schonungsloser Bericht einer jahrzehntelangen psychischen Erkrankung erschien. In "Fallen lassen" thematisierte Schwaiger ihre Depressionen und Suizidversuche. Über sich und ihre Mitpatienten auf der Wiener Baumgartner Höhe schrieb Schwaiger: "Wir sind die letzte Klasse in Österreich, in Europa, die letzte Klasse überall auf der Welt". Als psychisch Kranker fühle man sich wie "der letzte Dreck". Eindringlich ist Schwaigers Beschreibung eines Teufelskreises, der den Erkrankten zwischen Fremd- und Selbstverachtung gefangen hält. Aus diesem Kreislauf konnte sie sich nicht befreien. (Isabella Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2010)

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humbert heller
00
28.7.2010, 21:06

bei ihrer letzten öffentlichen lesung vor ca. zwei jahren in der österr. gesell. für literatur mußte ich an die selbstschilderungen von unica zürn denken.
man ist bestürzt, daß man als außenstehender den fatalen verlauf einer krankheit ahnt und nicht helfen kann.

SO36
02
28.7.2010, 14:37
Die traurige Wahrheit ist wohl

daß auch ihr auf Erden nicht zu helfen war.

Farewell and Goodbye, you sad and beautiful lady.

Und möge deine Leidensreise nun beendet sein.

aperolsprizzz1
30
28.7.2010, 08:02
Warum gehen hier alle wie selbstverständlich

von einem Freitod aus?

Es könnte doch auch ein Unfall gewesen sein.

Nicht?

Jedenfalls alles Gute, Brigitte.
So kommt das Salz ins Meer.

Soaschauer
30
28.7.2010, 03:12

Österreich ist schuld an ihrem Selbstmordschuld? Also ich? Und jeder, der hier postet, dass Österreich an ihrem Selbstmord schuld sei? Die Banalisierungsversuche gehen also weiter. Mein Beileid.

Auch für Brigitte Schwaiger: mein Beileid.

Melodie *
116
27.7.2010, 18:52

Ich mache gerade ein Praktikum in einer Caritas- Einrichtung für psychisch kranke Menschen und beim Verlassen dieser wurde ich von Anrainern beschimpft: ich unterstütze Faulheit, dass sind alles nur Jammerlappen, andere haben es auch schwer und drehen trotzdem nicht durch, Sozialschmarotzer usw.
Brigitte Schwaiger war zumindest meiner Meinung nach keine „schwache“ Frau, wie jetzt oft zu lesen ist. Bei dieser schwierigen Biographie so offen über die persönlichen Leiden und den Leiden so vieler anderer so schonungslos zu berichten, um zur Entstigmatisierung beizutragen, machte sie für mich zu einer starken Frau, die traurigerweise in ihrem Leiden nicht aufgefangen und angenommen wurde.

FSK
100
28.7.2010, 11:36

du sollst nicht lügen!

Rauscher, der Hundefreund
03
29.7.2010, 18:11
Der Pfosten möcht´ich nicht sein,

...gegen den Sie gerannt sind!

denkanstoss1
02
28.7.2010, 10:25

Möchte an Ihren letzten Satz anknüpfen „ … die traurigerweise in ihrem Leiden nicht aufgefangen und angenommen wurde.“, weil er mir so ganz aus der Seele spricht. Mann/Frau
bedenke dazu das Schicksal von Niki de Saint Phalle http://www.fembio.org/biographi... nt-phalle/ und auch die Notwendigkeit von Bar-Ons Gesprächskreis TRT (To Reflect and Trust) zwischen Täter- und Opferkindern, der auch von Martin Bormann junior unterstützt wird.

ValieImport
03
28.7.2010, 07:47

Sehr gute Einstellung, ebenso gute Worte von Ihnen-

doch diese Art der psychischen Krankheit lässt traurigerweise (v.a.mit Verhaltenstherapie) kein inneres Aufgefangen- und Angenommen werden zu.
Lesen Sie doch dazu aus dem Jahr 1980 "Lange Abwesenheit".LG

Sssnake
01
27.7.2010, 18:45
Gut und ewig schade.

Wie kommt das Salz ins Meer? ist eines der bewegendsten Bücher, das ich je gelesen habe. Jetzt geht's ihr vermutlich besser.

manfred nickelmann
12
27.7.2010, 18:14
leben sie wohl

fr. schwaiger!

Linksfahrer sind sichtbarer
41
28.7.2010, 09:41

Im Holzpyjama lebt es sich kaum wohl

mali jan
23
27.7.2010, 17:35
Die österreichische Literatur frißt ihre Kinder,

die Großen und die Kleinen,
die Derben und die Feinen,
Wolfgang Bauer, Werner Schwab,
Brigitte Schwaiger - ab ins Grab.

Regina Bernat
 
01
30.7.2010, 18:42

Ingeborg Bachmann bitte nicht vergessen! Sie flüchtete sich auch weg nach Italien und starb in Rom, weil sie es in A. nicht mehr ausgehalten hat.

baroli
10
30.7.2010, 18:52

Gestorben ist sie aber an Brandverletzungen, weil sie im Bett geraucht hat.
Und sie war immer wieder gern in Österreich.

Regina Bernat
 
00
30.7.2010, 19:01

Das stimmt. Zu dem Brand ist es wohl gekommen, weil sie mit der Zigarette eingeschlafen ist, so müde ist sie gewesen. Böse Zungen lästern, auch durch Alkoholgenuss gefördert. Doch berührt Sucht, Droge, Alkohol denselben Punkt. Nur wird er nicht psychotisch aufgeladen sondern eben verwischt, zugeschmiert.

Harry Y.
 
00
28.7.2010, 17:45

Nicht die Literatur selbst;

sonst würden/hätten sie sich wohl als Landschaftsplaner oder, gezwungenermaßen, "weil es doch für sie besser ist", als Parkpfleger bei der Gemeinde glücklicher und/oder erfüllter gefühlt und betätigt.

Katzegonzo
06
27.7.2010, 20:14
Franz Innerhofer

Nicht zu vergessen Franz Innerhofer der leider ein ähnliches Schicksal (Kindheit als Knecht, der erste Roman mit Abstand erfolgreichste, "Erfolglosigkeit" mit Alkohol betäubt, Selbstmord durch erhängen) hatte. Die Todesnachricht von Brigitte Schwaiger hat mich ähnlich getroffen wie 2002 von Franz Innerhofer. Es ist für mich förmlich die Kälte, Ausweglosigkeit und Verzweiflung zu spüren die diese sensiblen Menschen sich selber töten lässt. Als Kinder wurden Sie missbraucht (sexuell oder als Arbeitssklaven) und konnten diese Aggression, ja Verbrechen an der Menschlichkeit, nicht mehr verarbeiten und sind daran zugrunde gegangen.

Leo Laokoon
07
28.7.2010, 08:07

ja, wenns wieder einmal passiert ist, ist man traurig etc. etc.....
und macht weiter wie bisher. man stößt seinem nächsten den ellenbogen in den magen, man dreht ihn hinunter, man intrigiert fröhlich weiter ....
viele rennen herum mit blutendem herzen, doch niemand merkt es - wie auch, man sieht leider nicht heinein in die menschen, aber ein wenig netter dann und wann - das könnte vielleicht manches verhindern.

BobaFett
01
27.7.2010, 17:22
traurig, mein beileid allen freunden / verwandten!

:(

mandamanda
11
27.7.2010, 16:27
danke frau schwaiger ....

.... und wo immer / wie immer sie sind - das beste ihnen auf ihrem weg

also dann ...
517
27.7.2010, 15:09
die "gesellschaft" (nicht nur im ösi-land) ist verlogen bis zum anschlag : 1 tag nach dem tod eines sturz-besoffenen LH in einem südlichen bundesland ...

sangen die e l i t e - n i e t e n...
lobeshymnen auf den - angeblichen - verlust, bis hin zum martyrertum eines (wie wir alle wissen...) völlig korrupten polit-systems (hypo_kärnten).

beim freitod einer sensiblen künstlerin jedoch,
war bisdato nichts ... von "mitgefühl" zu hören.

ich habe selbst in meinem bek.kreis einen suizid
erlebt und kann nur sagen, dass es alle dimensionen
des mensch-seins ... sprengt !

ich sah den film von frau schwaiger im filmmuseum vor ca. 1 jahr, wo man ihre grübelei (wie sie es nannte) und selbst-ent-wertung (d.die menschen-
unwürdige behandlung ihres ex-gatten in spanien) hautnah "spüren" konnte.

leider (so vermute ich) hatte sie wohl niemanden,
der sie auffangen und befreien konnte.

Michl52
04
27.7.2010, 19:26
In Österreich gibt es im Schnitt an die 5 gelungene Suizide pro Tag

Doch darüber schreibt man nicht, es könnten bei Berichterstattung noch viel mehr werden. [Autozensur on]

also dann ...
11
28.7.2010, 01:51
ja ichj glaube es sind 2-5 x mehr als auf den strassen sterben.

dafür kämpfen wir mit allen mitteln gegen
die taliban-terroristen... die man an ihrer hautfarge + turbanen und dem säbel...erkennen kann.

wir können nur 1 tun :
diesen totalen wahnsinn mit aller kraft und unserer
"spitzen zunge" entgegentreten,
tagein / tagaus ! ! !

rosten
01
27.7.2010, 17:20

willkommen in österreich

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