Ein Fortschritt im israelisch-palästinensischen Konflikt ist nur möglich, wenn endlich beide Seiten lernen, aufeinander zuzugehen - Auszüge aus der Eröffnungsrede der 90. Salzburger Festspiele
Der neunzigste Jahrestag von Festspielen, die als ein Gegenmittel zum Krieg ersonnen wurden, scheint mir der gegebene Anlass, um darüber nachzudenken, warum wir de facto keinen Frieden haben. Es ist der Anlass, über das Ziel dieser Festspiele nachzudenken und darüber, welcher Natur die Verbindung zwischen Kultur und den existenziellen Problemen der Welt ist. (...)
Wie oft hören wir von "Friedensprozessen" reden, von "Friedensgesprächen" , "Friedensverhandlungen" und Ähnlichem! Jedermann, von Präsident Ahmadi-Nejad bis Präsident Obama, redet heutzutage über Frieden. Doch wenn jedermann Frieden will, warum sind wir dann noch so weit davon entfernt, ihn wirklich herbeizuführen?
Richard von Weizsäcker näherte sich einer Antwort auf diese Frage an, als er in einer Rede vor dem deutschen Bundestag vierzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sagte: "Es hilft unendlich viel zum Frieden, nicht auf den anderen zu warten, bis er kommt, sondern auf ihn zuzugehen." Das ist eine Erkenntnis, die auf die unbequeme Wahrheit hinweist, dass das Wort "Friede" mehr als einen Zustand der Nicht-Aggression bedeutet. Die Wurzel des hebräischen Wortes für Friede, shalom, ist auch die Wurzel des Wortes für Perfektion, shlemut, und das Wissen um die linguistische Verwandtschaft der beiden Wörter könnte uns zu der Erkenntnis verhelfen, welches die wirklichen Voraussetzungen für Frieden - vor allem im Nahen Osten - sind.
Friede verlangt Perfektion, nämlich die Perfektion von Gerechtigkeit, Strategie und Moral. Man könnte leicht annehmen, dass Gerechtigkeit, Strategie und Moral nicht miteinander kompatibel sind. Man kann versucht sein, Moral zugunsten von Strategie zu opfern, oder glauben, dass Festhalten an Gerechtigkeit nur hinderlich für strategisches Denken ist. Das muss aber nicht so sein; tatsächlich kann man sich Gerechtigkeit, Moral und Strategie als drei Äste von ein und demselben Baum vorstellen.
Friede kann nur erreicht werden, wenn eine für alle Beteiligten günstige Lösung gefunden werden kann, eine Lösung, die für alle gerecht, in strategischer Hinsicht für alle von Vorteil und in Bezug auf alle moralisch vertretbar ist. (...) Ich habe schon so oft über das Schicksal des israelischen und des palästinensischen Volkes gesprochen, dass ich beinahe das Gefühl habe, in einer Art von endlosem Rondo zu Problemen des Nahen Ostens Stellung zu nehmen und dabei immer wieder auf jene nach wie vor nicht begriffene Tatsache zurückzukommen, dass die Geschicke dieser beiden Völker unlösbar miteinander verwoben sind und die Möglichkeit, ihrer Region Frieden zu bringen, einzig und allein in ihren eigenen Händen liegt und nicht in denen irgendwelcher externer Mächte.
Es ist ein Konflikt, der mit keinem anderen vergleichbar ist. Er unterscheidet sich von anderen politischen Konflikten, bei denen es meistens um Grenzziehungen geht oder um unentbehrliche Rohstoffe wie Erdöl oder Wasser, und die entweder auf diplomatischem Weg oder mit militärischen Mitteln beendet werden können. Es ist ein menschlicher Konflikt zwischen zwei Völkern, die beide felsenfest von ihrem Recht überzeugt sind, ein und dasselbe winzige Stückchen Land bewohnen zu dürfen. Es ist ein regionaler Konflikt, der aber die Stabilität der Machtstrukturen, wie sie zurzeit weltweit bestehen, bedroht.
Alle Fraktionen anerkennen
Wie kann man auf den anderen, in diesem Fall das andere Land zugehen, wenn man nicht auf die Gesamtheit der dort existierenden politischen und anderweitigen Gruppierungen zugeht? Wie kann man das tun, ohne den anderen als gleichgestellt anzusehen und ihn gerecht zu behandeln? Wenn Israel aufrichtig nach Frieden verlangt, dann wird es, um auf Palästina zugehen zu können, alle dort existierenden Fraktionen anerkennen müssen. Die wirklich brennende Frage ist nicht die, ob die Lösung in der Erschaffung eines Zweivölkerstaats oder in der eines legitimen und souveränen palästinensischen Staats besteht. Die wirklich aktuelle Frage ist die, ob beide Parteien willens sind, aufeinander zuzugehen.
Sich dem anderen anzunähern ist eine langfristige Strategie, eine, die sich in der Zukunft auszahlen kann; zu warten, bis der andere zu einem kommt, ist eine kurzsichtige Taktik, eine, die seit mehr als sechzig Jahren erfolglos geblieben ist. Man hat oft gesagt, dass Gerechtigkeit Opfer verlangt, aber was für ein Opfer stellt die Aufhebung der Besetzung palästinensischen Gebiets und der Abriss jüdischer Siedlungen dar?
Die Musik hat mir viele Einsichten vermittelt. Eine davon ist die, dass das zeitweise totale Vereinnahmtwerden durch etwas, das ungeheuer schön oder absolut unentbehrlich zu sein scheint, einem im nächsten Augenblick schon übertrieben oder sogar verkehrt vorkommen kann. Es ist in der Tat möglich, unmittelbares Verlangen und eine langfristige Strategie miteinander zu vereinen. Der Musiker muss zudem in der Lage sein, was Furtwängler "fernhören" genannt hat. Häufig ist es erforderlich, auf das, was einem in einem bestimmten Moment ganz und gar unentbehrlich zu sein scheint, zu verzichten, um die lange Linie der Musik aufrechtzuerhalten. Mit anderem Worten: Man muss ein unmittelbar empfundenes Verlangen mit Blick auf die Zukunft aufgeben, muss es opfern. Die Musik hat mich gelehrt, an meiner eigenen subjektiven Sicht der Gegenwart festzuhalten, gleichzeitig aber nicht in dieser Sichtweise befangen zu sein, sondern gewissermaßen aus ihr herauszutreten und die weitreichenden Folgen zu bedenken, die mein spontanes Handeln haben könnte.
Es braucht wohl nicht eigens gesagt zu werden, dass die Folgen, welche sich daraus ergeben, dass man bei einem Musikstück einen besonders schönen Augenblick zu sehr in die Länge zieht, nicht mit den Konsequenzen verglichen werden können, die entstehen, wenn man die Gelegenheit versäumt, einen Weg zum Frieden zu eröffnen. Doch was die Musik einen lehrt, kann auch auf den politischen Bereich angewandt werden: Verzicht von Israels Seite aus auf das, was im Augenblick unentbehrlich zu sein scheint, wird am Ende zu seiner Rettung beitragen. Die Alternative ist überhaupt keine; es gibt keine andere Lösung, wenn der Staat Israel eine Zukunft haben will und die Palästinenser irgendwann in den Besitz ihrer Grundrechte gelangen sollen. (Daniel Barenboim, DER STANDARD/Printausgabe, 27.07.2010)
Daniel Barenboim, Pianist und Dirigent, ist Begründer des West-Eastern Divan-Orchesters (gemeinsam mit Edward Said). Seit 1992 ist er Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin.