Nachlese

"Das Hinstarren auf die Neue Mittelschule macht gewissermaßen blind"

Sebastian Pumberger, 28. Juli 2010, 10:52
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    „Alle Verantwortlichen erwarten sich Perspektiven", so Stemer und erwartet sich ein Entscheidung der Bundesregierung bis spätestens 2011.

Bildungslandesrat Siegmund Stemer erklärt warum das ÖVP-Land Vorarlberg bei der Schulreform andere Wege geht

In der ÖVP ist dieser Tage die Debatte rund die Zukunft der Schulen neu entbrannt: Partei-Chef Josef Pröll kann sich die Neue Mittelschule flächendeckend noch nicht vorstellen, ÖAAB-Chef Michael Spindelegger plädiert für eine Aufhebung der 10-Prozent-Grenze, welche besagt, dass die Neuen Mittelschulen bundesweit maximal zehn Prozent der Pflichtschulen ausmachen dürfe. Das Gymnasium müsse jedoch erhalten bleiben, so Spindelegger. Niederösterreichs Landeshauptmann, Erwin Pröll, kann sich eine Verlängerung der Volksschule auf sechs Jahre als gemeinsame Schule vorstellen. Viele Positionen, aber eine einheitliche Linie hat die Volkspartei noch nicht gefunden. Die Skepsis über die gemeinsame Schule überwiegt.

"Pionierland" Vorarlberg

Vorarlberg hat in der Diskussion um die Neue Mittelschule von Unterrichtsministerin Claudia Schmied das Prädikat "Pionierland" verliehen bekommen. Hier ist man einer flächendeckenen Einführung am Nächsten. In dem ÖVP-geführten Land nehmen heute 51 von 56 Hauptschulen an dem Schulversuch teil. Die nun zur Disposition stehende Zehn-Prozent-Klausel fällt ob der Größe des Bundeslandes nicht ins Gewicht. Schon früh entschied man sich entgegen anderer ÖVP- aber auch SPÖ-Bundesländer für den Schulversuch. Der Vorarlberger Bildungslandesrat Siegmund Stemer (ÖVP) nennt im Gespräch mit derStandard.at als Ziel eine "veränderte Pädagogik" einzuführen. Die Diskussion um die gemeinsame Schule hält Stemer jedoch für "dringend ergänzungswürdig", erfolge sie doch meist aus "parteipolitisch-ideologischen" Motiven. "Wenn am Ende der Volksschulzeit immer noch sehr große Unterschiede darin bestehen, dass Kinder ihre soziale Schieflast in vier Jahren nicht beseitigen konnten und in etwa jeder fünfte 15-Jährige mit dem sinnerfassenden Lesen Probleme hat, dann stellt sich doch die grundsätzliche Frage, wo wir langfristig ansetzen müssen", so Stemer.

Stemer kritisiert den Fokus der derzeitigen Debatte seiner Partei: "Das Hinstarren auf Strukturreformen und der Frage nach gemeinsamer oder differenzierter Bildung macht gewissermaßen blind", sagt Stemer. Wichtiger als die Schaffung einer gemeinsamen Schule seien grundsätzliche Veränderungen. Elternmitbestimmung, Veränderung des Benotungssystems ergänzend zur Ziffernote, gut vorbereitete Übergänge zwischen den Schultypen und gleiche Chance für Schüler aller sozialer Schichten, sind Stemer wichtiger als die Frage der Struktur. "Wir müssen wegkommen von tradierten Vorstellungen, von der Einstellung ‚Wir sind wir‘", so Stemer. Erst dann könne es "zu einer Diskussion um die richtige Sekundarstufe kommen", sagt Stemer. In Vorarlberg habe man eine eigene Organisationsstruktur für die Neue Mittelschule geschaffen, zum Beispiel mit einer Lernstandserhebung, die den Veränderungsprozess begleiten soll.

Kein Gymnasium als Neue Mittelschule

So weitreichend die Veränderungen bei den Hauptschulen waren, kein Gymnasium entschied sich eine Neue Mittelschule zu werden. Dies will Ministerin Schmied ändern, Vorarlberg als erstes Land "komplett umdrehen". Inhaltlich verkürze Schmied die Darstellung, so Stemer. Im vergangenen Jahr habe es 22 verschränkte Projekte zwischen Neuer Mittelschule, Gymnasium sowie anderen höhere Schulen gegeben, auch die Gymnasien verändern sich im Zuge des Schulversuchs. So unterrichten Gymnasiallehrer an Neuen Mittelschulen, Lehrer beider Schultypen erarbeiten gemeinsame Projekte und führen sie mit Schülern aus beiden Schultypen durch. Im Herbst erwartet sich Stemer eine noch größere "Verschränkung", bei Fremdsprachen oder naturwissenschaftlichen Fächer, da der Schulversuch erstmals in einer dritten Schulstufe unterrichtet wird. Schmied wolle "unzweifelhaft die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen", so Stemer. Über den Sommer verhandeln das Ministerium und der Landesrat über eine weitere  "Verschränkung" von Gymnasium und "Vorarlberger Mittelschule", so Stemer.

Befürwortung mit Zweifel

Bei aller Befürwortung der Neuen Mittelschule steht Stemer einer Komplettumstellung auf eine gemeinsame Schule kritisch gegenüber: "Die Vorstellung, in einer Klasse mit 23 Kindern alles vom förderbedürftigen Kind bis zum Wiffzack drinnen zu haben, erfordert wesentlich mehr Ressourcen, wenn den einzelnen Potenzialen der Kinder halbwegs Rechnung getragen werden soll", so Stemer. Auch angesichts des drohenden Lehrermangels hat Stemer Zweifel, dass bei einer raschen Umstellung genügend qualifiziertes Lehrpersonal zur Verfügung stünde. Derzeit gebe es weder Personal noch finanzielle Ressourcen für eine flächendeckende Einführung der Neuen Mittelschule. Stemer sieht in einer Abschaffung des Gymnasiums derzeit auch keinen Sinn, da die Schulform bei Eltern noch immer sehr beliebt sei.

Doch was, wenn der Schulversuch Neue Mittelschule doch nicht dauerhaft eingeführt wird? „Alle Verantwortlichen erwarten sich Perspektiven", so Stemer. Es seien vor allem frühere Hauptschulen „upgegradet und weiterentwickelt worden", diesen Weg will Stemer auch weiter verfolgen. Bei aller Weiterentwicklung muss auch Vorarlberg für eine dauerhafte Entscheidung auf den Bund warten. Stemer sieht hier Handlungsbedarf, bis spätestens 2011 müsse von der Bundesregierung eine Entscheidung getroffen werden, entweder hin zu einem gemeinsamen Modell für alle 10- bis 14-Jährigen - wobei auch langfristig mehr Ressourcen locker gemacht werde müssten - oder man behält ein zweigliedriges System aus Mittelschule und Gymnasium. Stemer sieht jedoch auch akuten Handlungsbedarf bei den Rahmenbedingen.

"Ich fordere, dass zügig verhandelt wird"

„Ich fordere, dass hier zügig und zielorientiert verhandelt wird. Es müssen bis Herbst einige Antworten kommen, nicht nur bei der Neuen Mittelschule, sondern auch beim Dienst- und Besoldungsrecht, der Lehrerbildung-Neu und der Schulverwaltungsreform", so Stemer. Bei den Länderkompetenzen hat Stemer klare Ansichten: „Die Ausführungsgesetzgebung muss bei den Ländern liegen, damit die auf die regionalen Gegebenheiten reagiern können." Das gelte auch für das Besoldungs- wie das Dienstrecht. Nicht alles was Stemer fordert ist Linie der Bundes-ÖVP. Bildungspolitik sei jedoch für ihn „nur begrenzt eine politische Farbenlehre. Das sage ich uneingeschränkt der Bundes-ÖVP."

(Sebastian Pumberger, derStandard.at, 28.7.2010)

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18 Postings
mountaineer
00

wenn alle bundesländer sich die rosinen aus dem kuchen picken würden wie vorarlberg, wäre der staat so bankrott wie griechenland!

asinus21
 
01
11.8.2010, 01:36

Die Vorarlberger Gymnasialdirektoren wissen sehr wohl, warum sie nicht auf die NMS einsteigen. Und dass so viele Hauptschulen zu NMS geworden sind, hat ja nicht unbedingt Gründe, die sachlich sind, sondern auch finanzielle...

K. Huber1
02
28.7.2010, 21:23
Wichtig sind grundsätzliche Veränderungen

Lesen, schreiben, rechnen, lesen, schreiben, rechnen, lesen, schreiben, ...

Eine grundsätzliche Veränderung der Zielsetzungen hin zu tradierten Werten (Disziplin und Übung) und grundlegenden Fähigkeiten ist absolut notwendig!!!

Zuallererst muss wieder die Basis geschaffen werden, dass Schüler überhaupt an weiterer Bildung teilhaben können...

akela
00
29.7.2010, 08:41

Schüler die teilhaben wollen

Phillip Decker
02
28.7.2010, 21:05
Ein schlauer Vorarlberger!

Die Antwort auf folgende Frage wäre interessant:
Wieviel musste das Land Vorarlberg vor der
Umwandlung der meisten HS´s in NMS´s für seine Hauptschulen bezahlen , und wieviel zahlt jetzt der Bund für die NMS´s ?!Wer eben mehr als nur lesen , sondern auch ein bisschen denken kann,dem wird die Beantwortung dieser Frage für die Beurteilung von Stemers Haltung ein zentrales Kriterium sein. Ja,ja , die Voralberger waren schon immer ein sparsames Völkchen, und das weiß auch Schmied !

fibiundchillie
00
29.7.2010, 12:03

korrekt, hehe.
btw: dort, wo die soziale problematik nicht soo gravierend ist, wo die hs noch einen wert hat (außerhalb wiens halt), ist die nms auch ka beinbruch.
und wenn die bleeden weaner noch zahlen dafür, why not?

LL MM
00
29.7.2010, 13:02

Die "bleeden weaner", so wie Sie sie nennen, wollen die ja die Neue Mittelschule. Die Vorarlberger tun denen nur einen Gefallen. :-)

Irgendwie hat man sich in Vorarlberg mancherorts auch ein wenig verkalkuliert. Manche haben ja geglaubt, sie könnten die Leistungsgruppen beibehalten (und die zusätzlichen Stunden kassieren).

fibiundchillie
00
29.7.2010, 13:48

war eigentlich das ministerium gemeint.

Sukram's Panopticum
 
01
28.7.2010, 19:37

Respekt! Der Mann hat eine gute Einstellung zum Thema Bildung. Jetzt nur noch am Leistungsprinzip kratzen und schon könnten die Schüler wieder einen Hauch von Freude am Lernen empfinden...

Whisker
01
29.7.2010, 13:34

Um Reinhold Bilgeri und Michael Köhlmeier zu zitieren:
"Oho Vorarlberg". :-)

sam duke
00
28.7.2010, 18:53
die meisten

können gerade noch die überschriften der krone lesen. was sie bedeuten, zero ahnung.

styliann
00
28.7.2010, 13:10

Also jeder im alter von 10 Jahren sollte richtig lesen können. das muss machbar sein! solange wir (als volk) an sowas scheitern ist uns sowieso nicht zu helfen.

m rams
01
28.7.2010, 19:33
Sollte

Solange es aber Haushalte gibt in denen es weder Bücher noch Zeitschriften gibt, gibt es Schüler, die schon mit der Einstellung in die Schule gehen, dass Lesen und Schreiben im Alltag unnötig sind.
Bei Mathematik ist das (IMHO) noch problematischer.

Ich gebs zu
04
28.7.2010, 16:22
Mir wäre schon recht, wenn es jeder 15-Jährige mit Pflichtschulabschluss könnte.

Sie würden sich wundern.

Sche
00
28.7.2010, 17:20
Leider wahr

"Müssen wir das wirklich lesen? Gibt's das nicht auf DVD?"

Round'n'round it goes
00
28.7.2010, 18:55

HTL-Deutschstunde: Das Buch für's Referat braucht ihr nicht lesen. Ladet euch die Zusammenfassung aus dem Internet runter. (Ja, Zitat einer Lehrerin einer oö.-HTL)

fibiundchillie
02
29.7.2010, 12:01

betrachten wir den stellenwert d. faches deutsch in einer htl realistisch.
was soll die professorin sonst tun, das büchel lesen sowieso max. 2 schüler von 33.
mit ihrer äußerung wahrt sie das gesicht.
is a so.

Ich gebs zu
15
29.7.2010, 09:05
Na, Gott sei Dank, jetzt die Deutschlehrer/innen auch noch daran schuld,

wenn Schüler, die zu ihnen kommen, nicht lesen können.

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