Bildungslandesrat Siegmund Stemer erklärt warum das ÖVP-Land Vorarlberg bei der Schulreform andere Wege geht
In der ÖVP ist dieser Tage die Debatte rund die Zukunft der Schulen neu entbrannt: Partei-Chef Josef Pröll kann sich die Neue Mittelschule flächendeckend noch nicht vorstellen, ÖAAB-Chef Michael Spindelegger plädiert für eine Aufhebung der 10-Prozent-Grenze, welche besagt, dass die Neuen Mittelschulen bundesweit maximal zehn Prozent der Pflichtschulen ausmachen dürfe. Das Gymnasium müsse jedoch erhalten bleiben, so Spindelegger. Niederösterreichs Landeshauptmann, Erwin Pröll, kann sich eine Verlängerung der Volksschule auf sechs Jahre als gemeinsame Schule vorstellen. Viele Positionen, aber eine einheitliche Linie hat die Volkspartei noch nicht gefunden. Die Skepsis über die gemeinsame Schule überwiegt.
"Pionierland" Vorarlberg
Vorarlberg hat in der Diskussion um die Neue Mittelschule von Unterrichtsministerin Claudia Schmied das Prädikat "Pionierland" verliehen bekommen. Hier ist man einer flächendeckenen Einführung am Nächsten. In dem ÖVP-geführten Land nehmen heute 51 von 56 Hauptschulen an dem Schulversuch teil. Die nun zur Disposition stehende Zehn-Prozent-Klausel fällt ob der Größe des Bundeslandes nicht ins Gewicht. Schon früh entschied man sich entgegen anderer ÖVP- aber auch SPÖ-Bundesländer für den Schulversuch. Der Vorarlberger Bildungslandesrat Siegmund Stemer (ÖVP) nennt im Gespräch mit derStandard.at als Ziel eine "veränderte Pädagogik" einzuführen. Die Diskussion um die gemeinsame Schule hält Stemer jedoch für "dringend ergänzungswürdig", erfolge sie doch meist aus "parteipolitisch-ideologischen" Motiven. "Wenn am Ende der Volksschulzeit immer noch sehr große Unterschiede darin bestehen, dass Kinder ihre soziale Schieflast in vier Jahren nicht beseitigen konnten und in etwa jeder fünfte 15-Jährige mit dem sinnerfassenden Lesen Probleme hat, dann stellt sich doch die grundsätzliche Frage, wo wir langfristig ansetzen müssen", so Stemer.
Stemer kritisiert den Fokus der derzeitigen Debatte seiner Partei:
"Das Hinstarren auf Strukturreformen und der Frage nach gemeinsamer oder differenzierter Bildung macht gewissermaßen blind", sagt
Stemer. Wichtiger als die Schaffung einer gemeinsamen Schule seien grundsätzliche Veränderungen. Elternmitbestimmung, Veränderung des
Benotungssystems ergänzend zur Ziffernote, gut vorbereitete Übergänge zwischen den
Schultypen und gleiche Chance für Schüler aller sozialer Schichten, sind Stemer wichtiger als die Frage der Struktur. "Wir müssen wegkommen von tradierten Vorstellungen, von der
Einstellung ‚Wir sind wir‘", so Stemer. Erst dann könne es "zu einer Diskussion um die richtige Sekundarstufe kommen", sagt Stemer. In Vorarlberg habe man eine eigene Organisationsstruktur für die Neue Mittelschule geschaffen, zum Beispiel mit einer Lernstandserhebung, die den Veränderungsprozess begleiten soll.
Kein Gymnasium als Neue Mittelschule
So weitreichend die Veränderungen bei den Hauptschulen waren, kein Gymnasium entschied sich eine Neue Mittelschule zu werden. Dies will Ministerin Schmied ändern, Vorarlberg als erstes Land "komplett umdrehen". Inhaltlich verkürze Schmied die Darstellung, so Stemer. Im vergangenen Jahr habe es 22 verschränkte Projekte zwischen Neuer Mittelschule, Gymnasium sowie anderen höhere Schulen gegeben, auch die Gymnasien verändern sich im Zuge des Schulversuchs. So unterrichten Gymnasiallehrer an Neuen Mittelschulen, Lehrer beider Schultypen erarbeiten gemeinsame Projekte und führen sie mit Schülern aus beiden Schultypen durch. Im Herbst erwartet sich Stemer eine noch größere "Verschränkung", bei Fremdsprachen oder naturwissenschaftlichen Fächer, da der Schulversuch erstmals in einer dritten Schulstufe unterrichtet wird. Schmied wolle "unzweifelhaft die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen", so Stemer. Über den Sommer verhandeln das Ministerium und der Landesrat über eine weitere "Verschränkung" von Gymnasium und "Vorarlberger Mittelschule", so Stemer.
Befürwortung mit Zweifel
Bei aller Befürwortung der Neuen Mittelschule steht Stemer einer Komplettumstellung auf eine gemeinsame Schule kritisch gegenüber: "Die Vorstellung, in einer Klasse mit 23 Kindern alles vom förderbedürftigen Kind bis zum Wiffzack drinnen zu haben, erfordert wesentlich mehr Ressourcen, wenn den einzelnen Potenzialen der Kinder halbwegs Rechnung getragen werden soll", so Stemer. Auch angesichts des drohenden Lehrermangels hat Stemer Zweifel, dass bei einer raschen Umstellung genügend qualifiziertes Lehrpersonal zur Verfügung stünde. Derzeit gebe es weder Personal noch finanzielle Ressourcen für eine flächendeckende Einführung der Neuen Mittelschule. Stemer sieht in einer Abschaffung des Gymnasiums derzeit auch keinen Sinn, da die Schulform bei Eltern noch immer sehr beliebt sei.
Doch was, wenn der Schulversuch Neue Mittelschule doch nicht dauerhaft eingeführt wird? „Alle Verantwortlichen erwarten sich Perspektiven", so Stemer. Es seien vor allem frühere Hauptschulen „upgegradet und weiterentwickelt worden", diesen Weg will Stemer auch weiter verfolgen. Bei aller Weiterentwicklung muss auch Vorarlberg für eine dauerhafte Entscheidung auf den Bund warten. Stemer sieht hier Handlungsbedarf, bis spätestens 2011 müsse von der Bundesregierung eine Entscheidung getroffen werden, entweder hin zu einem gemeinsamen Modell für alle 10- bis 14-Jährigen - wobei auch langfristig mehr Ressourcen locker gemacht werde müssten - oder man behält ein zweigliedriges System aus Mittelschule und Gymnasium. Stemer sieht jedoch auch akuten Handlungsbedarf bei den Rahmenbedingen.
"Ich fordere, dass zügig verhandelt wird"
„Ich fordere, dass hier zügig und zielorientiert verhandelt wird. Es müssen bis Herbst einige Antworten kommen, nicht nur bei der Neuen Mittelschule, sondern auch beim Dienst- und Besoldungsrecht, der Lehrerbildung-Neu und der Schulverwaltungsreform", so Stemer. Bei den Länderkompetenzen hat Stemer klare Ansichten: „Die Ausführungsgesetzgebung muss bei den Ländern liegen, damit die auf die regionalen Gegebenheiten reagiern können." Das gelte auch für das Besoldungs- wie das Dienstrecht. Nicht alles was Stemer fordert ist Linie der Bundes-ÖVP. Bildungspolitik sei jedoch für ihn „nur begrenzt eine politische Farbenlehre. Das sage ich uneingeschränkt der Bundes-ÖVP."
(Sebastian Pumberger, derStandard.at, 28.7.2010)