500.000 Menschen angemeldet, aber nur 250.000 zugelassen - Berufsfeuerwehr soll Stadt gewarnt haben - Bürgermeister schließt Rücktritt nicht aus
Duisburg - Nach der Tragödie auf der Duisburger Loveparade
mit 19 Toten und mehr als 500 Verletzten geraten die Veranstalter unter dem Vorwurf massiver
Sicherheitslücken zunehmend in Bedrängnis. Ein Dokument belegt offenbar die
Schwachstellen des Sicherheitskonzepts bei der Großveranstaltung mit insgesamt
bis zu 1,4 Millionen Besuchern. So habe der Veranstalter nicht die sonst
vorgeschriebene Breite der Fluchtwege einhalten müssen.
Die Ermittlungsbehörden erwarten indessen keine rasche Aufklärung der Ursache. "Das wird Wochen, wenn nicht Monate dauern", sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp am Montag. Es müssten viele Zeugen befragt werden, die auch erst ausfindig zu machen sind. "Wir werten auch Fotos und Videos aus." Zudem würden zahlreiche Unterlagen überprüft. Die Staatsanwaltschaft hatte am Sonntag das Sicherheitskonzept der Veranstalter und der Stadt beschlagnahmt. Der wegen der Katastrophe in die Kritik geratene Duisburger Bürgermeister Adolf Sauerland schloss
unterdessen seinen Rücktritt nicht aus. Von den Verletzten befand sich am Montag laut Haferkamp niemand mehr in
Lebensgefahr.
Versicherung
Der Veranstalter der Loveparade hatte
sich bei der französischen AXA mit 7,5 Millionen Euro gegen Personen-
und Sachschäden versichert. Ein Sprecher des Versicherungskonzerns
bestätigte am Montag, wonach Rainer Schaller eine
Veranstalter-Haftpflichtversicherung in dieser Höhe abgeschlossen
hatte.
Fehleinschätzung der Teilnehmerzahl
Das Sicherheitsproblem bei der Loveparade hat nach Einschätzung der Deutschen Polizeigewerkschaft möglicherweise schon mit der Fehleinschätzung der Teilnehmerzahl begonnen. Der Veranstalter habe 500.000 Menschen angemeldet, sagte Erich Rettinghaus, NRW-Landesvorsitzender der Gewerkschaft, am Sonntagabend im ZDF. Die Stadt habe seiner Kenntnis nach aber nur 250.000 Teilnehmer für das Gelände genehmigt.
Man sei davon ausgegangen, dass sich die restlichen Partygänger an anderen Orten der Stadt verteilten, erläuterte Rettinghaus. Bei der Loveparade in Duisburg starben am Samstagabend 19 Menschen im extremen Gedränge an einer Unterführung vor dem Eingang zu der großen Party.
Bei der Lenkung der Menschenmassen auf das abgeschlossene Gelände des alten Güterbahnhofes hätten die Veranstalter nicht auf das sonst übliche "Entzerren des Ströme" gesetzt, sagte der Polizist. In Duisburg habe man die Teilnehmer stattdessen durch "lückenlose Information durch Beschallung" lenken wollen. Das sollte unter anderem durch Lautsprecherdurchsagen geschehen. Sie wurden aber laut Rettinghaus in dem lauten Umfeld und von den teils alkoholisierten Menschen nicht gehört und nicht beachtet.
Berufsfeuerwehr soll Stadt gewarnt haben
Die Berufsfeuerwehr Duisburg soll Sicherheitsbedenken gegen
das Abhalten der Loveparade gehabt und die Stadt auch entsprechend
gewarnt haben. Das berichtete die "Kölner Rundschau" (Montagausgabe). In
einem internen Vermerk der Feuerwehr an Verantwortliche der Stadt
sollen die Retter demnach bereits im Oktober 2009 klargestellt haben,
dass es zu gefährlich sei, die Besucher des Spektakels durch die Tunnel
zu schicken. "Es wurde nicht reagiert", sagte ein Beamter der Zeitung.
Auch Oberbürgermeister Adolf Sauerland soll von diesem internen
Vermerk gewusst haben. Die Polizei soll dem Bericht zufolge ebenfalls
Bedenken deutlich gemacht haben. In den Tagen vor dem Musikspektakel
habe es eine Begehung des Festgeländes gegeben, wobei Polizisten gesagt
haben sollen, dass das Areal des alten Güterbahnhofs zu klein für die
Veranstaltung sei. "Wir haben unsere Bedenken ausgesprochen. Als ich am
Samstagabend von den Toten gehört hatte, hatte ich Tränen in den Augen",
sagte ein namentlich nicht genannter Beamter der Zeitung.
Deutscher Konzertveranstalter spricht von "Verbrechen"
Deutschlands führender Konzertveranstalter
Marek Lieberberg hat den Organisatoren der Loveparade in Duisburg indessen
Profitgier und Unvermögen vorgeworfen. "Das ist kein tragisches
Unglück, sondern ein Verbrechen", sagte Lieberberg der "Süddeutschen
Zeitung" (Montag). Die Veranstalter seien der Technoparty mit
hunderttausenden Teilnehmern nicht gewachsen gewesen. "Befruchtet
haben sich die Geltungssucht der Lokalpolitik, die Profitsucht der
Veranstalter, auf beiden Seiten gut gedüngt durch totalen
Amateurismus."
Überprüfung aller Großveranstaltungen gefordert
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat nach dem Unglück bei der Loveparade gefordert, die Sicherheitskonzepte aller Großveranstaltungen deutschlandweit zu prüfen. Es könne immer zu einer Massenpanik der Besucher kommen, dies müsse vom Veranstalter einkalkuliert werden, sagte Herrmann am Montag im Deutschlandradio Kultur. Beim Münchner Oktoberfest beispielsweise gebe es für einen solchen Fall ausgereifte Konzepte.
Behörden dürften sich von Veranstaltern niemals mit dem Argument unter Druck setzen lassen, wie bedeutend eine Veranstaltung sei und wie viele Menschen diese anziehe, betonte Herrmann. "Die Sicherheit muss immer Vorrang haben." Besonders gefährdet seien Veranstaltungen, die nur ein Mal stattfänden, so der Innenminister. Beim Bau von Fußballstadien etwa werde die Sicherheit von vornherein einkalkuliert. Auf einem Gelände, auf dem einmalig eine Veranstaltung stattfinde, könne dies nicht in dieser Perfektion geschehen.
Bürgermeister schließt Rücktritt nicht aus
Der wegen der Katastrophe in die Kritik geratene Duisburger Bürgermeister Adolf Sauerland schloss unterdessen seinen Rücktritt nicht aus. "Gestern und auch heute ist die Frage nach Verantwortung gestellt worden, auch nach meiner persönlichen. Ich werde mich dieser Frage stellen, das steht außer Frage", sagte Sauerland am Montag im Radio. Doch zunächst müsse es darum gehen, die schrecklichen Ereignisse vom Samstag aufzuarbeiten. "Und wenn wir wissen, was da passiert ist, dann werden wir auch diese Frage beantworten. Das verspreche ich", betonte Sauerland.
Sauerland sagte, er sei nach wie vor zutiefst betroffen und bestürzt. Gleichzeitig zeigte er Verständnis dafür, dass er bei einem Besuch des Unglücksorts am Sonntag von Trauernden körperlich attackiert wurde. "Da waren Menschen, die trauern, die ihren Emotionen freien Lauf gelassen haben. Das verstehe ich." Dennoch verteidigte Sauerland auch die Verantwortlichen der Stadt Duisburg. "Wir haben alles darum gegeben, ein sicherer Austragungsort zu sein, dafür haben wir gearbeitet, dafür haben wir gekämpft."
Die Stadt Duisburg plant indessen eine Trauerfeier für die 19
Todesopfer. Außerdem sollte an diesem Montag ein Kondolenzbuch ausgelegt
werden, sagte Sauerland. (APA/Reuters/red)