Ungewöhnliche Aids-Gala von Impulstanz im Odeon
Wien - Mit Kratzern, Depschern, Dehnungen und Ausritten in der Instrumentierung versah die große österreichische Komponistin Olga Neuwirth fünf Hits von Klaus Nomi im ersten Teil eines Abschluss-Charity-Events im Rahmen der Wiener Aids-Konferenz bei Impulstanz im Odeon.
Was für Fans des einst gefeierten Countertenors überraschend geklungen haben mag, erwies sich als schlüssige Intervention. Immer wieder übertönte das ORF-Radio-Symphonieorchester (RSO) unter Cornelius Meister die Stimme seines Countertenors Jochen Kowalski. So erinnerte diese Hommage an Nomi daran, dass der 1983 an Aids verstorbene Künstler unvergleichlich war und ein bloßes Nachsingen und -spielen nur peinlich sein kann.
Klugerweise war Kowalski nicht als Klaus Nomi verkleidet, der auch als Performer einer schillernden Kunstfigur zur Legende geworden war. Nomis Tod stellte im Kunstkontext eines der ersten Zeichen der Katastrophe dar, die Aids nun seit 30 Jahren ist und die während dieser Zeit zeigt, wie sehr eine Krankheit zum Politikum werden kann.
Dafür, dass der Charity-Event, dessen Erlös der Wiener Initiative HIVmobil und dem ukrainischen Projekt Nova Simja zugute kommt, nicht zu einer glatten Pflichtveranstaltung verkam, sorgten im zweiten Teil die New Yorker Performerin Penny Arcade und der Choreograf, Tänzer und Künstler Antony Rizzi, der seit 15 Jahren mit dem Virus leben muss.
Die beiden übersetzten die musikalischen Kratzer und Depscher von Olga Neuwirth auf die Performance-Ebene - wenn auch unter dem künstlerischem Niveau der Komponistin. Ihr wirrer Mix aus Talkshow, Monologen, Predigten, Tanz- und Film-Einlagen enthielt aber immerhin explizite Kritik.
Ohne Scheu vor heiklen Themen drückten Arcade und Rizzi ihre Verblüffung über den sündteuren Wiener Life Ball aus: "Die Organisatoren sagen gerne, wie viel der Ball eingebracht hat, aber nicht, was davon den Aids-Opfern am Ende wirklich zugute kommt." Im Übrigen habe auf dem Ball kein einziges Bild direkt auf Aids hingewiesen. Sie wiederholten auch Annie Lennox' Kritik, dass der Kongress 45 Millionen Euro gebracht habe, der Bund aber nur einmalig eine Million für internationale Aids-Hilfe erübrigte.
Im Rückblick merkte die gerade 60 Jahre alt gewordene Arcade an, dass die Gay Community in den 1970ern Platz für alle Außenseiter hatte, sich später aber zu einer abgeschlossenen Gemeinschaft entwickelt habe. Und über ihren Freund Rizzi sagte sie: "Tony nutzt im Tanz nur sein Talent, sein Genie hebt er sich für das Sexualleben auf." Schmunzeln im Publikum. Die Grenze zwischen Anekdote, Aufklärung und Stammtischweisheit verschwamm im Verlauf der zweistündigen schrottigen Show.
Die war ohnehin eher ein politisches als ein künstlerisches Statement. Dessen wichtigster Moment war gekommen, als Penny Arcade kritisierte, wie sehr politisches Geschachere mit allen ideologischen Animositäten gegen Aids die konkrete Hilfe für die Betroffenen erschwert habe. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 26.07.2010)