Aids 2010

Tanz-Charity mit Depschern

25. Juli 2010, 18:40

Ungewöhnliche Aids-Gala von Impulstanz im Odeon

Wien - Mit Kratzern, Depschern, Dehnungen und Ausritten in der Instrumentierung versah die große österreichische Komponistin Olga Neuwirth fünf Hits von Klaus Nomi im ersten Teil eines Abschluss-Charity-Events im Rahmen der Wiener Aids-Konferenz bei Impulstanz im Odeon.

Was für Fans des einst gefeierten Countertenors überraschend geklungen haben mag, erwies sich als schlüssige Intervention. Immer wieder übertönte das ORF-Radio-Symphonieorchester (RSO) unter Cornelius Meister die Stimme seines Countertenors Jochen Kowalski. So erinnerte diese Hommage an Nomi daran, dass der 1983 an Aids verstorbene Künstler unvergleichlich war und ein bloßes Nachsingen und -spielen nur peinlich sein kann.

Klugerweise war Kowalski nicht als Klaus Nomi verkleidet, der auch als Performer einer schillernden Kunstfigur zur Legende geworden war. Nomis Tod stellte im Kunstkontext eines der ersten Zeichen der Katastrophe dar, die Aids nun seit 30 Jahren ist und die während dieser Zeit zeigt, wie sehr eine Krankheit zum Politikum werden kann.

Dafür, dass der Charity-Event, dessen Erlös der Wiener Initiative HIVmobil und dem ukrainischen Projekt Nova Simja zugute kommt, nicht zu einer glatten Pflichtveranstaltung verkam, sorgten im zweiten Teil die New Yorker Performerin Penny Arcade und der Choreograf, Tänzer und Künstler Antony Rizzi, der seit 15 Jahren mit dem Virus leben muss.

Die beiden übersetzten die musikalischen Kratzer und Depscher von Olga Neuwirth auf die Performance-Ebene - wenn auch unter dem künstlerischem Niveau der Komponistin. Ihr wirrer Mix aus Talkshow, Monologen, Predigten, Tanz- und Film-Einlagen enthielt aber immerhin explizite Kritik.

Ohne Scheu vor heiklen Themen drückten Arcade und Rizzi ihre Verblüffung über den sündteuren Wiener Life Ball aus: "Die Organisatoren sagen gerne, wie viel der Ball eingebracht hat, aber nicht, was davon den Aids-Opfern am Ende wirklich zugute kommt." Im Übrigen habe auf dem Ball kein einziges Bild direkt auf Aids hingewiesen. Sie wiederholten auch Annie Lennox' Kritik, dass der Kongress 45 Millionen Euro gebracht habe, der Bund aber nur einmalig eine Million für internationale Aids-Hilfe erübrigte.

Im Rückblick merkte die gerade 60 Jahre alt gewordene Arcade an, dass die Gay Community in den 1970ern Platz für alle Außenseiter hatte, sich später aber zu einer abgeschlossenen Gemeinschaft entwickelt habe. Und über ihren Freund Rizzi sagte sie: "Tony nutzt im Tanz nur sein Talent, sein Genie hebt er sich für das Sexualleben auf." Schmunzeln im Publikum. Die Grenze zwischen Anekdote, Aufklärung und Stammtischweisheit verschwamm im Verlauf der zweistündigen schrottigen Show.

Die war ohnehin eher ein politisches als ein künstlerisches Statement. Dessen wichtigster Moment war gekommen, als Penny Arcade kritisierte, wie sehr politisches Geschachere mit allen ideologischen Animositäten gegen Aids die konkrete Hilfe für die Betroffenen erschwert habe. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 26.07.2010)

p-hammer
00
26.7.2010, 09:13
Die Tragödie der (zu) persönlichen Perspektive

Die Neufassung der NOMI-Songs für Orchester war großartig - nicht bloß "aufgeblasen", sondern neu eingerichtet. Gratulation! Auch an Jochen Kowalski, der ein wenig unter der Technik zu leiden hatte.

Der zweite Teil war sehr persönlich - und in diesem Sinne auch problematisch. Wer gut 300 Freunde an AIDS verloren hat (Arcade) bzw HIV-positiv ist (Rizzi) kann hier nicht "nüchtern" agieren und muss "ungerecht" sein - denn so etwas kann niemand nachempfinden. Das Aufrechnen (Life-Ball; Fussball-WM-Gagen) ist aus dieser Perspektive nachvollziehbar, aber nervend. Und der freie Sex der 60/70er wird (leider) auch nie mehr wiederkommen - nicht zuletzt wegen AIDS.

Dennoch - ein berührender Abend. "Danke" an die Beteiligten.

p-hammer
00
25.7.2010, 22:30
Ach, Sie waren doch dabei?!

Sorry, dass mir ihr Antlitz noch nicht eingeprägt ist - bzw ihr Hinterkopf, weil ich saß ja nur ganz hinten; aber nachdem Sie sich weder auf die allgemeine Frage von Tony Rizzi ("Are there any dance-critics?") noch auf die persönliche Nennung ("Helmut is not here? Helmut Ploebst? I think I've scared him away.") gemeldet haben, bin ich jetzt doch ein wenig überrascht.

Aber ich versteh schon - aus der sicheren Deckung ist so vieles leichter....

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