Sommertheater

Crossdresser im Puppenhaus

25. Juli 2010, 18:38

Elfriede Ott präsentierte Nestroys "Zu ebener Erde und erster Stock"

Maria Enzersdorf - "Wo ist Elfriede Ott?", liest der Besucher auf mehreren Schildern, auf dem Weg zur Burg Liechtenstein. Hat er es dorthin geschafft, so ist er des Rätsels Lösung schon um einiges näher, als wenn er seine Kreise vor den Wiener Kammerspielen zöge.

Im Jahr ihres 85. Geburtstages hat sich Ott, die Ott, rar gemacht. Einzig die von ihr und Hans Weigel 1983 gegründeten Maria Enzersdorfer Festspiele beehrt sie mit einem Auftritt. Dabei lässt sie sich nicht lumpen und gibt in Nestroys Zu ebener Erde und erster Stock eine Doppelrolle, agiert gleich in beiden Stockwerken.

Unten als emotional geforderte Tandlerin, oben als blasierte Millionärsgattin mit Fächer und Perücke. Damit ihr dabei nicht fad wird, fungiert sie auch noch als Regisseurin der Posse, deren Heutigkeit die Involvierten im Vorfeld stets betonten. Tatsächlich ist das Stück, in dem parallel die amourösen und finanziellen Auf und Abs zweier unterschiedlich begüterter Mietparteien eines Hauses gezeigt werden, zeitlos, die Inszenierung klassisch.

Auch im Regiesessel kleckert Ott nicht, wo geklotzt werden kann, und zeigt Nestroys Stück als prallgefülltes Puppenhaus (Bühne: Andreas Lungenschmid). Das Erdgeschoss der armen Familie Schlucker ist mit Zeitungen tapeziert und von der pausbäckigen Aufgedrehtheit zweier Kinder beseelt.

Das darüber gelegene Reich des Herrn Goldfuchs (Wilfried Scheutz) ist dezenter und mit beständig knödelrollendem Dienstpersonal ausgestattet. Links der Bühne macht eine Band Tempo - am Premierenabend mit besonders viel Einsatz, da ein Unwetter drohte, man das Stück jedoch zur Gänze im Freien zeigen wollte. Es ging sich nicht ganz aus.

Bis ein heftiger Regenguss kurz nach der Pause den Abbruch erzwang, bekamen die Zuseher eine schwungvolle Inszenierung und üppige Kostümierungen vor die Augen geknallt. Besonders imposant und für Heiterkeit im Publikum sorgend: Monsieur Bonbon (Patrick Weber) in einem orangen Albtraum und Peter Lodynskis Hausherr Zins als - Pardon! - pissgelber Pudel. Dass die Festgäste der Familie Goldfuchs als Crossdresser auftraten, fiel da nicht mehr ins Gewicht. Nüchterner gekleidet aber stets präsent war Goran David als maliziöser Diener Johann. Ihm war das längste Couplet des Abends vorbehalten - jedoch kein Statement zur Finanzpolitik, sondern eine Schmähung des "unnatürlichen" Regietheaters.

Die bodennähere Familie Schlucker musste sich auch bei der Kleidung erdverbundener zeigen. Die Sympathien lagen ohnedies mehr bei den Armen (Horst Eder als Schlucker, Markus Mitterhuber als Damian, Barbara Kaudelka als Salerl) - auch wenn diese der Upperclass in puncto Verkommenheit kaum nachstehen.

So haben die beiden Familien doch mehr gemein als nur die Übermutti Elfriede Ott. (Dorian Waller, DER STANDARD/Printausgabe, 26.07.2010)

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