19 Tote, 342 Verletzte - das ist die (vorläufige) Bilanz des Unglücks bei der Loveparade am Samstag - Verantwortlich will dafür niemand sein
Am Tag danach war Ursachenforschung angesagt. Hätte man das Unglück bei der Loveparade verhindern können? Wer ist dafür verantwortlich, dass die Sicherheitsmaßnahmen offensichtlich versagt haben? Und waren tatsächlich 1,4 Millionen Menschen auf einem Gelände, das nur für ein paar Hunderttausend angelegt gewesen war? Das wollten die Journalisten bei einer Pressekonferenz in Duisburg wissen, sie erhielten aber nur vage Antworten. "19 Menschen sind gestorben, und Sie eiern da rum", rief einer verärgert.
Loveparade-Organisator Rainer Schaller und sein Pressesprecher verwiesen auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Man werde alles tun, um die Aufklärung zu unterstützen, könne aber keine "Detailfragen" beantworten. Bereits am Samstagnachmittag hatte die Staatsanwaltschaft, die wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt ermittelt, das Sicherheitskonzept der Veranstalter beschlagnahmt.
Klar ist, dass die Tragödie von Duisburg das Ende der Parade bedeutet, die 1989 erstmals in Berlin veranstaltet worden war (siehe Wissen). "Es ist vielleicht besser so", reagierte der Berliner DJ Dr. Motte, Erfinder der Loveparade, auf deren Ende. Er warf den Veranstaltern "totale Selbstüberschätzung" vor; man hätte wissen können, welche Gefahr drohe.
Die Ermittlungen konzentrieren sich auf einen 120 Meter langen und 16 Meter breiten Tunnel, durch den alle Raver mussten, um auf das Gelände zu kommen. Laut Augenzeugenberichten und Videos, die via Youtube und Twitter blitzschnell verbreitet wurden, brach dort eine Massenpanik aus, nachdem das Gelände wegen der Besucherströme abgeriegelt worden war. Der Duisburger Polizeipräsident Detlef von Schmeling erklärte hingegen am Sonntag, dass direkt im Tunnel niemand zu Tode gekommen sei. Vielmehr wären die meisten bei dem Versuch abgestürzt, das Festivalgelände über Treppen zu erreichen. 16 der 19 Opfer waren am Sonntag identifiziert, unter ihnen waren ein Holländer, ein Australier, ein Italiener und ein Chinese.
Sicherheitsbedenken
Zur genauen Besucherzahl wollte sich von Schmeling auch auf mehrfache Nachfrage hin nicht äußern. Man wisse nur, dass 105.000 Menschen mit der Bahn angereist waren. Demgegenüber stehen allerdings 570.000 Anrufe in der Nacht von Samstag auf Sonntag bei einer Notfall-Hotline. Zur Loveparade 2008 waren 1,6 Millionen Menschen gekommen, auch heuer hatte man mit über einer Million gerechnet.
Spiegel online berichtete am Sonntag, dass die Polizei bloß von einer halben Million Menschen auf dem 230.000 Quadratmeter großen Partygelände, dem alten Güterbahnhof, ausgegangen war. Außerdem wird ein nicht namentlich genannter Polizist zitiert, laut dem die Massenveranstaltung erst am 21. Juli von der Stadt genehmigt worden war - "und das auf knappen zwei Seiten, wo doch sonst für jedes Straßenfest locker das Fünffache an Papier vollgeschrieben wird". Ein Konzept der Duisburger Polizeiführung, das wesentlich größeren Personaleinsatz erfordert hätte, sei hingegen von der Stadtverwaltung verworfen worden. Panikforscher Michael Schreckenberg, der in die Planung der Loveparade einbezogen war, sagte am Sonntag: "Wir haben gewarnt, aber wir hätten vielleicht stärker warnen müssen."
In Bochum dürften die Behörden vorsichtiger gewesen sein: Dort hätte die Loveparade 2009 stattfinden sollen, wurde aber abgesagt - weil die Sicherheit nicht gewährleistet werden konnte. (Andrea Heigl, DER STANDARD - Printausgabe, 26.7.2010)