Die Türken vor Salzburg: Warum nicht in der EU?

Gerfried Sperl, 25. Juli 2010 18:16

Vehemente Gegner des Türkei-Beitritts zur EU müssen sich immer unbehaglicher fühlen

Heute, Montag, werden wieder einmal die Salzburger Festspiele eröffnet. "Türken vor Salzburg" lautete, dazu passend, in der Freitagausgabe der Süddeutschen Zeitung der etwas saloppe Titel des täglichen Kastens auf der Seite 1.

Der Unterschied zu 1683 (damals vor Wien, als uns Polen-König Sobieski mit Papst-Geldern vor den Osmanen rettete): Der Feldherr heißt Ahmet Kocabiyik, ist Unternehmer am Bosporus und begeisterter Anhänger von Mozart und Beethoven. Also kein Islamist, sondern stark europäisch orientiert.

Überhaupt war die Süddeutsche ganz ergriffen von türkischen Themen. Auf Seite 3 stand da ein Text über Istanbul, wo Bürgerinitiativen die Zerstörung der Altstadt aufhalten wollen. Und im"Panorama" wurden türkische Süßspeisen angeboten, deren europäischer Hintergrund (Beispiel: Milchreis, türk.: firin sütlac) Istanbul-Touristen seit Jahrzehnten bekannt ist.

Vehemente Gegner des Türkei-Beitritts zur EU müssen sich immer unbehaglicher fühlen. Die Türken sind in Österreichs Tourismus und Gastronomie-Wirtschaft ohnehin ein fixer Faktor. Jetzt belagern sie auch noch die ehrwürdigen Festspiele.

Diese Annäherung findet gleichzeitig bei der Auswahl der europäischen Kulturhauptstädte statt. Warum zwei der drei des Jahres 2010 Istanbul und Pecs heißen, begreift man bei einem Besuch dieser südungarischen Stadt.

In Wien geht seit langem der Spruch um, der Orient beginne am Rennweg. Definitiv fängt er im ehemaligen Fünfkirchen an, wo die einstmals größte türkische Moschee in Mitteleuropa heute eine römisch-katholische Kirche ist.

Das ist eine Umkehrung im Kleinen.Im früheren Konstantinopel ist Ende des 15. Jahrhunderts nach der Eroberung Ostroms durch die Türken die Hagia Sophia (oder: Aya Sofia) zur Moschee umgestaltet worden.

Die einzige, sehr alte Moschee von Pecs wird heute liebevoll gepflegt, obwohl es in der 150.000-Einwohner-Stadt nur 60 Muslime gibt. Ebenso die Synagoge, als Gotteshaus für eine überalterte 300-köpfige jüdische Gemeinde.

Was sollen also all die Hervorbringungen gegen den EU-Beitritt der Türkei?

Der osmanische Expansionsdrang? Deutschland hat in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Türkei sogar einen Vertrag zwecks Import von Arbeitskräften abgeschlossen. Das heute Problem ist hausgemacht - auch bei uns.

Die Geografie:Die Türkei liege nicht in Europa. Antwort:1.) Nur zum Teil. 2.) Es gibt auch eine kulturelle Geografie, die - was die türkischen Eliten betrifft - eindeutig in Europa liegt. 3.) Die Türkei, ein islamischer Staat? Nein. Sie ist ein Staat mit hoher islamischer Mehrheit. Die Verfassung ist westlich.

In der Neuen Zürcher Zeitung hat der israelische Historiker Dan Diner am 25. Juni für einen Neubeginn in den momentan zerrütteten israelisch-türkischen Beziehungen plädiert - und für eine Aufwertung der türkischen Rolle: Das Land sollte sogar die Kontrolle über Gaza übernehmen.

Ein Vorschlag mit Zukunft. Denn ein EU-Mitglied Türkei könnte ein europäischer Joker sein - in Politik und Kultur. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 26.7.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 218
1 2 3 4 5
habediehre habediehre
10.09.2010 00:41
an herrn sperl..

"Der Feldherr heißt Ahmet Kocabiyik, ist Unternehmer am Bosporus und begeisterter Anhänger von Mozart und Beethoven. Also kein Islamist, sondern stark europäisch orientiert."

Weil der Herr Kocabiyik, Mozart und Beethoven hört, ist er kein "Islamist".. waass??

Nun ein paar fragen an herrn sperl:
1) es gibt moslems keine islamisten.. Was beabsichtigen Sie damit mit dem "Islamisten"?

2)Soll das heißen, weill man Mozart und Beethoven hört, dass man kein Moslem ("Islamist") sein darf..

Donald Kerabatsos
16.08.2010 14:01

Ich vermisse Sperls "Christen-Klub"-Argumentation....
gäääähn

isidor vom billa
26.07.2010 22:56
Endlich

traut sich wieder einmal einer, optimistische - und mMn realistische - Visionen zu haben. Danke, Herr Sperl!

Kronski
26.07.2010 19:58
Europa geografisch zu begreifen

ist idiotisch. Es geht hier nur um Politik.
Die Türkei liegt angeblich nicht in Europa. Aber Zypern schon?
Bulgarien und Rumänien liegen definitiv in Europa. Aber wer sie kennt, wundert sich, dass diese Länder überhaupt "EU-reif" sind. Im Vergleich ist es die Türkei allemal.
Europa ist (geografisch) ein Fortsatz Asiens.
Und politisch mit der EU ein ziemlich scheinheiliges Gebilde.

Brel
26.07.2010 17:47

Die Türkei ist nicht reif für den EU-Beitritt und die EU ist nicht reif für den Türkei-Beitritt.

Elfmeter
26.07.2010 16:48
Nur historisch zu argumentieren, ist zu wenig, Herr Sperl!

Schön, wenn Sie Geschichte so gut verstehen, aber wenden Sie einen Blick ins "Heute" und Sie werden registrieren, dass die Türkei die EU nur deswegen ruft, damit sie ihre Probleme lösen möge (Kurden, Terroranschläge, Zypern, Islamisierung,....) . Aber dafür sind wir nicht da, Punkt!

RichardRoe
30.07.2010 10:47

Kaum. Das 70 Mio Volk der Türkei braucht Europa nicht für die Lösung seiner inneren Konflikte. Als Nato-Mitglied hat sie den milit. Schirm, den sie benötigt.

Hier wird in aller Überheblichkeit vergessen, dass die Türkei in den letzten Jahren ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 7% hatte, ein absoluter Traumwert für die EU. Die Türkei benötigt also den ungehinderten Zugang zu Märkten - das wäre mit der EU gewährleistet.

Die bittere Pille für die stark nationalistisch ausgerichtete Türkei ist das, was die Europäer im Gegenzug zum freien Marktzugang fordern! Und da zeigt sich, dass die Türkei noch einen weiten Weg zu europäischen Selbstverständlichkeiten zu gehen hat. Doch immerhin: der Wille, diesen Weg zu gehen, ist da!

Annemarie Veit
29.07.2010 12:53

...und bitte nicht die armenier vergessen!

Elfmeter
29.07.2010 12:56
Stimmt!

Deniz
26.07.2010 20:12

Nicht Kurden, die PKK Mösyö!

Zypern, die Probleme habt ihr ja selbst aufgenommen.
Wer hat wieder dem Annan-Plan nicht zugestimmt?
Bingo, blablabla....

Die EU ist aber da, wenn es um das Verkaufen von Waren geht, zollfrei natürlich.

Aber ich bin auch dafür, dass der Beitritt nicht für beide Seiten gut ist.

Hejaro Kardox
26.07.2010 23:31

Er meinte die Kurden Deniz, können Sie vielleicht nicht mehr lesen? Träumen Sie eigentlich nachts von der PKK?

habediehre habediehre
10.09.2010 00:56

das nennt man albträume, vielleicht deswegen, schaus dir mal an, also ich find das nicht lustig..

http://www.welt.de/politik/a... erkei.html

Deniz
27.07.2010 10:27

Ehrlich gesagt, habe ich das einmal.
Nachdem meine Nachbarn kurdischer Herkunft von PKK'lern mit einer Schusswaffe, Messer und Baseball Schläger einen Monatslohn abgeknöpft wurde.

aiuto
26.07.2010 16:47
Das ist eine Reaktion auf das nicht erschienene Posting von "Knieriem"

Wenn Sie schon 1453 erwähnen, dann würde ich Ihnen aber auch empfehlen, sich mit den Umständen auseinanderzusetzen, wie sich das damals abgespielt hat. Einigermaßen ausführlich nachzulesen ist das in wikipaedia unter "Konstantinopel".
Einerseits hatte man genug von den Kreuzzügen und den ständigen Auseinandersetzungen der Italiener, anderseits wartete man vergeblich auf die Hilfe der Lateiner, nämlich aus Venedig, Pisa und Genua.
Da hatte dann Mehmed II., eine in vieler Hinsicht hervorragende Persönlichkeit, 'leichtes' Spiel.
Bezüglich Bulgarien und Rumänien gebe ich Ihnen vollkommen recht. Von der wirtschaftl. Seite her hätte die Türkei weit eher die Qualifiaktion für eine EU-Mitgliedschaft.

WFL1
26.07.2010 16:42
Endgültiger Zusammenbruch der EU?

Die schweren Finanzprobleme der 10,5 mio Griechen haben vor einigen Monaten den EURO (und die EU) an den Rand des Zusammenbruchs geführt. Wie verblendet muss man sein, in welchen elfenbeintürmlichen Wolkenkuckucksheimen muss man sitzen, um auch jetzt noch den EU-Beitritt eines 80 mio großteils asiatischen Entwicklungslandes zu fordern? Das kann nur jemand fordern, der - wie schon andere Poster richtig schrieben - sich den endgültigen Zusammenbruch der EU wünscht.
Wünschen Sie sich diesen, Hr. Sperl?

Deniz
26.07.2010 20:20

Was gibt Ihnen die Sicherheit, dass ein Türkei Beitritt zu einem Zusammenbruch der EU führt? Können Sie in die Zukunft sehen?
(Wenn ja, ich möchte ein-einziges Mal im Lotto gewinnen, bitte)

Apropo, Wirtschaftskrise und Wachstumsraten, kennen Sie die türkischen Zahlen?

Der Nörgler Wien
 
26.07.2010 15:52
"...was die türkischen Eliten betrifft..."

Was leider oft übersehen wird, ist der Umstand, dass die Türkei nicht nur aus dem sehr westlich orientierten und fortschrittlichen Istanbul besteht, sondern zum größten Teil aus jenen Gebieten, die weit weg von diesen Zentren liegen (aus denen ja auch die größte Zahl der ersten Generation der Gastarbeiter stammt)

Bayro
26.07.2010 23:59

BRD besteht leider auch nicht nur aus Westdeutschland. Seit 20 Jahren wird Solidaritätszuschlag an Ostdeutschland gezahlt, für was und wie lange noch? Sie bekommen Renten, die sie nie eingezahlt haben, warum eigentlich? Die erste Generation der Gastarbeiter zahlte sich dumm und dappig in die Rente ein.
Ich denke, es gibt eindeutig ein West-Ost Gefälle, daher sollte BRD die EU verlassen.

Ich möchte auch nicht, dass die Türkei in die Eu beitritt. Aber lasst doch bitte dieses Bashing. das nervt!

Lord Schaumloeffel
26.07.2010 15:51
Vehemente Gegner des Türkei-Beitritts zur EU müssen sich immer unbehaglicher fühlen

nein, muss ich nicht. sterben muss ich. irgendwann.

im übrigen ist die eu jetzt schon viel zu groß, viel zu verschuldet und nicht mehr zu händeln. das hat gar nicht mal mehr mit den türken per se zu tun (obwohl...) sondern schlicht mit machbarkeit.

Geronimo 02
26.07.2010 15:20
hallo

herr sperl
alles sehr gut durchblickt und vor allem sehr weitschauend.
so wie es politiker gerne sehen.
und daher politiker gerne weiter plappern.
weil wir aber schon so bei 1) usw sind
1) 95% der türkei liegen aber schon in asien, oder?
oder 2) liegen dann nur fr die 5% der landfläche die menschenrechte zugrunde und die restlichen 95% tun sie weiter so wie sie wollen (mit den kurden)
3) da ja nordzypern anscheinend auch nicht in der eu liegt, wird uns dass eu-lerInnen sicher auch nicht tangoieren, gell?
oder
4) und die derzeitige meinung der türkei gegenüber den damaligen selbstmorden der armenier werden wir dann auch übernehemn, nehme ich an, oder?
wollen wir auch in bisschen weiter denken?

helmholtz
26.07.2010 18:24
auf eines ist Verlass…

…auf den österreichischen Kleingeist, dessen oberschlaue Präpotenz die sich reflexartig auf alles stürzt, was – selbst auf der Ebene gepflegter visionärer Diskussion – den eigenen Vorgarten-Gartenzwerg-Horizont überragt.

gell?

Geronimo 02
27.07.2010 14:01
hello

auf postings wie ersteres ist auf jedenfall eines verlass....
es finden sich in österreich immer, immer global-internationale großgeister/meisterdie sich reflexartig auf oberschlaue präpotnzler stürtzen um denen in ihrer überlegenen & lehrrechen großzügikeit in unnachahmlicher klarheit diesen deren "Vorgarten-Gartenzwerg-Horizont" vor augen führen können.
vielen dank für diese tolle vorführung und darstellung meines VGH.
es ist immer gut zu wissen, dass es in ö leute gibt, auf die man vertrauen kann und welche genau wissen, in welchen umfeld sie sich bewegen.
deher nehme ich an, sie übersehen nie etwas, oder?
kann ja auch nicht sein, gell?

Geronimo 02
27.07.2010 13:35
hallo

auf postings wie ersteres ist auf jedenfall eines verlass....
es finden sich in österreich immer, ...
ja immer global-internationale großgeister/meister die sich reflexartig auf oberschlaue präpotenzler stürtzen um denen in ihrer überlegenen & lehrrechen großzügikeit in unnachahmlicher klarheit diesen deren "Vorgarten-Gartenzwerg-Horizont" vor augen führen können.
vielen dank für diese tolle vorführung und darstellung meines VGH.
es ist immer gut zu wissen, dass es in ö leute gibt, auf die man vertrauen kann und welche genau wissen, in welchen umfeld sie sich bewegen.
deher nehme ich an, sie übersehen nie etwas, oder?
kann ja auch nicht sein, gell?

aiuto
26.07.2010 18:58
Sie haben vollkommen recht;

So sind sie halt, der Großteil unserer Landsleute. Bis die begreifen, wo und wie heute Geschichte geschrieben wird, da werden noch etliche Jahre ins Land ziehen,.... aber dann wird's zu spät sein.
Wenn's vor 1914 auch schon diesen Kleingeist gegeben hat, dann wunrdert's mich nicht, dass dieser Vielvölkerstaat zerfallen mußte.

aiuto
26.07.2010 18:52
Sie haben vollkommen recht.

So sind unsere Landsleute halt amal. Bis die begreifen, wo ujnd wie heute Geschichte geschrieben wird, da werden noch viele Jahre ins Land ziehen.
Wenn dieser Schrebergartengeist auch schon vor 1914 existiert hat, dann wundert's mich nicht, warum diese

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 218
1 2 3 4 5

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.