Vehemente Gegner des Türkei-Beitritts zur EU müssen sich immer unbehaglicher fühlen
Heute, Montag, werden wieder einmal die Salzburger Festspiele eröffnet. "Türken vor Salzburg" lautete, dazu passend, in der Freitagausgabe der Süddeutschen Zeitung der etwas saloppe Titel des täglichen Kastens auf der Seite 1.
Der Unterschied zu 1683 (damals vor Wien, als uns Polen-König Sobieski mit Papst-Geldern vor den Osmanen rettete): Der Feldherr heißt Ahmet Kocabiyik, ist Unternehmer am Bosporus und begeisterter Anhänger von Mozart und Beethoven. Also kein Islamist, sondern stark europäisch orientiert.
Überhaupt war die Süddeutsche ganz ergriffen von türkischen Themen. Auf Seite 3 stand da ein Text über Istanbul, wo Bürgerinitiativen die Zerstörung der Altstadt aufhalten wollen. Und im"Panorama" wurden türkische Süßspeisen angeboten, deren europäischer Hintergrund (Beispiel: Milchreis, türk.: firin sütlac) Istanbul-Touristen seit Jahrzehnten bekannt ist.
Vehemente Gegner des Türkei-Beitritts zur EU müssen sich immer unbehaglicher fühlen. Die Türken sind in Österreichs Tourismus und Gastronomie-Wirtschaft ohnehin ein fixer Faktor. Jetzt belagern sie auch noch die ehrwürdigen Festspiele.
Diese Annäherung findet gleichzeitig bei der Auswahl der europäischen Kulturhauptstädte statt. Warum zwei der drei des Jahres 2010 Istanbul und Pecs heißen, begreift man bei einem Besuch dieser südungarischen Stadt.
In Wien geht seit langem der Spruch um, der Orient beginne am Rennweg. Definitiv fängt er im ehemaligen Fünfkirchen an, wo die einstmals größte türkische Moschee in Mitteleuropa heute eine römisch-katholische Kirche ist.
Das ist eine Umkehrung im Kleinen.Im früheren Konstantinopel ist Ende des 15. Jahrhunderts nach der Eroberung Ostroms durch die Türken die Hagia Sophia (oder: Aya Sofia) zur Moschee umgestaltet worden.
Die einzige, sehr alte Moschee von Pecs wird heute liebevoll gepflegt, obwohl es in der 150.000-Einwohner-Stadt nur 60 Muslime gibt. Ebenso die Synagoge, als Gotteshaus für eine überalterte 300-köpfige jüdische Gemeinde.
Was sollen also all die Hervorbringungen gegen den EU-Beitritt der Türkei?
Der osmanische Expansionsdrang? Deutschland hat in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Türkei sogar einen Vertrag zwecks Import von Arbeitskräften abgeschlossen. Das heute Problem ist hausgemacht - auch bei uns.
Die Geografie:Die Türkei liege nicht in Europa. Antwort:1.) Nur zum Teil. 2.) Es gibt auch eine kulturelle Geografie, die - was die türkischen Eliten betrifft - eindeutig in Europa liegt. 3.) Die Türkei, ein islamischer Staat? Nein. Sie ist ein Staat mit hoher islamischer Mehrheit. Die Verfassung ist westlich.
In der Neuen Zürcher Zeitung hat der israelische Historiker Dan Diner am 25. Juni für einen Neubeginn in den momentan zerrütteten israelisch-türkischen Beziehungen plädiert - und für eine Aufwertung der türkischen Rolle: Das Land sollte sogar die Kontrolle über Gaza übernehmen.
Ein Vorschlag mit Zukunft. Denn ein EU-Mitglied Türkei könnte ein europäischer Joker sein - in Politik und Kultur. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 26.7.2010)