ÖVP-Wirtschaftsbundchef für Stressprävention - aber gegen Arbeitszeitverkürzung
Wien - Wirtschaftskammer- und Wirtschaftsbundpräsident Christoph Leitl hat am Samstag zugegeben, dass die Wirtschaft das Problem zunehmender psychischer Belastungen am Arbeitsplatz nicht ernst genug genommen hat.
In der ORF-Reihe Im Journal zu Gast wurde Leitl auf die gehäuften Fälle von Burnout angesprochen - er antwortete mit unerwarteter Offenheit: "Wir haben das verdrängt. Schauen Sie, das Burnout oder die Depressionen, die sind im Zunehmen, und wir müssen uns dieser Frage grundsätzlich stellen." Allerdings reiche es nicht, einfach die Betriebe dafür verantwortlich zu machen, dass der Arbeitsdruck zu hoch geworden ist. In seinem Verantwortungsbereich, bei der Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft (SVA), soll es ab kommendem Jahr zur Stressbewältigung psychotherapeutische Vorsorge geben.
Diese wird aber nur SVA-Versicherten (also Unternehmern und Selbstständigen) zugutekommen, doch könne sich Leitl vorstellen, dass ein erfolgreiches Modell von anderen Kassen übernommen werde. Generelle Psychotherapie auf Krankenschein kann sich Leitl allerdings nicht vorstellen.
Dabei verweist etwa die Arbeiterkammer Niederösterreich darauf, dass selbst Lehrlinge schon unter psychischer Überlastung leiden: 53 Prozent sind nach einer Umfrage unter 900 Lehrlingen regelmäßig davon betroffen. "Das gilt bereits für Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren" , sagt AK-Bildungsexperte Günter Kastner, "mehr als jeder zehnte Lehrling gibt sogar an, chronisch oder sehr häufig betroffen zu sein." Im Vergleich zu den Vorjahren steigt auch die Zahl der psychischen Probleme und Erkrankungen.
Präsident Hermann Haneder von der niederösterreichischen Kammer sieht ein Alarmzeichen: "Gerade bei der Belastbarkeit sind Jugendliche nicht mit Erwachsenen gleichzusetzen. Leider neigen sie dazu, sich zu überfordern, und sind bereit, zu viele oder zu schwere Aufgaben zu übernehmen. Die Arbeitgeber und die Betreuer müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und feinfühlig auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Lehrlinge eingehen."
Leitl unterstrich im ORF, dass die Entlastung nicht in Form einer Arbeitszeitverkürzung möglich sei: "Wenn wir eine Arbeitszeitverkürzung diskutieren, machen wir nur den Asiaten und Amerikanern eine große Freude und uns selbst einen Schaden. Daher gehe ich einmal davon aus, dass es diesbezüglich keinen heißen Herbst geben wird. Wir haben einen heißen Juli hinter uns, und wir werden einen moderaten Herbst vor uns haben, wenn es darum geht, faire Abschlüsse zu machen, Kaufkraft zu erhalten, ohne dass sie dann der Staat durch Steuern und Abgaben abschöpft. Und das sollte die Sozialpartner verbinden; und hier würde ich eigentlich froh sein, wenn auch unser Sozialpartner vis-à-vis sich ein bisschen stärker einbringt und auch weniger über neue Steuern redet."
ÖVP-Finanzsprecher Günter Stummvoll behauptete am Wochenende, dass die Steuerideen von SPÖ-Spitzenpolitikern auch in deren eigener Partei auf Widerstand stoßen würden: Auch die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) sei ja gegen eine neue Reichensteuer. (cs, DER STANDARD, Printausgabe, 26.7.2010)