Leitl zu Burnout: "Wir haben das verdrängt"

25. Juli 2010, 17:40

ÖVP-Wirtschaftsbundchef für Stressprävention - aber gegen Arbeitszeitverkürzung

Wien - Wirtschaftskammer- und Wirtschaftsbundpräsident Christoph Leitl hat am Samstag zugegeben, dass die Wirtschaft das Problem zunehmender psychischer Belastungen am Arbeitsplatz nicht ernst genug genommen hat.

In der ORF-Reihe Im Journal zu Gast wurde Leitl auf die gehäuften Fälle von Burnout angesprochen - er antwortete mit unerwarteter Offenheit: "Wir haben das verdrängt. Schauen Sie, das Burnout oder die Depressionen, die sind im Zunehmen, und wir müssen uns dieser Frage grundsätzlich stellen." Allerdings reiche es nicht, einfach die Betriebe dafür verantwortlich zu machen, dass der Arbeitsdruck zu hoch geworden ist. In seinem Verantwortungsbereich, bei der Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft (SVA), soll es ab kommendem Jahr zur Stressbewältigung psychotherapeutische Vorsorge geben.

Diese wird aber nur SVA-Versicherten (also Unternehmern und Selbstständigen) zugutekommen, doch könne sich Leitl vorstellen, dass ein erfolgreiches Modell von anderen Kassen übernommen werde. Generelle Psychotherapie auf Krankenschein kann sich Leitl allerdings nicht vorstellen.

Dabei verweist etwa die Arbeiterkammer Niederösterreich darauf, dass selbst Lehrlinge schon unter psychischer Überlastung leiden: 53 Prozent sind nach einer Umfrage unter 900 Lehrlingen regelmäßig davon betroffen. "Das gilt bereits für Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren" , sagt AK-Bildungsexperte Günter Kastner, "mehr als jeder zehnte Lehrling gibt sogar an, chronisch oder sehr häufig betroffen zu sein." Im Vergleich zu den Vorjahren steigt auch die Zahl der psychischen Probleme und Erkrankungen.

Präsident Hermann Haneder von der niederösterreichischen Kammer sieht ein Alarmzeichen: "Gerade bei der Belastbarkeit sind Jugendliche nicht mit Erwachsenen gleichzusetzen. Leider neigen sie dazu, sich zu überfordern, und sind bereit, zu viele oder zu schwere Aufgaben zu übernehmen. Die Arbeitgeber und die Betreuer müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und feinfühlig auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Lehrlinge eingehen."

Leitl unterstrich im ORF, dass die Entlastung nicht in Form einer Arbeitszeitverkürzung möglich sei: "Wenn wir eine Arbeitszeitverkürzung diskutieren, machen wir nur den Asiaten und Amerikanern eine große Freude und uns selbst einen Schaden. Daher gehe ich einmal davon aus, dass es diesbezüglich keinen heißen Herbst geben wird. Wir haben einen heißen Juli hinter uns, und wir werden einen moderaten Herbst vor uns haben, wenn es darum geht, faire Abschlüsse zu machen, Kaufkraft zu erhalten, ohne dass sie dann der Staat durch Steuern und Abgaben abschöpft. Und das sollte die Sozialpartner verbinden; und hier würde ich eigentlich froh sein, wenn auch unser Sozialpartner vis-à-vis sich ein bisschen stärker einbringt und auch weniger über neue Steuern redet."

ÖVP-Finanzsprecher Günter Stummvoll behauptete am Wochenende, dass die Steuerideen von SPÖ-Spitzenpolitikern auch in deren eigener Partei auf Widerstand stoßen würden: Auch die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) sei ja gegen eine neue Reichensteuer. (cs, DER STANDARD, Printausgabe, 26.7.2010)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 108
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Cuchullain
00
29.7.2010, 07:39
Leitl zu Burnout: "Wir haben das verdrängt" ....

soll wohl heißen: "Wir haben das in Kauf genommen"

Shaman141
 
00
28.7.2010, 14:36
...

genau - bekämpfen wir wieder mal das symptom statt der krankheit! typisch leitl, typisch österreich!

lettermann
 
01
28.7.2010, 12:44
Erkrankung der Seele. Wie Krebs aber unsichtbar Nicht Arbeitmacht krank sondern die damit verbundene Machtausübung

Auch die beste Psychotherapie kann die Fehlentwicklung in unserem Sein nicht heilen
Depression entsteht durch äußeren und/oder inneren Druck und nur eine Wegnahme dieses Druckes kann zur Besserung, Neuorientierung führen.Die Sinnfrage,der Zweck des Daseins muss geklärt werden und zwar von den Erkrankten selbst.
Dies bedarf der Hilfsbereitschaft von uns allen da der Glaube an sich und andere nicht durch Medikamente sondern nur durch Kameradschaft
und Vertrauen erwirkt werden kann.
Solange man nur die Funktionsfähigkeit und nicht die Heilung anstrebt wird jede Therapie versagen und der Krebs frisst sich weiter.Medikamente behandeln die Symptome.Psychotherapie soll die Ursache ergründen.Arbeit soll eine Bereicherung und keine
Last sein.

Linus Tintifax
00
28.7.2010, 15:34
haarspaltung

arbeit hat noch niemanden glücklich gemacht. sie entspricht am ehesten tätigkeiten die gemacht werden MÜSSEN. vorschlag: freiwillig gewählte beschäftigung oder auch beruf entsprechen eher der von ihnen thematisierten bedeutung. nur, von der kann heutzutage kaum jemand leben, denn tätigkeiten die wirklich spaßmachen sind selten im wirtschaftlichen sinne produktiv....

M. W.
00
28.7.2010, 01:49

Weiter unten in den Kommentaren steht sehr viel richtiges. Die Burn Outler haben ja schon alle eine Psychotherapie hinter sich. Nämlich jene, die sie vom System verpasst bekommen haben. Ein System, in dem es nur um den maximalen Profit für wenige geht, kann dem Rest nicht gut tun.
Es ist einfach unendlich dämlich, das kranke System weiterzuführen und zu glauben, daß man alle mit Psychologen wieder gesund therapieren könnte. Dort bekommen sie dann Märchen erzählt, was sie bei sich alles ändern müssen - das System, in dem sie sich bewegen, ist ja eh völlig in Ordnung.
Der Parkplatz der SCS ist eben auch nur begrenzt belastbar - genauso ist das bei den Menschen.

Totaler Durchblicksstrudel
00
28.7.2010, 10:19
"um den maximalen Profit für wenige geht"

Wenn dem so wäre, würde Österreich mit dieser derart desaströsen Statistik nicht alleine da stehen!
Schlimm hierzulande ist nicht die oben zitierte Maxime, sondern die Art und Weise, wie die Arbeit organisiert wird. Sonst gäbe es nicht die viele Probleme diesbezüglich in staatlichen und halb-staatlichen Arbeitsbereichen!
Anstatt wie in anderen Ländern, die den Wettbewerb schon längst verinnerlicht haben, wird in Österreich mit Vorliebe über Druck auf den Einzelnen versucht zu "führen". Unternehmen (aber auch die Verwaltung) müssen deren Verantwortungsträger zu einer anderen Führungskultur anleiten: mehr mitreißen, als ausquetschen, könnte man diesbezüglich fordern!

Totaler Durchblicksstrudel
01
27.7.2010, 22:04

Das Problem ist nicht die Arbeitszeit. 35, 38,5 oder auch 40 Stunden, das macht diesbezüglich keinen Unterschied.
Aber Strukturen, die zur Selbstausbeutung führen, ja zur Selbstaufgabe, fehlende Trennung zwischen Arbeit und Freizeit (Handy, Mail), kaum vorhandenen Kontrollen der gesetzlichen Vorgaben (Arbeitsinspektorate), schlechte, unfaire Kollektiverträge (jaja, die Gewerkschaften und die Arbeiterkammer), unfähige Betriebsräte und zu guter Letzt noch Manager, die nicht in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen (aber immer erste bei den Prämien sind), das hat Österreich in diese verflixte Situation geführt. :-(
Ja, ein großer Haufen Unbedarfter, die auf wettbewerbsfähig machen!

EuroExpert
00
29.7.2010, 08:16
frage

wer arbeitet heutzutage nur noch zwischen 35 - 40 std pro woche ??? durch die all-in verträge schaut die realität ja ganz anders aus......

Totaler Durchblicksstrudel
00
30.7.2010, 16:38

Ja, man arbeitet 60 Stunden und ist darüber hinaus immer am Handy erreichbar. Dafür kann man sich dann auch mit 35 in die Invaliditätspension verabschieden und das Unternehmen kann wieder einen 25-jährigen anstellen.
Würde auch nur ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter derart in den Wahn treibt dafür verurteilt und müsste daher den Schaden gutmachen, würden die Firmen diesbezüglich mehr acht geben.

M. W.
00
28.7.2010, 01:57

Sie haben so recht.
Aber das werden die Psychotherapeuten sicher alles wieder beim einzelnen "hintherapieren". Ein bißchen in der Kindheit forschen, ein bißchen mit der Streßsymptomatik konfrontieren, ein bißchen die Angst malen, tanzen oder singen und schon ist irgendein ein Übel und die Lösung gefunden. Oder vielleicht nur irgendeine Erklärung. Eigentlich höchst bizarr, daß man die Leidtragenden des Systems glauben läßt, sie könnten selbst irgendetwas verändern. Aber ich kann verstehen, daß gerade die ÖVP dieser Form der Gehirnwäsche auf Krankenschein sehr offen gegenübersteht.

egon edi ohne strachwitz
10
27.7.2010, 18:43
sie machen und schaffen burn out

unsichere arbeitsplätze,unsichere zukunft im verein mit wenig lohn,im verein mit noch weniger lohn,mit unsicheren arbeitsplätzen-halt övp

nimmerlustig
00
28.7.2010, 20:10
SPÖ-Edi, Baron von Strachwitz:

Da gebe ich dir Recht, denn: die Unternehmen, in denen die SPÖ das Sagen hat(te) gibts ja eh z.T. nimmer, da kannst ja kein Burn Out bekommen, höchstens Kopfweh:
ÖBB, AUA, ÖGB (abgespeckt), Konsum, Post, BAWAG usw. - ja sogar die eigene Partei haben sie ins Eck manövriert.
Die paar hundertausend Betroffenen werden es ihnen schon danken.

ÖVP, die abzocker der nation
01
27.7.2010, 14:40
hohles blabla

" "Wir haben das verdrängt. Schauen Sie, das Burnout oder die Depressionen, die sind im Zunehmen, und wir müssen uns dieser Frage grundsätzlich stellen." Allerdings reiche es nicht, einfach die Betriebe dafür verantwortlich zu machen, dass der Arbeitsdruck zu hoch geworden ist."

leere worte, kein inhalt. auf deutsch: die betriebe haben keine mitschuld am zunehmen psychischer erkrankungen wie depression und burnout. klasse einstellung!

links kritik
 
22
27.7.2010, 08:24
arbeitszeitverkürzung bringt nix

da hat er recht der leitl.
lieber sollen all in verträge oder überstundenpauschalen mit mehr als 20 stunden abgeschafft werden.

Ton Steine Scherben
15
27.7.2010, 00:59

Ich befürchte, dass uns die ÖVPIdeologie alle krank macht. Hackeln für die Kapitalisten - bis zum Umfallen....

links kritik
 
00
27.7.2010, 08:30
glaub nicht das uns die spö ideologie

- lass die anderen arbeiten bis sie umfallen - gesünder macht

En Sabah Nur - Apocalypse
01
27.7.2010, 09:34

Dann müssen wir wieder auf die Bankerideologen zurückgreifen... lass dein Geld in China arbeiten oder sonst wo. 50% von jedem Dollar der seit 1970 erwirtschaftet wurde landete bei dem 1% Superreichen. Generalstreik und wir können uns in 3-4 Wochen das doppelte leisten!

per verser
01
27.7.2010, 09:31

hirnlosigkeit ist in gewissem sinne auch eine krankheit.

robert king
01
26.7.2010, 18:59
ich gebs gerne zu, das ist jetzt sträflich verkürzt und

ziemlich polemisch. würde in den industriestaaten die umverteilung nicht gänzlich aus dem ruder laufen und ein grösserer teil des von ihnen erarbeiteten vermögen bei den arbeitnehmern bleiben. dann gäbe es mehr konsum, der reale lebensstandard würde nicht kontinuierlich sinken und verweise auf china - ich erinnere nur an die unmenschlichen arbeitsbedingungen, die viele mitarbeiter in den selbstmord treibt - könnte sich der hr. leitl auch sparen. nachdem aber die gier einiger weniger schier unermesslich scheint, muss wohl der staat über eine reichensteuer - leider - regulierend eingreifen.

damit ist keinesfalls der unternehmerische mittelstand gemeint. über die eigentumsverhältnisse in A gibts zb eine studie der öst. nationalbank.

Foromat
01
26.7.2010, 22:57

eine reichensteuer ist reine polemik, selbst wenn wir bei - was ist geplant - jahreneinkommen jenseits der 300k 5% mehr einheben, so ist es eine beruhgungspille für den mob, den jenseits der 300 kratzt das nicht wirklich.

es ist nur ein weiterer mosaik stein, warum wir es nicht schaffen werden top arbeitskräfte in unsere land zu holen, da die zB die schweiz einen spitzensteuersatz von 35% bietet (kantonal unterschiedlich, aber so ab 700.000 CHF jahreseinkommen), d.h. die steuern sind jetzt schon zu hoch, eine reichensteuer kann ich mir vorstellen, wenn endlich einkommen unter 25k besteuert werden (wenn auch nur gering) und einkommen zwischen 25k und 300k entlastet werden.
man soll endlich vermögen/immobilen > 100k besteuern.

Heiliger Proletarier
03
26.7.2010, 18:01
Frust als Systemerhalter zu dienen

Der Grund für Burnout liegt oft am schlechten Betriebsklima und daran , dass viele Menschen keinen Sinn darin sehen, als Systemerhalter und Steuerzahler einer hundstorferischen Unsozialpartnerschaft zu dienen. Da kann auch Leitl' s erbärmliches Zahnpastalächeln, gleich dem der Bewohner rumänischer Favelas, nichts behübschen!

e_auto1
03
26.7.2010, 16:25
2 Klassengesellschaft...

...auf die sich auch hier alles hinbewegt. Wer wenig verdient, muß länger arbeiten um sich das gleiche leisten zu können wie ein "Gutverdiener"; d.h. er hat weniger Zeit sich um sein Privatleben (soziale Kontakte, eigenes Wohlbefinden etc.) zu kümmern. Obendrein bleibt kaum Zeit für die Kindererziehung und das Vorleben im Umgang mit Mitmenschen -> I-Phone und Facebookgesellschaft... und so schließt sich der Kreis weil die Lebensfreude (Motivation) verloren geht.

Foromat
11
26.7.2010, 23:00

ich bin kein spitzenverdiener aber ich verdiente in AT um die 100k eur.

ich kenne auch leute, die 200-300k eur verdienen, für die gibts kein privatleben mehr, keine überstunden etc.

das "privatleben" findet oft nach der arbeit mit den kollegen statt.

ihre vorstellungen von besser verdienenden jobs ist ein bissl verklärt. die müssen auch arbeiten, manchaml sogar ein bissl härter als die schlechter bezahlten jobs (soll keine verallgemeinerung sein, ausnahmen bestätigen die regel)

e_auto1
11
27.7.2010, 09:29

...nicht böse sein, aber meinen Sie nicht, daß Ihre Definition vom "Spitzenverdiener" sehr unterschiedlich definierbar ist? Ich bin Ihnen nicht neidig um ihre 8000 Euro monatlich, aber ich denke ich bringe mehr als 25% Ihrer Arbeitsleistung und habe auch mehr als 25% entsprechend Ihrer Verantwortung - entsprechend meinem Gehalt, welches nur 25% von Ihrem beträgt. Wenn ich jetzt auch nur 25% von Ihrer Arbeitszeit rechnen würde (ich gehe davon aus, daß Sie bis zu 14h und mehr arbeiten), also 3,5h, hätte ich seeeeehr viel Zeit mich um mein Privatleben zu kümmern. Leider ist auch mein Tag oft nach 10 Stunden nicht aus und es gibt am Wochenende noch Rufbereitschaft (Mein Beruf spiegelt sich in etwa in meinem Namen wider)

loundy
 
01
27.7.2010, 01:26
ich glaube der unterschied zwischen den beiden gruppen ist nicht die menge an arbeit...

sondern der druck unter dem man steht.

mit ihrem einkommen sind sie in der lage hin und wieder einen urlaub zu machen wenn es sein muss, ein arbeitsplatzverlust würde sie nicht sofort in existenzielle probleme drängen, sie könnten sicher noch die nächsten mieten bezahlen ohne angst sofort obdachlos zu werden, wenn ihr durchlauferhitzer oder ihr auto kaputtwerden müssen sie sich nicht zwischen weniger essen oder nicht heizen entscheiden und über ausgaben wie mal ein essen oder einen kinobesuch müssen sie nicht grossartig nachdenken.

und das schlimmste: keine perspektive dass sich was bessert.

ich kenn das von meiner kindheit, und auch wenn ich heute auch ständige 60h-wochen und beruflichen druck kenne ist das kein vergleich...

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