Suche nach Schuldigen für Massenpanik in Tunnel mit 19 Toten - Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung - mit Video
Duisburg/Wien - Der Organisator der Loveparade, Rainer Schaller, hat am Sonntag das "Aus" der Loveparade für die Zukunft verkündet. "Worte reichen nicht aus, um das Maß meiner Erschütterung zu erklären", sagte er bei einer Pressekonferenz nach der Massenpanik in Duisburg mit 19 Toten und rund 340 Verletzten. "Mir ist alles daran gelegen, die Geschehnisse vollständig aufzuklären."
Die Staatsanwaltschaft Duisburg ermittelt nun wegen fahrlässiger Tötung. Die Ermittlungen richteten sich gegen unbekannt, sagte Staatsanwalt Rolf Haferkamp am Sonntag. Die Ermittlungsbehörde habe das Sicherheitskonzept der Loveparade von den Veranstaltern und der Stadt Duisburg beschlagnahmt. Die Papiere seien bereits am Samstagnachmittag sichergestellt worden.
Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) hat nach der Massenpanik bei der Loveparade appelliert, "keine voreiligen Schuldzuweisungen" vorzunehmen. Er könne verstehen, dass die Frage nach dem Warum im Vordergrund stehe. Die Behörden sollten aber in Ruhe und mit der notwendigen Zeit das Unglück untersuchen. "Wir haben alle Akten an die ermittelnden Behörden bereitwillig übergeben", sagte Sauerland.
Gegen-Sicherheitskonzept der Polizei verworfen
"Spiegel-Online" meldete am Sonntagmittag, dass ein
alternatives von Polizei und Feuerwehr erstelltes Sicherheitskonzept im
Vorfeld am Widerstand der Stadt gescheitert sei. Unter Berufung auf die
Duisburger Polizeiführung schreibt "Spiegel-Online", dass dieses Konzept
vorgesehen habe, die Besucher "großflächiger" anreisen zu lassen und
die eingetretene Nadelöhr-Situation mit nur einem Zugang zum Gelände zu
verhindern. Dies hätte allerdings einen weitaus größeren Personaleinsatz
erfordert und sei von der Stadtverwaltung verworfen worden.
Die Polizei und die Stadt Duisburg forschten am Sonntag unter
großem öffentlichen Druck nach den Ursachen. Vordringlichste Aufgabe
sei zunächst die Versorgung der Verletzten, hieß es. Unklar ist noch,
wie schwer die Verletzungen sind. Die Fragen drehten sich jedoch
vor allem um das
Sicherheitskonzept. Das für die
Loveparade ausgewählte alte
Bahnhofsgelände kann maximal 250.000 Menschen aufnehmen. Zur der
Party waren nach Angaben der Behörden
aber etwa 1,4 Millionen
Menschen nach Duisburg gekommen. Es gab nur einen Zugang zum
Festgelände, und der war nur durch zwei
sehr lange Straßentunnel
unter den Bahngleisen zu erreichen.
Viele tausende Besucher der
Techno-Party gelangten nach dem
Desaster in der Nacht ohne weitere
Zwischenfälle nach Hause. Die
Räumung des Geländes habe "reibungslos geklappt", teilte ein
Polizeisprecher am frühen Sonntagmorgen mit.
Niederländer, Australier, Italiener und Chinese unter den Toten
"Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat sofort ein
Ermittlungsverfahren eingeleitet", sagte Schmeling. Die meisten Toten seien auf der westlichen Seite der
Zugangsrampe gefunden worden. Das Alter der Opfer liege zwischen "etwas über 20 und knapp unter 40
Jahren, also junge Erwachsene".
Nach der Tragödie bei der Loveparade in
Duisburg hat die Polizei 18 der 19 Toten identifiziert. Bei der
Massenpanik starben elf Frauen und acht Männer. Unter den Toten sind
elf Deutsche, wie Polizei und Staatsanwaltschaft Duisburg am Sonntag
berichteten. Hinzu kommen Opfer aus den Niederlanden, Australien,
Italien, China, Spanien und Bosnien.
Schmeling bezweifelte die
kolportierten Besucherzahlen. Es gebe Hubschrauberaufnahmen, die
zeigten, dass der Platz "zu keiner Zeit vollständig gefüllt war". Die
einzige belastbare Zahl gebe es durch die Zuführung der Deutschen Bahn
(DB). Er bezifferte die Zahl der per Zug angereisten Besucher mit
105.000, die in der Zeit von 9.00 bis 14.00 Uhr per Zug nach Duisburg
kamen. Der erhebliche Teil der Gäste sei mit der Bahn angereist.
Zweifel bereits im Vorfeld
Bisher hat das Außenministerium in Wien keine Hinweise auf Österreicher unter Toten. Das sagte Außenamtssprecher Peter Launsky-Tieffenthal am Sonntag. Auch habe es bisher weder bei der österreichischen Botschaft in Berlin, noch beim Außenministerium Anrufe besorgter Angehöriger gegeben. Ebenfalls keine Hinweise gab es bisher auf betroffene Österreicher unter den schwerer Verletzten der Tragödie. Die Polizei bzw. das Krankenhauspersonal habe offenbar die diplomatischen Vertretungen zumindest der schwerer Verletzten bereits informiert, die österreichische Botschaft sei nicht darunter gewesen.
Bereits im Vorfeld der
Technoparade hatte es Zweifel gegeben, ob das Gelände und der Zugang
für die Menschenmassen geeignet sein
würden. Die Katastrophe löste im In-
und Ausland eine Welle der Trauer und
des Entsetzens aus. Zugleich mehrte sich Kritik an den Organisation.
Der deutsche Bundespräsident Christian
Wulff forderte eine
rückhaltlose Aufklärung.
Duisburgs Oberbürgermeister: Sicherheitskonzept war "stichhaltig"
Das Drama nahm am Samstagmittag seinen Lauf - das tödliche
Nadelöhr war der Tunnel: Hunderttausende
hatten sich auf den Weg zum
alten Güterbahnhof gemacht. Sie wurden aus zwei Richtung dorthin
geleitet, die Massen trafen zwischen
zwei Tunneln aufeinander, wo ein
gepflasterter Weg zum Güterbahnhof hinaufführt. Nach Zeugenaussagen
entstand dort eine unerträgliche Enge. Menschen versuchten, eine
Mauer und eine Treppe hinaufzuklettern. Als einige von ihnen aus
mehreren Metern Höhe in die
Menschenmasse unter ihnen stürzten, brach
nach Polizeiangaben Panik aus.
Duisburgs OberbürgermeisterSauerland verteidigte
das
Sicherheitskonzept gegen die sofort
aufbrandende Kritik als
"stichhaltig". Es "lag nicht am
Sicherheitskonzept, das nicht gegriffen hat, sondern wahrscheinlich
an individuellen Schwächen", sagte er nach der Katastrophe. Feuerwehren und andere Rettungsdienste auch aus dem
weiteren Umland starteten einen gigantischen Einsatz. Die am
Partygelände vorbeiführende Autobahn 59, die
aus Sicherheitsgründen
ohnehin gesperrt war, wurde zum Anlaufpunkt für Rettungsfahrzeuge und
Hubschrauber.
In den Tunnels, in denen
sich die Katastrophe
abspielte, fuhren noch Stunden später Notarztwagen mit Blaulicht.
Leichtverletzte Loveparade-Besucher wurden mit Bussen in Kliniken
gefahren. Bis nach Mitternacht verließen Leichenwagen den Unglücksort. Die
Polizei hatte das Gelände mit Zäunen und Sichtblenden weiträumig
abgesperrt. In der Nacht kamen erste
Trauernde zu dem Tunnel, um ihr
Mitgefühl mit den Opfern zu bekunden. Einige zündeten Kerzen an.
Bundeskanzlerin Merkel geschockt - Ministerpräsidentin Kraft "total betroffen"
Die deutsche Bundeskanzlerin
Angela Merkel zeigte sich geschockt
und sagte: "Zum Feiern waren die jungen
Menschen gekommen,
stattdessen gibt es Tote und Verletzte." Der
Präsident der
Europäischen Kommission, Manuel Barroso, kondolierte zum Tod so
vieler Menschen. Die
Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die
Grünen
im Bundestag, Renate Künast und Jürgen Trittin, forderten eine
"genaueste Untersuchung des Vorfalls".
Nordrhein-Westfalens neue
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ließ sich in der
Einsatzleitstelle der Polizei über die Entwicklung unterrichten.
Sie
äußerte sich "total betroffen" und sagte, sie fühle mit den
Angehörigen der Gestorbenen und sorge
sich um die Verletzten.
Papst Benedikt XVI. hat am Sonntag der Todesopfer bei der Loveparade in
Duisburg gedacht. "Ich gedenke in meinen Gebeten der jungen Menschen,
die ihr Leben verloren haben", sagte der Papst in seiner Sommerresidenz
Castel Gandolfo in der Nähe von Rom. Ihn erfülle "tiefe Trauer".
Pleitgen: "Mitverantwortlich, aber eher im moralischen Sinne"
Die Loveparade unter dem Motto
"The Art Of Love" gilt als eine der
wichtigsten und größten Veranstaltungen zur "Ruhr.2010" im
Kulturhauptstadtjahr. Der
Cheforganisator Fritz Pleitgen zeigte sich
schockiert. "Ganz klar fühle ich mich auch mitverantwortlich, aber
eher im moralischen Sinne", sagte Pleitgen Samstagnacht im ZDF.
Die Raver-Parade war 1989 in
Berlin gegründet worden und ist 2007
in Ruhrgebiet gezogen. 2009 hatte die
Stadt Bochum kein geeignetes
Gelände gefunden. In Duisburg fand sie erstmals auf einem
abgeschlossenem alten Bahngelände mit nur 15 Wagen, den sogenannten
Floats, statt. Dabei musste lange um die
Finanzierung gekämpft
werden. Die hoch verschuldete Stadt
steht unter Haushaltsaufsicht und
brauchte für ihre Ausgaben die
Zustimmung des Landes. Im Sommer 2011
soll die Loveparade in Gelsenkirchen
Station machen. (APA/red)
Info-Hotline
Die Polizei hat eine Telefonnummer eingerichtet,
unter der sich Angehörige von Opfern informieren können. Hotline:
0203/ 94 000, aus Österreich 0049203/94000.