Ungarn braucht keine "Daumenschrauben"

23. Juli 2010 22:25

EU und IWF messen mit zweierei Maß - von Ernst Michael Brauner

Bei Gesprächen in Budapest, in denen es um die Auszahlung der nächsten Rate, eines Ende 2008 zugesagten Notkreditpakets in Höhe von 20 Milliarden Euro ging, haben die Euronationen ihre Toleranzgrenzen gegenüber schwächeren Nationen offenbart. Nachdem die Ungarn sich keine weiteren, von der EU geforderten Sparmaßnahmen zur Konsolidierung ihres Staatshaushaltes aufhalsen wollten, stoppten die internationalen Geldgeber (EU und IWF) die Verhandlungen und sperrten die versprochenen Hilfsgelder.

In der Folge verlor der Forint an Wert, und die ungarische Börse ging mit den Bären auf Talfahrt. Ungarn, das erst vor kurzem noch von EU-Währungskommissar Olli Rehn in Brüssel ob seines niedrigen Haushaltsdefizit und seines überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum innerhalb der EU gelobt wurde, steht nun erst recht vor einer Krise. Eine Krise, die die Magyaren scheinbar nur durch Gehorsam gegenüber Brüssel und nicht durch Sparen bewältigen können.

Uneinsichtiger Sünder?

"Für die internationalen Geldgeber ist Ungarn das geeignete Land, um ein Exempel zu statuieren", meint Oliver Stock, Ressortleiter von Finanzen und Börsen im Handelsblatt. Stock, der als ehemaliger Österreichkorrespondent des Handelblattes sehr profund über die Finanzplätze in Osteuropa berichtete, begründet seine gewagte Ansicht durch die besondere Situation Ungarns:

"Das Land lebt sichtbar über seine Verhältnisse. Es verfügt zudem noch eine eigene Währung, die unter Druck geraten kann, ohne den Euro nachhaltig in Mitleidenschaft zu ziehen. Es ist groß genug, um aufzufallen, und klein genug, um im Krisenfall keinen Dominoeffekt auszulösen. Ungarn ist damit das ideale Land, das sich zur Warnung an sparunwillige Griechenlands und Portugals in der EU anbietet.

Wie einen uneinsichtigen Sünder wollen die Finanziers, Ungarn zu Abschreckung an den öffentlichen Pranger stellen". Sollte die These von Stock auch nur annähernd stimmen, dann wäre das Verhalten der EU und des IWFs eine ganz große Sauerei. Ungarn, das sind ca. zehn Millionen Menschen, die am 1. Mai 2004 mit Freude und Stolz der Europäischen Union beigetreten sind. An ihnen ein Exempel zu statuieren, damit ein paar machtgierige Politiker und immerhungrige Manager in verschuldete EU-Staaten zur Vernunft kommen, ist krank und unwürdig für die Staaten der europäischen Union.

Die Ungarn haben im Gegensatz zu vielen anderen EU-Nationen schon angefangen zu sparen.

Sie haben die überhöhten Beamtenbezüge und deren beträchtliche Renten gekürzt. Sie haben der Korruption den Kampf angekündigt. Sie werken an einer nachhaltigen sozialen Marktwirtschaft, um schlussendlich das Joch jahrelanger kommunistischer Planwirtschaft, von der der Osten Ungarns noch immer gezeichnet ist, abzuwerfen. Und sie haben schon im Vorfeld des EU-Beitrittes 2004 mit rigorosen Sparprogrammen überzeugen können.

Die Ungarn brauchen nicht die Daumenschrauben der EU, um ihren Staatshaushalt zu konsolidieren. Was sie brauchen, ist ein wenig mehr Zeit, internationales Vertrauen und eine europäische Staatengemeinschaft, die hält, was sie 2008 versprochen hat. (Ernst Michael Brauner, DER STANDARD, Printausgabe 24./25.7.2010)


Ernst Michael Brauner ist freier Wirtschaftsjournalist in Wien.

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    Posting 1 bis 25 von 62
    1 2
    blablabla blablabla
    25.07.2010 17:00
    diese Probleme wären zu vermeiden,

    www.wiweb.at

    Systemfrage

    omar chamra
    25.07.2010 16:45
    Hier werden alle Gemeinplätze des sich links gebenden Antikapitalismus geäußert.

    Und einige Poster, die keine Ahnung von Ungarn haben wiederholen die mantra von der bösen IMF, vom Geld das regiert und vom braven angeblich antikapitalisitischen Orbán.
    Tatsache ist, dass Orbán hofft mit seinem "double talk" das Ausland aber insbesondere das Inland anzuführen, denn im Oktober gibt es Lokalwahlen in Ungarn.
    In einer Rede in Rumänien sagte er, der "westliche Kapitalismus ist gescheitert", daraus könnte man folgern, dass der östliche Kapitalismus - also der russische und chinesische - sein Vorbild sind.
    Orban hat ausser der Politik der nationalen Symbole seinem Volk gar nichts zu bieten. Und er hat nichts gegen die Rechtsextremisten, die er ja lange genug aufgepäpelt. Aber das stört die Antikapitalisten nicht.

    nemand
    27.07.2010 14:07

    Sie haben das vereinfacht. Einmal gibt es Veraenderungen bei den Steuern. Ich weiss nicht, ob Sie die ung. Steuersystem kennen, aber mit dem 16% Personaleinkommenssteuer verlieren viele einen bedeutenden Teil ihres Lohnes, die Gesellschaftssteuer wird (unter 500 Millionen HUF jaehrlichen Einkommen) auf 10% geliefert (Stützung der Kleinfirmen). Im staatlichen Sphere sind die Löhne eingefrostet, und die Löhne der staatlichen Grossbetrieben maximalisiert.

    Ungarn brauch Zeit, und dann kann die Kritik kommen.

    oblomow II
    25.07.2010 15:02
    vor 1918

    ... waren die österreicher schuld. dann die juden, dann die russen,
    no jetzt sind halt wieder andere schuld.

    die ungarn sind halt einfach opfer! oder?

    HunOK
    25.07.2010 14:34
    Ungarn und das Überleben

    Die Ungarn haben in den letzten Jahrtausenden alle ihrer Feinde überlebt. Wo sind heute schon die Tataren, die Türken, oder die Sovjets?
    Ungarn braucht es schon lange nicht mehr, in Europa anzukommen. Wenn es statt Ausnutzung, Unterdrückung und falscher Belehrung endlich echte Unterstützung und ehrliche Freundschaft von den anderen europäischen Völkern bekommen würde, wäre ganz Europa ein grosses Stück besser.
    Aber, was sollen die Träume? Wie dieser Artikel zeigt, gibt es doch noch Journalisten, die es trotz grossem Widerstand wagen, über die Wahrheit zu schreiben. Hut ab vor Herrn Brauner! Und was die Falschen betrifft; Ungarn wird sie alle überleben!

    habitus
    09.09.2010 21:11

    jól beszélsz, barátom, oder anders: gut gebrüllt, löwe..

    Hermine Berg
     
    25.07.2010 12:52
    in ungarn wird grad vorgefuehrt

    was passiert, wenn die politik gegen die finanzimperien aufmuckt.

    Enrico Furioso
    25.07.2010 12:20
    Ungarn wird gerade eine Lektion für das Leben beigebracht:

    Imperat in toto regina pecunia.

    Janosch bacsi
    25.07.2010 15:08

    Noch dazu ungedecktes Falschgeld vom IWF.

    hazafi
    25.07.2010 11:17
    Macht

    Die Macht der herrschenden Klasse wurde international.
    Deren Interrese steht im Gegensatz zu den nationalen Interessen Ungarns.
    Daher ist wichtig zu zeigen, Orban darf die Interessen seines Volkes nicht vertreten, er ist doch nur Ministerpräsident eines Staates, und der Staat ist die Gewaltorganisation der internationalisierten herrschenden Klasse.
    Ich verstehe nicht, wieso unterstützen hier die kommentierer meistens die Geldiktatur?

    1116er
    26.07.2010 07:51
    würde 'die herrschende klasse'

    ein völlig unabhängiges ungarn erpressen, ihr willfährig zu sein, dann könnte ich ihre bedenken teilen.

    aber ungarn hat von sich aus die zugehörigkeit zu dem system, dem die 'herrschende klasse' vorsteht, gewollt. es genießt die goodies aller art, aber will die unangenehmeneren folgen einer mitgliedschaft nicht mittragen. (eigentlich genau dasselbe, was auch die heimische dodel-partei den dodeln in diesem land vorlügt!).

    ps.: ich würde an ihrer stelle etwas vorsichtiger sein mit dem gebrauch des begriffs 'herrschende klasse'. denn im verhältnis zu vielen dritte-welt-staaten und deren bevölkerung sind SIE und ich ehrenwerte und gewinneinsackende mitglieder dieser klasse!

    oblomow II
    25.07.2010 14:24
    weil er lügt ...

    ... und seine macht zu zementieren versucht, indem er nationale gefühle anheizt gegen jede wirtschaftliche vernunft...

    risi ko
    25.07.2010 12:35

    ja .. das verstehe ich auch nicht bei vielen kommentaren .. hab manchmal den eindruck da sind "profiposter" am werk ..

    1116er
    25.07.2010 07:45
    "..die am 1. Mai 2004 mit Freude und Stolz der Europäischen Union beigetreten sind."

    beigetreten sind sie.
    sind sie aber auch in europa angekommen?

    und bezieht sich 'stolz' auf: ich bin stolz, ein europäer zu sein? diese einstellung haben garantiert nicht 10 millionen ungarn! eher: ich bin stolz, ein ungar zu sein und die europäischen goodies konsumieren zu können.

    ps.: herr brauner. ich halte die von ihnen zitierte theorie des exempels für nicht sehr glaubwürdig/wahrscheinlich.
    aber wenn es so sei: ich finde, dass es höchste zeit ist, dass brüssel mal kräftig dreinhaut! und wenn das ungarn oder (in einem hoffentlich demnächst eintretenden fall) irgendeinem anderen land nicht passt: seit lissabon ist der austritt aus der eu relativ einfach möglich!

    I. O.
    25.07.2010 16:29
    Ungarn auch ein

    NATO-Land...Vergessen Sie nicht diese Kleinigkeit.

    Janosch bacsi
    25.07.2010 19:17

    Hoffentlich nimmer lang.

    Enrico Furioso
    25.07.2010 12:16
    "ich finde, dass es höchste zeit ist, dass brüssel mal kräftig dreinhaut! "

    Ja, ja, die österreichischer Seele. Da der starke Mann - aka der Führer - nicht mehr so angesehen ist, ist an seine Stelle das starke Brüssel getreten, das jetzt an Stelle des Führers kräftig reinhauen soll.

    risi ko
    25.07.2010 03:29

    die eigentliche "sünde" die ungarn begeht, ist die einführung einer bankensteuer ..
    dabei ist die doch vor allem auch zur reduktion der schulden, das wollen doch eu und iwf ...

    Standard Leser4
     
    25.07.2010 10:46

    Die "Suende" ist nicht die Einfuehrung einer Bankensteuer. Diese Steuer werden ja auch andere Laender einfuehren muessen. SONDERN DIE HOEHE DIESER STEUER! Herr Orban hat anscheinend den alten Merksatz vergessen:
    Wenn ich eine Kuh melken will, muss ich diese ordentlich fuettern!

    risi ko
    25.07.2010 12:32

    die "kuh" ist aber ein unersättlicher vielfraß, die mitunter gleich den bauer mitverschlingt

    Standard Leser4
     
    26.07.2010 12:57

    Bei uns verschlingen keine Kuehe Ihre Bauern sondern geben Milch und daraus wird Kaese und Butter, also Wohlstand. Nur die "dummen" Bauern wissen dies nicht zu nutzen!

    tante kommunismus
    25.07.2010 01:18
    Und sie haben schon im Vorfeld des EU-Beitrittes 2004 mit rigorosen Sparprogrammen überzeugen können.

    nicht dass wir nicht schon gewusst hätten, womit man im hier und jetzt überzeugt. wen eigentlich? aha, das kapital.

    Wer Steuern zahlt, ist selber schuld!
     
    24.07.2010 21:35
    Ungarn braucht keine "Daumenschrauben"!

    Eine Peitsche tut's auch!

    fangdenhut
    24.07.2010 18:43
    Was hat die Staatengemeinschaft 2008 versprochen?

    Mitgliedsländern, die auf das Staatsgebiet anderer Mitgliedsstaaten schielen, die Schulden vorzustrecken? Kann ich mir nicht vorstellen, denn immerhin würde das der Maastricht-Vertrag eigentlich verbieten (auch wenn Papier ja geduldig ist, wie sich im letzten halben Jahr gezeigt hat).

    17+4
    24.07.2010 17:34
    von Solidarität zeigt die EU und IWF

    jedenfalls nichts.

    Man sollte vielleicht doch überlegen, aus der EU auszutreten, denn wer braucht da noch Feinde?

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    Posting 1 bis 25 von 62
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