BURNOUT

Selbstverantwortung gefragt

23. Juli 2010, 19:29

Das ist ein Symptom in einer Gesellschaft, in der vieles nicht stimmt, in der so gut wie alles "Unbrauchbare" weggeworfen wird

Burnout wird gerade nachhaltig enttabuisiert: Statistiken, Betroffenenberichte, Auswegwegweiser. Schnell zur Stelle sind auch die Schuldzuweisungen - für Gesundheitsminister Alois Stöger sind die Firmen "schuld". Damit hat er höchstens teilweise recht. Ja, vor allem in Konzernen werden Menschen auch verwendet oder entsorgt, leiden unter narzisstischen Störungen ihrer Chefs, fallen Spielregeln eines Systems zum Opfer, das als belastend und zerstörerisch empfunden wird. Die unausgesprochene Devise lautet: leben, um zu gewinnen, egal was, egal gegen wen. "Unbrauchbares" wird weggeworfen.

Das ist ein Symptom in einer Gesellschaft, in der vieles nicht stimmt, in der so gut wie alles "Unbrauchbare" weggeworfen wird, von frischen Lebensmitteln über Handys nach sechs Monaten bis zu Menschen, die nicht passen. Ein riesiger Verlust an Respekt im Großen, im Detail und auch - und das vergisst der Gesundheitsminister - vor sich selbst. An der Massendiagnose Burnout zeigt sich, dass nicht bloß das Gefühl für sich selbst und seine Grenzen abhandengekommen ist, sondern auch der Respekt vor sich selbst und seinen Bedürfnissen. Burnout macht eine Schieflage im gesamten ultrabeschleunigten Leben sichtbar, ist multifaktoriell.

Strukturierte Prävention und Heilungsunterstützung ist Firmensache. Um Selbstverantwortung gibt es aber keinen Umweg. Sie ist der Angelpunkt. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.7.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 75
1 2
S. Enfspender
01
25.7.2010, 18:30
Burnout als Folge von Streß.

Zu Streß gibt es eine treffende Definition von Oliver Hassencamp: "Streß ist der Bazillus, der von Unsicheren in leitenden Stellungen auf die Mitarbeiter übertragen wird."
Vielleicht sollte man den "Unsicheren" noch die
"Unfähigen", die "Menschenverachtenden" und die "Ausbeuter" hinzufügen und dann hat man fast alle Ursachen erfaßt, die nicht von der eigenen Person und deren Selbstverantwortung ausgehen.

Erwin Wolfram
01
25.7.2010, 17:41

daemlicher artikel als hilfe fuer den nazitrend massnahmen und menschrechtswidrige sklavendienste saloonfaehig und gewinnfaehig zu machen und die psychologie sich daran reich erregen zu lassen.

durazell
01
25.7.2010, 16:19
Der Tenor der Postings spricht wohl Bände, Frau Bauer.

tante kommunismus
03
25.7.2010, 13:38
"Unbrauchbare"

karin bauer spricht eigentlich die wahrheit aus: in der marktwirtschaft ist ein mensch nur kostenfaktor. ist er nicht mehr RENTABEL - im sinne von: er mehrt den profit VON ANDEREN (unternehmen) - wird er weggeschmissen (der neoliberale FAZ-herausgeber schirrmacher hat sich dbzgl ja auch die euthanasie-frage gestellt: sollte man die FÜRS KAPITAL unbrauchbaren nicht einfach "wegmachen?"). nicht mehr, nicht weniger. aber sie will nicht konsequent sein. die konsequent wäre nämlich eine absage ans herrschende wirtschaftssystem.

silverfinger
04
25.7.2010, 13:08

aha ... ist firmensache aber eigentlich ist man selbst schuld!

wenn ich zur firma sage - "ich glaub das wird mir alles zu viel" dann sagen die sicher "oh nein wir müssen einem burnout vorbeugen"

Firmen interessieren sich nur solange für arbeitnehmer als sie produktiv für die selbe sind

furman
02
25.7.2010, 12:18

Zusammenfassung:

Ja, es gibt Druck, Ausbeutung, Leiden, ja, ich weiss eh, ja ja ja (ich kann es nicht mehr hören). Aber im Grunde sind sie selber schuld.

Vielleicht nur deswegen, weil sie dieses Spiel (zugespitzt: Mein Sein ist das Sein der Firma) zu ernst genommen haben/zu ernst nehmen mussten und dann ausgespuckt wurden. Frau Bauer deutet hier an, dass sie im Gegensatz zu dessen Verlierern nicht so dumm ist, die von ihr vorgeblich bestätigte Weltsicht (mit dem Angelpunkt "Selbstverantwortung") tatsächlich für bare Münze zu nehmen. Der nahe Umgang mit deren Propagandisten macht wohl schlau.

Nebenbei verschiebt sie den Fokus auf "Empfindungen" (Einbildung?), auf die subjektiv (fehl)gefärbte Wahrnehmung von Druck durch das "System" (!!!

1000undeine8
01
25.7.2010, 12:06

eine karambolage auf der autobahn. ein passant kommt heran, öffnet die tür eines fahrzeugs und flüstert dem lenker ins ohr:

"oh je, ihnen ist nicht bloß das gefühl für ihr auto und seine grenzen abhandengekommen, sondern auch der respekt vor ihm und seinen bedürfnissen. ihr unfall macht eine multifaktorielle schieflage in ihrem ultrabeschleunigten fahrstil sichtbar."

der benommene lenker: "hä?"

passant: "um verantwortung für sein fahrzeug gibt es keinen umweg. sie ist der angelpunkt! tschüss!"

tante kommunismus
05
25.7.2010, 11:45
selbstverantwortung, die zweite

schon anfang der 1980er hat beck sich mit der "selbst-kultur" auseinandergesetzt; festgestellt: es gibt massenarbeitslosigkeit und -armut, aber sie wird - im gegensatz zur weimarer republik, wo noch klar war: ok, wir (arbeitslose und noch in arbeit stehende) sind LOHNABHÄNGIGE, wir haben was gemeinsam (untertanen des kapitals), das ist ein KOLLEKTIVES schicksal, also hilft man sich gegenseitig - unter dem titel "selbstverantwortung" (selbst schuld) abgehandelt. es wird so getan, als wären das einzelschicksale, was impliziert, dass er einzelne sein "schicksal" in der hand hätte - was eine lüge ist.
man nennt das auch (neo)liberale ideologie. diese mündet idr im klassenrassismus/klassismus.

tante kommunismus
00
25.7.2010, 13:45
„Individualisierung widerspricht nicht, sondern erklärt das Eigentümliche dieser ‘neuen Armut’. Die Massenarbeitslosigkeit wird unter den Bedingungen der Individualisierung den Menschen als persönliches Schicksal aufgebürdet.

[...] Das Kollektivschicksal ist in den klassenzusammenhanglosen, individualisierten Lebenslagen zunächst zum persönlichen Schicksal, zum Einzelschicksal mit nur noch statistisch vernommener, aber nicht mehr (er)lebbarer Sozietät geworden und müsste aus dieser Zerschlagung ins Persönliche erst wieder zum Kollektivschicksal zusammengesetzt werden.“ (Beck 1986, 144)

beck lehnt in diesem zusammenhang die rede von der "selbstverantwortung", die doch nur eine schuldzuweisung ist fürs scheitern (wobei die gesell. verhältnisse, an denen man scheitert, ausgeblendet bleiben!) klar ab.

Systemrelevante Ausländerin
00
25.7.2010, 11:42
selbstverantwortung fängt schon bei den journalisten an

dinorf
 
02
25.7.2010, 10:27

.....der "Mensch" ist ein Nutztier...........

tante kommunismus
012
25.7.2010, 01:33
wenn ich nix hab außer meiner arbeitskraft - wie die mehrheit -,

dann muss ich mich nach jenen richten, die alles haben: diesen muss ich untertan sein, betteln: "gib mir ein bissl, bitte, damit ich überleben kann!" vllt sagen sie: "ja, du darfst für mich arbeiten: du darfst von 8-20h MEINEN reichtum mehren, dafür kriegst ein krümerl." weil ein krümerl nicht lang reicht, muss man jeden tag wieder betteln und untertänig sein. vllt heißt's dann mal: "keine lust mehr, ich hab billigere untertanen in china oder ungarn; oder einen gratis pratikanten, beste untertanenart."

da muss man vorsichtig sein, also sich ins zeug legen. sich anstrengen, auf dass man ja dem herrscher ein guter untertan ist. sonst sucht er sich nen anderen.

perfekter untertan sein, ist anstrengend.

Farinelli
01
25.7.2010, 15:01

so ein tolles treffendes kommentar zur momentanen schei... x gesellschaftlichen ordnung...

tante kommunismus
00
25.7.2010, 16:43
es gibt ein zitat,

das bringt wohl - metaphorisch gesprochen - die sache mit dem reichtum anderer mehren und dem krümel auf den punkt:

"Wenn der Seidenwurm spänne, um seine Existenz als Raupe zu fristen, so wäre er ein vollständiger Lohnarbeiter." (Karl Marx)

tante kommunismus
013
24.7.2010, 23:42
Selbstverantwortung

Die neoliberalen Predigten von Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft, der Sorge um sich (und niemand anderen) sind immer begleitet (gewesen?) von der Bedrohung, an ihnen zu scheitern und dafür auch noch individuell verantwortlich gemacht zu werden. Als Person mit allen Denkweisen, Emotionen, Handlungsgewohnheiten in ein hegemoniales Projekt wie den Neoliberalismus eingebunden zu sein bedeutet, sich umfassend vermarkt- und verwertbar zu machen. So sehr sich die Anforderungen ausweiten, die unterschiedlichsten Aspekte der eigenen Persönlichkeit zu bearbeiten, so hoch ist die existenzielle Bedrohung, aus sozialen Zusammenhängen heraus zu fallen.

http://is.gd/dESMr

der Kosmoprolet
014
24.7.2010, 23:33
karin bauer

als repräsentantin der aufwandsverteiler steht auch hier, wie immer, zu ihrem wort: leugnen, abwälzen, leugnen.

suboptimal
 
022
24.7.2010, 22:05
Da ist ein dicker Denkfehler drin.

Burnout merken die Betroffenen selber nicht, zumindest nicht so rechtzeitig, dass sie für sich selber noch etwas tun könnten.
"Die charakteristischen Merkmale sind eine körperliche und emotionale Erschöpfung, anhaltende physische und psychische Leistungs- und Antriebsschwäche, sowie der Verlust der Fähigkeit, sich zu erholen."
Aus dieser Position völlig am Boden fällt es schon schwer zu begreifen, was mit einem überhaupt passiert ist, geschweige denn, selber aktiv zu werden.

Beliar
09
25.7.2010, 07:45
kann ich nur zustimmen

(auch in meinem bekanntenkreis so gelaufen), nur manche, dies nicht kennen bagatellisieren das. selbstverantwortung ist - wenn man mal drin ist - nix als ein schönes wort

buff flyer
01
24.7.2010, 20:23
sehr schwierig zu objektivieren

wenns spass macht und passt, tuts auch nicht weh. da sitzt man in der glücklichen lage, dass arbeiten keine qual ist und alles geht easy - beruf und privat.

wenns nimmer passt wirds mühsam, egal wie viel oder wenig die "objektive" belastung ist.

Nr 14379
01
24.7.2010, 21:33
in erster Linie

wirds immer schwieriger Berufs- und Privatleben unter einem Hut zu bringen. Weil ohne Privatleben könnt man jeden zweiten Tag bis 21 Uhr im Büro bleiben. Aber so muss man das was man sonst bis 21 Uhr erledigt hätte bis 17 Uhr erledigen. Und das ist dann stressig.

buff flyer
20
24.7.2010, 22:59
das kann ich jetzt nicht ganz nachvollziehen

ich hab zwei (inzwischen relativ grosse) kinder und bin seit gut 20 jahren verheiratet (ja: mit derselben frau).

wir waren immer ein team und das war immer so ausgemacht. und ich hab viel in der firma machen müssen und wenig freizeit gehabt.

und wir haben es hinbekommen- heute sind wir "gesettled" und wenn mein mädel sagt "papa ich brauch..." kann ich ein kleines scherzchen mit ihr machen (zb: "ich hab nix...")

aber im kern ist es gelaufen. ich habs ja gesagt "glückliche lage"

dahofawors
00
24.7.2010, 20:35
sie glücklicher

hab auch schon spass gehabt, nur gibts problem, wenn man/frau nicht nach den eigenen grenzen leben kann/darf.
obwohl die ganz klar gespürt werden.
und auch das nicht immer.
aber wird schon werden.
spätestens wenn wir tot sind, ist dann endlich schluß mit lustig.
ich mag auch alle.
die mit auto in arbeit fahren, weil sie angst haben, grindigen leuten in u-bahn zu begegnen, und sich über hitze im büro beklagen.
wobei heute sandler in waggon einstieg, mit messer in der hand.
fand ich auch nicht mehr lustig. er putzte sich fingernägel, vorher schnitt er an verkrusteter narbe am finger.

buff flyer
00
25.7.2010, 00:21
also ich fahr immer mit der strassenbahn

aber ich fürchte mich auch nicht, vor nichts und niemandem ("nix und nermans" ist "wecker-freiheit")

das hab ich bei vater staat gelernt, wie man einem den hals abdrückt (gottseidank hab ichs nie gebraucht), und das merken die burschen auch, dass ich das kann und ruhe ist im puff.

dahofawors
013
24.7.2010, 19:24
nur so ein beispiel...

hab seit märz für arch-büro am projekt skylink (flughafen wien) gearbeitet. bis ende juni.

dort: jeden monat ein fertigstellungstermin. zusammenhang mit politik muß wohl nicht erklärt werden.

am schluß hab ich -nicht vereinbart, aber für akkord-arbeit üblich- prämien gefordert. wurde abgewimmelt.
tw. 15 arbeitstd täglich! (2-3 x pro monat)

ohne pause dann übertritt in stammbüro.

dort natürlich erst urlaub, wenns den chefitäten passt.
projektleiter wörtlich auf meine bitte um urlaub:
wenn projekt nicht startet, kannst du länger gehen.

von vereinbarter anstellung auch keine spur. muß erst vertrauen da sein, ob ich eh mit allen projektleitern kann, meinte der personalchef.

schöne neue arbeitswelt....

tante kommunismus
03
24.7.2010, 20:38
Frau Bauers Expertentipp, exklusiv im Standard:

"Um Selbstverantwortung gibt es aber keinen Umweg. Sie ist der Angelpunkt."

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Posting 1 bis 25 von 75
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