Das ist ein Symptom in einer Gesellschaft, in der vieles nicht stimmt, in der so gut wie alles "Unbrauchbare" weggeworfen wird
Burnout wird gerade nachhaltig enttabuisiert: Statistiken, Betroffenenberichte, Auswegwegweiser. Schnell zur Stelle sind auch die Schuldzuweisungen - für Gesundheitsminister Alois Stöger sind die Firmen "schuld". Damit hat er höchstens teilweise recht. Ja, vor allem in Konzernen werden Menschen auch verwendet oder entsorgt, leiden unter narzisstischen Störungen ihrer Chefs, fallen Spielregeln eines Systems zum Opfer, das als belastend und zerstörerisch empfunden wird. Die unausgesprochene Devise lautet: leben, um zu gewinnen, egal was, egal gegen wen. "Unbrauchbares" wird weggeworfen.
Das ist ein Symptom in einer Gesellschaft, in der vieles nicht stimmt, in der so gut wie alles "Unbrauchbare" weggeworfen wird, von frischen Lebensmitteln über Handys nach sechs Monaten bis zu Menschen, die nicht passen. Ein riesiger Verlust an Respekt im Großen, im Detail und auch - und das vergisst der Gesundheitsminister - vor sich selbst. An der Massendiagnose Burnout zeigt sich, dass nicht bloß das Gefühl für sich selbst und seine Grenzen abhandengekommen ist, sondern auch der Respekt vor sich selbst und seinen Bedürfnissen. Burnout macht eine Schieflage im gesamten ultrabeschleunigten Leben sichtbar, ist multifaktoriell.
Strukturierte Prävention und Heilungsunterstützung ist Firmensache. Um Selbstverantwortung gibt es aber keinen Umweg. Sie ist der Angelpunkt. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.7.2010)